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Auschwitz-Befreiung: Fußball im Konzentrationslager

(c) Beit Theresienstadt
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Im KZ Theresienstadt betrieben Häftlinge eine Fußballliga, die Nazis nutzten die Bilder für ihre Propaganda. Oded Breda hat eine Erinnerungskultur für Jugendliche entwickelt.

Givat Haim. Die Häftlinge des Konzentrationslagers Theresienstadt wirken zufrieden. Die Kamera zeigt Näherinnen, Orchestermusiker, Metallarbeiter. Die längste Passage des Films zeigt aber ein Fußballspiel. In einem staubigen Kasernenhof laufen Männer auf ein Holztor zu, ihre Trikots sind mit dem gelben Stern bestickt. Tausende Zuschauer stehen dicht gedrängt in der Baracke. „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ – unter diesem inoffiziellen Titel ist der Propagandastreifen zu einem gespenstischen Mythos geworden.

Oded Breda, 60, hat den Film oft gesehen. Der israelische Computerspezialist hat ihn in Einzelbilder zerlegt. Breda leitet „Beit Theresienstadt“, das Haus Theresienstadt, eine Gedenkstätte im Kibbuz Givat Haim, nördlich von Tel Aviv. Er deutet auf einen Spieler mit blonden Haaren, seinen Onkel Pavel. „Viele Jahre hat mich dieses Bild verfolgt. Ich hatte viele Fragen, aber keine Antworten.“

 

Fußball als Ablenkung

Moshe Breda, der Vater von Oded, war eines von wenigen Familienmitgliedern, die 1939 nach Palästina fliehen konnten. Er fragte, was in Theresienstadt passiert sei; sein Vater wollte nicht reden. Irgendwann hielt es Breda nicht mehr aus, er gab seinen Job auf und begann zu forschen. Über Theresienstadt, seine Familie und darüber, was er nicht ahnte: Fußballspiele im KZ.

Die Nazis hatten der Außenwelt das KZ Theresienstadt in der Nähe von Prag als „Vorzeigeghetto“verkauft: für prominente Häftlinge, Künstler, Kriegsveteranen. Ende 1943 wurden 450 Juden aus Dänemark nach Theresienstadt deportiert. Die dänische Regierung bestand darauf, dass sich Kontrolleure ein Bild machen. Gefangene mussten Häuser renovieren, Blumen pflanzen, Wege errichten. Am 23.Juni 1944 besuchte eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes das Ghetto – und fiel auf die Verschönerungsmaßnahmen herein. Der Lagerkommandant forderte einen Propagandafilm, um einen angenehmen Tagesablauf der Häftlinge zu inszenieren. Der Streifen zeigt auch jenes Fußballspiel – die meisten Spieler und Zuschauer starben Wochen später in Auschwitz.

Oded Breda war nicht sicher, ob sein Onkel Pavel an der Propagandapartie am 1.September 1944 teilgenommen hatte, zu undeutlich waren die Aufnahmen. Breda recherchierte in Brünn, in der Heimat von Pavel, auch in Prager Archiven und Synagogen. Vor acht Jahren besuchte er das Haus Theresienstadt. Dort traf er Peter Erben, den letzten überlebenden Fußballer. Erben ist inzwischen 94Jahre alt, er bestätigte, dass Pavel Breda im Kasernenhof gespielt hatte. Vier Wochen nach den Filmaufnahmen war er in Auschwitz verhungert, im Alter von 20 Jahren.

 

Die Liga Theresienstadt

Das Kulturleben in Theresienstadt wurde dokumentiert, die Konzerte, Vortragsabende, Kinderzeichnungen. Doch der Fußball wurde kaum beleuchtet. Oded Breda sammelte Notizen, Zeichnungen, Erinnerungsberichte, darin waren die Strukturen der Liga Theresienstadt vermerkt: In der sogenannten Dresdner Baracke wurden zwischen 1942 und 1944 Dutzende Spiele ausgetragen. Sieben gegen Sieben, zweimal 35 Minuten. Die Mannschaften wurden nach Berufen der Häftlinge gebildet: Köche traten gegen Elektriker an, Gärtner gegen Schneider. Andere Spieler wollten ihre Lieblingsvereine würdigen, schlossen sich als Fortuna Köln zusammen oder Sparta Prag. Breda glaubt, dass das Fußballspielen ein wenig Solidarität stiften konnte.

Die Jewish Claims Conference, ein Zusammenschluss jüdischer Organisationen, geht davon aus, dass es noch rund 350.000 Überlebende des Holocaust gibt. Museen und Gedenkstätten suchen nach neuen Wegen der Geschichtsvermittlung. „Die junge Generation lebt im Wohlstand, das Nachdenken über den Holocaust ist für sie oft eine Pflichtaufgabe“, sagt Oded Breda. Durch die Freizeitbeschäftigung Fußball kann er mit Jugendlichen sprechen, die er sonst nicht erreicht. Jeweils im Herbst findet im Kibbuz ein Gedenkturnier statt. Jüdische und muslimische Jugendliche spielen in nachproduzierten Trikots der Lagermannschaften. „Wir müssen den Propagandafilm kritisch einordnen“, sagt Breda. „Sonst wirkt das Spiel für junge Leute wie ein Sommercamp.“

Oded Breda erzählte DFB-Funktionären und Nachwuchsspielern von seiner mobilen Ausstellung, die er in Schulen und Stadien zeigt. Er spricht über Rassismus, Überlegenheitsdenken, Massenekstase. „Abstrakte Zahlen von Todesopfern und verstörende Bilder sind nicht immer hilfreich.“

 

Frage der Erinnerungskultur

Mit den Journalisten Mike Schwartz und Avi Kanner hat Breda auch einen Film produziert. Darin schildern sie die Geschichte der Liga Terezín, erläutern den Antisemitismus von heute. Breda und Schwartz werden den Film nun in sieben deutschen Städten vorstellen, 70Jahre nach der Befreiung von Auschwitz. Sie werden mit Schülern sprechen, mit Ultragruppierungen, den Chefs von Bayern und Dortmund, mit der Berliner Schickeria. Sie möchten die Erinnerungskultur in Deutschland erforschen – für die Produktion eines zweiten Films. 200.000 Menschen haben die Dokumentation „Liga Terezín“ im israelischen TV gesehen – das Spitzenspiel der Ersten Liga hatte weniger Zuschauer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2015)