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Pop

Linke Lieder mit Fragezeichen

Proletenpassion
(c) Yasmina Haddad / werk-x.at
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„Proletenpassion FF.“ Kann man Heinz R.Ungers Klassenkampf-Revue aktualisieren? Schwer, aber man kann sie zur Diskussion stellen. Das gelingt derzeit im Werk X sehr gut.

Sozialismus, den muss man erst bauen; und wer, wenn nicht wir, soll das tun?“ Das war das vorletzte Lied der 1976 bei den Wiener Festwochen uraufgeführten „Proletenpassion“, es folgte, noch belehrender, eine weitere Moral von der Geschichte: „Wir lernen im Vorwärtsgehen, wir lernen im Gehen.“ Dann kam noch ein Nachspiel: Nach der letzten Aufführung in der Wiener Arena (damals im Auslandsschlachthof) wurde diese besetzt, sie blieb es drei Monate lang, wurde zum legendären Ort der Alternativkultur.

Das rote und rotwangige Pathos der von Heinz R.Unger (Text) und den Schmetterlingen (Musik) geschaffenen „Proletenpassion“ hat gewiss zu dieser Aktion beigetragen. Es speiste sich aus der Haltung, die die deutsche Band Fehlfarben vier Jahre später noch sentenziöser fassen sollte: Geschichte wird gemacht, es geht voran. Die Fehlfarben meinten das freilich (auch) ironisch; die „Proletenpassion“ kannte wohl Ironie in der (musikalischen) Form, nicht aber im Inhalt, ihr Spott galt stets nur den Oberen, den Gegnern. Sie nimmt sich selbst höchst wichtig, als Passion und Mission, sie strahlt aus, was Milan Kundera als Kitsch des langen Marsches beschrieb. (Dieser von Mao geprägte Ausdruck kommt in ihr natürlich auch vor.)

Wie Bernt Engelmann in „Wir Untertanen“ (1974) stellt sie der Geschichte der Herrscher eine der Beherrschten entgegen, in fünf exemplarischen Stationen: Bauernkriege, französische Revolution, Pariser Kommune, russische Revolution, Nationalsozialismus. Stets ist klar, wer die Guten und wer die Bösen sind. „Zwei Klassen standen einander am Ende des Mittelalters gegenüber“, so beginnt die erste Station, und in dieser Tonart geht's weiter. Dass die russische Revolution, milde gesagt, keine reine Erfolgsgeschichte war, hatte da keinen Platz – auch weil die Akteure sich nicht über Kritik an der Sowjetunion einigen konnten. In der neuen Fassung „Proletenpassion FF.“ kommen nach dem – ganz besonders brechtisch anmutenden – Lob der Partei und dem Prosit auf Lenin immerhin ein paar Worte über die Opfer des Stalinismus.

Schon 1977 war diese Konstruktion einer mehr logisch als dialektisch voranschreitenden „Geschichte von unten“ mit dem eschatologischen Ausblick auf einen Sozialismus, der Weg und Ziel zugleich ist, etwas gezwungen. 2015 – gerade auch nach den jüngsten Enttäuschungen mit den arabischen Rebellionen – ist sie unmöglich. Das weiß auch Regisseurin Christine Eder. Zugleich war ihr klar, dass man die „Proletenpassion“ nicht relativierend umdichten kann, dass man dieses Pathos nicht verdünnen kann. Also ließ sie die (ausgewählten) Lieder allesamt und die Zwischentexte zu einem guten Teil intakt.

 

Neu: Mont Pelerin Society

Neu ist vor allem eine Passage, die direkt auf den Abschnitt „Faschismus“ folgt: die Gründung der wirtschaftsliberalen Mont Pelerin Society 1947, die, der Logik des Stückes folgend, als neue Strategie der Herrschenden gezeichnet wird. Als erfolgreiche: „Im Kampf Mensch versus Markt sieht es nach einem Etappensieg des Marktes aus“, wird ein bisschen gar platt kommentiert. Dann aber tritt der personifizierte Markt auf, nervös und nett, entschuldigt sich, gesteht seine Krisen und erklärt, auch er sei gegen den Staat...

Und das ist alles an Aktualisierung? Nein. Dazu kommt eine Art Rahmenhandlung über die Zeit der Entstehung. Auf Video erzählen Schauspieler als Zeitzeugen erst ganz harmlos aus den Siebzigerjahren, allmählich kommen sie auf ihre „Politisierung“ zu sprechen, bis man versteht: Das sollen die Terroristen und Palmers-Entführer Pitsch, Gratt und Keplinger sein, und, nein, sie bereuen nicht. Ein kluges Fragezeichen, ein Widerpart zum Zeigefinger-Gestus des Stücks.

 

Sturm auf die Bastille, live im TV

Die Schauspieler ziehen auf der mit Slogans, Kartons und Kisten adrett vollgeräumten Bühne alle revolutionären, reformistischen und reaktionären Register, mit Mistgabeln, Flugblättern, Fahnen usw. Die französische Revolution als TV-Ereignis mit Live-Schaltung nach Versailles („Breaking news: Es geht um eine Grundsteuer!“) funktioniert gut.

Was den Abend wirklich groß macht, ist die Musik von Eva Jantschitsch und ihrer Band. Sie ist intensiv, expressiv, ja, auch pathetisch, zugleich scheint sie dem Hörer zu sagen: Hört her, so funktioniere ich, ich lasse euch romantisch glotzen und eure Herzen revolutionär schlagen, ihr wisst das, ist es nicht trotzdem schön? Sie ist nur kabarettistisch, wenn's nötig ist, spottet kaum, lächelt eher. Besonders packend: der sich fortwährend steigernde Monoton-Beat à la Velvet Underground in der „Ballade vom Glück und Ende des Kapitals“. Und „Wir lernen im Vorwärtsgeh'n“, schon im Original ein Heuler, wurde von allen Premierenbesuchern in strenger Rührung mitgesungen, zumindest inwendig. Noch ein Refrain, und wir hätten das Theater besetzt. Wem gehört das eigentlich?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2015)