Schnellauswahl

EZB: Das Ende einer langen Zurückhaltung

File photo of an euro logo sculpture in front the European Central Bank headquarters in Frankfurt
(c) REUTERS (RALPH ORLOWSKI)
  • Drucken
  • Kommentieren

Die Europäische Zentralbank "druckt" mehr als eine Billion Euro. Der Vergleich müsste Mario Draghi unsicher machen: In den USA scheint die Geldschwemme zu wirken. Für Japan ist sie eher ein Fluch.

Bis zum Donnerstag hatte sich die Europäische Zentralbank (EZB) wesentlich weniger „locker“ gegeben als die anderen großen Notenbanken. Mitte 2009 begann sie, Pfandbriefe um 60 Mrd. Euro zu kaufen, 2011 legte sie 40 Mrd. drauf. Mehr Erfolg hatten zwei Programme, durch die Banken zu Liquidität kamen. Zwischen Mai 2010 und September 2012 erwarb auch die EZB mittel- bis langfristige Staatsanleihen. Aber sie „sterilisierte“ die Käufe, glich sie also durch andere Verkäufe aus. Die Bilanzsumme stieg dadurch nicht (sehr wohl aber durch andere Maßnahmen). Damit war der Umfang beschränkt: In Summe kaufte sie um 210 Mrd. Euro, großteils Bonds.

Im Sommer 2012 aber, als die Existenz des Euro auf dem Spiel stand, ersetzte EZB-Präsident Draghi den beschränkten Kauf durch ein unbegrenztes Versprechen: „Whatever it takes“ würde er einsetzen, um die Einheitswährung durch den Kauf von Anleihen gegen die Zusicherung von Reformen zu retten. Zum Einsatz kam „OMT“ nie, aber es drückte die Risikoaufschläge der Krisenländer kräftig. Als aber im Vorjahr die Wirtschaft stagnierte und die Inflation weit unter das Zwei-Prozent-Ziel rutschte, ritt Draghi wieder in die Schlacht: Die Bilanzsumme sollte sich um eine Billion auf das Niveau von 2012 erhöhen. Dass dies ohne groß angelegte Anleihenkäufe möglich sei, glaubten die meisten Beobachter von Anfang an nicht. Sie sollten recht behalten.

Tollkühne Fed: Große Beträge, großes Risiko

 

Fed
(c) EPA (JIM LO SCALZO)

Die US-Wirtschaft brummt wieder. Auch eine Leistung der Notenbank?

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat die Zentralbank Fed sehr kräftig eingegriffen, um die Wirtschaft nach dem Schock der Finanzkrise wieder in Schwung zu bringen. Von Anfang an verzichtete sie auf das „Sterilisieren“, schuf also auf dem Computer neues Zentralbankgeld und blähte ihre Bilanzsumme auf – auf mehr als das Fünffache ihres Wertes von 2007. Während sie vor der Krise etwa 800 Mrd. Dollar an US-Staatsanleihen hielt, sind es heute Assets um die 4,5 Billionen. In mehreren Wellen kaufte sie Treasuries, aber auch besicherte Kreditpapiere, um das Schuldenrisiko am Immobilienmarkt zu lindern. Dazu kam die „Operation Twist“, bei der die Fed kurzfristige Staatsanleihen verkaufte und in langfristige Bonds reinvestierte.

Mit welchem Erfolg? Tatsache ist, dass die amerikanische Wirtschaft heute wieder als Lokomotive der Weltkonjunktur dient. Auch die Inflationsrate konnte auf Werte deutlich über ein Prozent stabilisiert werden. Ob dieser Erfolg aber auf die Geldpolitik zurückzuführen ist, darüber gehen die Einschätzungen stark auseinander. Zumindest dürfte die wichtigste Notenbank der Welt mit ihrem kompromisslosen Agieren ein gewisses Vertrauen wiederhergestellt haben, was zu mehr Investitionen und Konsum führt. Das Klumpenrisiko, das sie dafür in Kauf nehmen musste, ist freilich groß: Die Fed ist heute der größte Gläubiger für die immer weiter anwachsenden US-Staatsschulden.

Die Briten folgen dem Vorbild der USA

Auch die Bank of England blähte ihre Bilanz auf. Sie erntet Lob und Skepsis.

Bank Of England
(c) Bloomberg (Simon Dawson)

Die Angelsachsen sind sich einig: Expansive Geldpolitik mit allen Mitteln soll sie aus Krisen führen. Also folgten die Briten dem amerikanischen Vorbild. Auch die Bank of England kaufte schon seit 2009 in großem Stil Staatsanleihen auf, meist die „Gilts“ aus dem eigenen Land. Die relativen Grenzen sind dabei hoch angesetzt: Bis zu 70 Prozent jeder Tranche könnte die Notenbank halten, nur 30 Prozent müssen dem Markt verbleiben. Ergänzt wurden die Programme durch kleinere Volumina an Unternehmensanleihen.

So hat sich die Bilanzsumme der britischen Zentralbank vervierfacht. In Summe „druckten“ die Hüter des Pfunds 375 Mrd. durch den Kauf von Wertpapieren. Heute halten sie ein Drittel der ausstehenden britischen Staatsschuld. Wie in den USA bleibt offen, wie stark diese Maßnahmen zur Erholung der Wirtschaft beigetragen haben. Die Wachstums- und Inflationsraten stimmen jedenfalls. Erst in den letzten Monaten bewegt sich auch die britische Teuerung in Richtung null. Aber wie gefährlich ist das wirklich? Die Schweizer haben jedenfalls wenig Angst vor Deflation: Sie leben seit 2009 mit sinkenden oder stagnierenden Preisen – und erfreuen sich zugleich gesunden Wachstums. Auch ihre Notenbank hat die Bilanz mächtig aufgebläht, relativ zum BIP sogar rekordverdächtig. Aber da die SNB vor allem Fremdwährungen zur Franken-Stabilisierung kauft, ist ihr „QE-Effekt“ kaum zu isolieren.

Nippons Notenbanker sind gescheitert

Nirgendwo anders war Quantitative Easing so wirkungslos wie in Japan.

 

Bank Of Japan Governor Haruhiko Kuroda News Conference
Bank Of Japan Governor Haruhiko Kuroda News Conference(c) Bloomberg (Kiyoshi Ota)

Wenn Gegner der monetären Lockerung die Wirkungslosigkeit von gefährlichen unkonventionellen Maßnahmen vor Augen führen wollen, greifen sie zum Beispiel Japan. Im Land der aufgehenden Sonne wurde QE erstmals angewandt. Schon zur Jahrtausendwende kaufte die Bank of Japan in großem Stil Staatsanleihen, weil der Leitzins bereits nahe null lag und die Deflation nicht mehr anders zu bekämpfen schien. Trotz schlechter Erfahrungen ergaben sich Nippons Notenbanker auch nach der Finanzkrise dem Anleihekaufrausch. Den Höhepunkt erreichte die ultralockere Geldpolitik unter den „Abenomics“ von Premierminister Abe.

Aber der Erfolg wollte sich nicht einstellen. Von 2009 bis 2011 fielen die Preise. In den beiden Jahren darauf lag die Inflationsrate auf oder nahe null, erst im Vorjahr stieg sie an. Die Staatsschuldenquote ist die höchste unter allen Industrieländern. Die Wirtschaft kommt nicht vom Fleck. Die Abwertung des Yen hat zwar die Exporte etwas belebt, aber unter dem Strich kam Japan seit 2010 kaum voran. Im Grund hat sich die japanische Volkswirtschaft vom Crash Anfang der Neunzigerjahre nie mehr wirklich erholt. Geldpolitik scheint, auch in ihrer höchsten Dosierung, unter diesen Bedingungen machtlos zu sein. Mehr noch: Die Mittel, die „Zombie-Unternehmen“ durch forcierte Kredite zukamen, dürften die notwendige Modernisierung nur hinausgezögert haben.