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Kleists "Käthchen von Heilbronn" als Karikatur

(c) APA/ROLAND SCHLAGER

Regisseur David Bösch verkürzt das unzeitgemäße "Ritterschauspiel" dramatisch. Statt feiner Ironie aus der Blüte der Romantik gibt es grelle Kontraste und allzu viel Farce. Das nützt den Nebenfiguren, aber nicht den Protagonisten.

Wie soll man sich dem Schauspiel „Das Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe“ nähern, diesem mittelalterlichen Stoff, in den Heinrich von Kleist bei all der märchenhaften Romantik diskret auch etwas Ironie verpackt hat? Bereits zur Uraufführung 1810 in Wien war diese Geschichte zwar modisch, aber sie wirkte doch auch schon völlig unzeitgemäß. Am besten begegnet man dem leicht lächerlich zu machenden Stück mit sanftem Lächeln.

Das Drama handelt von der nachtwandelnden Tochter eines Waffenschmieds, die einen Grafen mit dem sprechenden Namen Friedrich Wetter vom Strahl verliebt verfolgt und am Ende auch kriegt, nachdem sie sich als uneheliche Tochter des Kaisers entpuppt hat. Goethe schmiss dieses „wunderbare Gemisch von Sinn und Unsinn“, so lautet jedenfalls eine klassische Legende, verärgert in den Ofen, während E.T.A.Hoffmann dieses „Käthchen“ über alles liebte. Großkritiker Friedrich Schlegel hingegen stufte das Werk als „undichterisch und kraftlos“ ein.

 

Kleist als Klamauk und Klamotte

Was also kann man aus dem Kunstwerk heute machen? Regisseur David Bösch, in erfolgreicher Reduzierung von Weltliteratur versiert, setzt diesmal gar nicht subtil auf Klamauk und Klamotte. Es funktioniert nicht so recht. Er schüttet das Käthchen mit dem Bade aus. Für seine Inszenierung, die am Samstag im Burgtheater Premiere hatte, ist er mit dem Schwert durch den komplexen Fünfakter gefahren, hat die Rollen auf ein Drittel verkürzt und die Zeit auf zwei Stunden ohne Pause. Wer „Kleist kompakt“ mag, wird diese Seifenoper, die durchaus bezaubernde Momente hat, schätzen. Dem Geist des Stückes wird sie nicht gerecht. Die Figuren sind Karikaturen, Grelles überblendet Sublimes. Wo will er hin, der Ritter Bösch? Seine Schläge wirken ziellos und ermüden rasch. Das Spiel mit Schein und Sein trifft nicht sehr oft.

Für die erste Szene wurde die riesige Bühne von Patrick Bannwart fast völlig leer geräumt. Schiefergraue Holzplanken bilden eine hohe Box. Auftritt Falk Rockstroh als Waffenschmied, er geht an die Rampe, klagt vor einem unsichtbaren, nur hörbaren Gericht den Grafen vom Strahl an (Fabian Krüger), der mit Klebeband gefesselt auf einem Stuhl hockt. Er habe ihm die fünfzehnjährige Tochter verhext, behauptet der Schmied, Käthchen folge dem Grafen überall hin, seit dieser sich bei ihm die Rüstung richten ließ. Rockstroh bietet Kleist angenehm nuanciert.

 

Alkohol, Tabletten, Feuerlöscher

Das Mädchen tritt als Zeuge auf, Sarah Viktoria Frick spielt sie naiv, entrückt, bäurisch. Zu ihrem Repertoire zählen auch Ohnmachten, Grimassen und rasches Handeln. Erst aber will sie dem Ritter zärtlich verliebt die Hand streicheln. Der ist nunmehr meist damit beschäftigt sie sanft oder unsanft abzuwehren – da fliegt sein ellenlanges schwarzes Haar. Noch weiß er nicht, dass ein gemeinsamer Glückstraum sie verbindet. Der Graf wird von der Feme freigesprochen, die Beweise reichen nicht. Das Käthchen haut es um.

Bald ist sie ihm wieder auf der Spur. Sie muss ja die Burg des Grafen vor einem feindlichen Angriff warnen und eine Feuerprobe bestehen, als ihr die böse Gegenspielerin Kunigunde (Dörte Lyssewski) befiehlt, ein Bild und Dokumente aus dem Inferno zu holen. Diese hexenhafte Materialistin mit ihrem rotgoldenen Haar und ihre ranke, viel Bein zeigende Zofe (Frida-Lovisa Hamann) sind zwar auch Zerrbilder, die sich am Servierwagen mit Alkohol und Tabletten bedienen, aber in ihrem Fall passt das sogar. Die Bösen entstellen sich selbst, das wird mit Charme und Witz gemacht. Kunigunde will sich den Grafen und mehr noch seine weltlichen Güter krallen. Dafür verpasst sie sich sogar mit der Zigarette ein Wundmal. Käthchen steht ihr im Weg, überlebt aber das Feuer. Ab nun geht es im Text für ihre intrigante, Schönheit nur vortäuschende Konkurrentin bergab.

Wie aber behandelt Bösch bildhaft diesen fantastischen Stoff? Er lässt es regnen, lässt spektakulär flächendeckend Kissen auf die Bühne fallen, später dann Asche, als man bei geöffneten Toren hinten den Großbrand gesehen hat. Üppig wird auch Nebel geworfen. Vielleicht soll das Beiwerk darüber hinwegtäuschen, dass die Protagonisten oft deplaziert wirken. Am besten kommen skurrile Nebenrollen zur Geltung, etwa Hermann Scheidleder als Knecht, der zaghaft mit dem Feuerlöscher agiert, oder Martin Schwab, der sich als Kaiser wie in einem Schwank an jene kurze Affäre in Heilbronn erinnert, die ihm Käthchen als Tochter einbrachte.

Am Schluss wird es todernst. Will Käthchen diesen Grafen wirklich? Engel oder große Schatten an der Wand mögen zusammenfinden – die Realität ist peinlich. Das Paar hat sich nichts zu sagen. Es knallt, als ob sich Kleist am Wannsee mit einer Zufallsbekanntschaft das Leben nähme. Hier aber decken Papierschlangen gnädig alles zu. „Mir ist nicht wohl“, sagt die Heldin. Da hat sie recht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2015)