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Auschwitz-Befreiung: „Ich hätte keinen Monat länger überlebt“

(c) APA/EPA/JACEK BEDNARCZYK (JACEK BEDNARCZYK)
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Am 27. Jänner 1945 befreiten sowjetische Truppen im besetzten Polen das deutsche KZ Auschwitz. Einer der Überlebenden ist Elias Feinzilberg. Er lebt heute in Jerusalem und erinnert sich an das Grauen – und das Glück.

Ein Foto ist alles, was Elias Feinzilberg von seiner Familie geblieben ist. Der damals Anfang 20-Jährige war der älteste und einzige Sohn von sechs Kindern. Er steht in der Mitte hinten, umrahmt von seinen Eltern, seinen Schwestern und einer Tante, von denen keiner den Zweiten Weltkrieg überlebt hat.

Das Foto, das die Mutter noch kurz vor dem Krieg an ihren Bruder in Guatemala geschickt hat, hängt heute stark vergrößert an der Wand von Feinzilbergs Jerusalemer Wohnung, die voller Bilder seiner neuen Familie ist: drei Kinder, sieben Enkel und zwölf Urenkel. „Sie geben mir das Leben“, sagt er. Der agile 97-Jährige ist ohne Bitterkeit.
„Warum soll ich wütend sein?“, fragt er und fügt hinzu: „Es tut mir weh um die Familie. Ich bin ganz allein geblieben.“

Der Vater war Weber in einer Textilfabrik in Polen, ein ultraorthodoxer Jude, der wütend auf Elias war, als er den traditionellen knielangen Kittel der frommen Juden ablegte. Damals war er 17, arbeitete und unterstützte die Familie schon, so mussten sich die Eltern damit abfinden. „Ich bin fromm, aber nicht zu sehr“, sagt Feinzilberg, der die Kippa trägt. Als der Krieg begann, musste die Familie ins Ghetto von Łódź umziehen. „Wir wohnten zu neunt in einem Zimmer.“ Eine Ahnung von dem, was ihnen bevorstand, bekamen sie, als die SS das Ghetto erreichte. „Sie fingen an zu schlagen und uns zu demütigen“, erinnert sich Feinzilberg. „Sie rasierten meinem Vater den Bart ab.“

 

Als die Ukrainer kamen

Die Fabriken wurden geschlossen, es gab kaum Arbeit und immer weniger Nahrungsmittel. Gut ein Jahr lang schlug sich die Familie durch. Die Juden mussten den gelben Stern am Revers tragen, anfangs gab es eine Ghettozeitung, eine jüdische Polizei und ab Mitte 1940 sogar Ghettogeld. Ende Dezember 1940 veröffentlichte Chaim Rumkovski, Chef des Judenrates, den Appell an junge Männer, sich freiwillig zur Arbeit zu melden. Elias hoffte, für seine Familie, die hungerte, etwas verdienen zu können. „Außerdem wusste ich, dass sie mich mit Gewalt holen würden, wenn ich nicht freiwillig komme.“ Feinzilberg schüttelt heute den Kopf über die jüdischen Ghettobediensteten: „Die SS bestellte Arbeiter, und die Polizei lieferte sie aus“, schimpft er. Am 16. Dezember 1940 verließ sein Transport, einer von insgesamt über 20 Zügen, das Ghetto. „Ich sah meine Familie danach nicht mehr.“

Elias gehörte zu den gut 3500 Juden, die zu Zwangsarbeit „ausgeliehen“ wurden und außerhalb des Ghettos wohnten. Sein Einsatzort lag nahe Schwiebus, östlich von Frankfurt an der Oder, an der Baustelle für eine Autobahn. Die Arbeiter wurden in Blockhäusern untergebracht mit 18 bis 20 Pritschen pro Schlafraum. „Wir waren immer müde und hungrig, aber geschlagen haben uns die Deutschen nicht“, sagt Feinzilberg. Erst, als die ukrainischen Aufseher kamen, fingen die Misshandlungen an.

Der junge Elias war kräftig und meldete sich freiwillig zum Transport des Baumaterials. Er musste Beton und Asphalt schleppen, sogar Eisenbahnschienen. Die Zwangsarbeiter konnten sich tagsüber frei bewegen, und als nach zwei Jahren die Arbeiten an der Autobahn eingestellt wurden, wurde Elias mit einem Freund nach Wittenbergen in Hamburg geschickt. Beide bekamen einen Brief von der Gestapo und machten sich unbewacht und allein auf die Reise Richtung Hamburg, wo Elias bis zum Oktober beim Beladen von Frachtschiffen arbeitete, bevor er nach Łódź zurückgeschickt wurde.

„Sie hätten mich töten können“, erinnert sich Feinzilberg. Er kann sich selbst nicht erklären, warum er ins Ghetto zurückgeschickt wurde. Kaum in Łódź angekommen, rannte er zur Wohnung seiner Familie und fand sie leer. Sein Vater war schon 1941 verhungert, berichteten ihm Nachbarn. Die übrige Familie war ein Jahr später ins Vernichtungslager Chełmno (Kulmhof), etwa 55 Kilometer von Łódź entfernt, deportiert und dort wohl rasch vergast worden.

 

Links, rechts, Leben, Tod

Elias, inzwischen 26, schlug sich allein durch, versteckte sich, wenn die Gestapo kam und konnte sogar einmal entkommen, als er in einem Transport Richtung KZ unterwegs war. Im August 1944 erwischten sie ihn schließlich doch. „Sie warfen uns in Viehwagen“, erzählt er und erinnert sich an das Sonderkommando, das die neuen Häftlinge in Auschwitz-Birkenau in Empfang genommen hat. „Wir hatten keine Ahnung, was es bedeutete, wenn Mengele einen nach links, den anderen nach rechts schickte“, sagt er über die Selektion.

„B 1239“ lautet die Tätowierung auf Feinzilbergs linkem Unterarm. Die Neuen bekamen Schuhe und gestreifte KZ-Uniformen.

„Jeweils drei Leute mussten sich einen Teller teilen.“ Der junge Mann war noch immer kräftig genug für die Arbeit und wurde nach Kattowitz in den Braunkohlebergbau geschickt. Um gesünder auszusehen und Farbe zu bekommen, hatte er sich vorher selbst ins Gesicht geschlagen. Die Männer arbeiteten 300 Meter unter der Erde in drei Schichten täglich. „Einmal bekam ich zehn Peitschenhiebe zur Strafe dafür, dass ich zu spät zur Arbeit erschien.“

Mit dem Näherrücken der alliierten Truppen und ersten Luftangriffen endete die Arbeit im Bergbau. „Es muss im Dezember oder Jänner gewesen sein“, als Elias ins KZ Groß-Rosen kam, wo es keine Gaskammern gab, die Häftlinge aber systematisch erschossen wurden.

Noch dreimal wurde er verlegt, bis er Mitte April in Dachau nahe München landete. Auschwitz war seit drei Monaten befreit, „trotzdem wurden in Dachau bis zum letzten Tag Menschen erschossen“. Jede Nacht habe er die Schüsse gehört. „Ich hätte keinen Monat länger überlebt.“

Zur Person

Elias Feinzilberg war Anfang 20, als der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Deutschen seine Heimat Polen eroberten. Der Jude war der Einzige seiner engeren Familie, der überlebte, unter anderem das KZ Auschwitz. Er ist heute 97 und lebt in Israel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2015)