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Ukraine: Prorussische Rebellen starteten Offensive auf Mariupol

REUTERS

Fast 30 Menschen wurden bei einem Raketenangriff auf ein Wohnviertel in Mariupol getötet. Die Geschosse dürften von Separatisten abgefeuert worden sein.

Die prorussischen Aufständischen in der Ostukraine haben ihre angekündigte Großoffensive mit einem Angriff auf Mariupol begonnen. Das sagte Separatistenführer Alexander Sachartschenko am Samstag in Donezk. Zu einem Raketenangriff auf ein Wohnviertel der strategisch wichtigen Hafenstadt, bei dem laut Behörden fast 30 Zivilisten getötet und um die 100 verletzt wurden, äußerte er sich nicht.

Das ukrainische Militär und die Separatisten beschuldigten sich gegenseitig, den Vorort der Hafenstadt am Asowschen Meer beschossen zu haben. Verteidigungsminister Stepan Poltorak sagte, die Armee erwidere Angriffe der Aufständischen. Ukrainische Medien zeigten Bilder von brennenden Autos und einer schwarzen Rauchsäule über dem Vorort. Beobachter der OSZE, die eine Krateranalyse durchführten, erklärten, dass die Einschüsse von "Grad"- und "Uragan"-Raketen seien. Sie dürfte aus 15-19 Kilometer Entfernung aus dem Nordosten abgefeuert worden sein. Den Beobachtern zufolge wurden sie von Stellungen abgefeuert, die unter Kontrolle der prorussischen Separatisten stehen.

Präsident Petro Poroschenko berief für diesen Sonntag den Nationalen Sicherheitsrat ein. Der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk forderte eine Krisensitzung des UN-Sicherheitsrats zur Lage im Osten des Landes.

EU ermahnt Russland

Die Europäische Union ermahnte Russland in deutlicher Sprache, die moskautreuen Separatisten nicht mehr militärisch, politisch und finanziell zu unterstützen. "Das würde verheerende Folgen für alle verhindern", erklärte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini am Samstag in Brüssel. Moskau habe beträchtlichen Einfluss auf die Anführer der Separatisten. Die Italienerin warnte vor einer weiteren Verschlechterung der Beziehungen zwischen der EU und Russland.

Die neue Gewalteskalation untergräbt Hoffnungen auf eine friedliche Lösung des Konflikts. Seit einem Krisentreffen der Außenminister Deutschlands, Russlands, der Ukraine und Frankreichs am Mittwoch in Berlin hat sich die Lage im Bürgerkriegsgebiet verschärft. Dutzende Zivilisten wurden getötet.

Der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats in Kiew, Alexander Turtschinow, warf Russland vor, moskautreue Separatisten bei dem Angriff auf den Vorort von Mariupol unterstützt zu haben. Russland hatte ähnliche Anschuldigungen in der Vergangenheit zurückgewiesen. Die Aufständischen sprachen von einer Provokation der prowestlichen Führung in Kiew. Sie hätten keine Geschütze mit einer entsprechenden Reichweite in der Gegend stationiert, hieß es.

OSZE fordert Ende der Kämpfe

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) forderte ein sofortiges Ende der Kämpfe in Wohngegenden sowie den Abzug schwerer Waffen, wie ihn Vertreter der ukrainischen Führung und der moskautreuen Separatisten in der weißrussischen Hauptstadt Minsk vereinbart hatten.

Der Chef der OSZE-Beobachtermission in der Ukraine, Ertugrul Apakan, verurteilte den Beschuss von Mariupol scharf. Es handle sich um einen infamen, willkürlichen und rücksichtslosen Angriff auf unschuldige Zivilisten, so Apakan am Samstag.

Unter den Opfern des Angriffs auf ein Wohnviertel sind nach OSZE-Angaben auch viele Frauen, Kinder und alte Menschen. Die OSZE hatte Beobachter zur Überprüfung des Vorfalls nach Mariupol entsandt.

Die Konfliktparteien müssten an den Verhandlungstisch zurückkehren und das Minsker Abkommen vollständig und ohne weitere Verzögerung umsetzen, forderte Apakan. Zudem rief er die Konfliktparteien auf, ernsthafte Schritte zu unternehmen, um die neue Eskalation der Kämpfe zu stoppen.

Die OSZE sei zu Vermittlungen bereit, hieß es. Die Aufständischen hatten neue Gespräche in Minsk jedoch zunächst abgelehnt. Ihr Anführer Sachartschenko sagte, er wolle nur noch mit Präsident Petro Poroschenko sprechen. In dem Konflikt wurden nach UN-Angaben seit April 2014 mehr als 5000 Menschen getötet.

(APA/dpa/AFP/Reuters/sda)