Mit heuer 70 Mrd. Euro ist die Hausbank der EU der weltgrößte Kreditnehmer. Damit finanziert sie auch Projekte für Österreichs KMU.
Wien.Kreditklemme? Dieser Begriff gehört nicht zum Repertoire von Matthias Kollatz-Ahnen, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank (EIB): „Wir stellen heuer um 15 Mrd. Euro mehr zur Verfügung als noch 2007. Und wir können uns günstiger refinanzieren als vor einem Jahr.“ Ein Vorteil, der allen Unternehmen zugutekommt, deren Projekte die EIB mitfinanziert: Die angebotenen Zinsen liegen einen halben Prozentpunkt unter dem, was heute üblich ist.
Die EIB ist freilich auch keine Bank wie jede andere. Sie kann es sich leisten, antizyklisch vorzugehen. Als Hausbank der EU hat sie einen politischen, keinen rein wirtschaftlichen Auftrag. Sie soll durch zinsvergünstigte Kredite den Zusammenhalt in der Union stärken, vor allem aber politisch gewünschte Zukunftsthemen vorantreiben. Die Bandbreite ist groß: Kläranlagen für ein sauberes Mittelmeer, Wärmepumpen, thermische Sanierung oder die Forschung in der Automobilindustrie, damit Europa seine Klimaziele erreicht. Immer öfter kommen auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in den Genuss der Investitionshilfen.
Größere Firmen wie der Grazer Motorenentwickler AVL List oder das Zellstoffwerk Pöls haben über individuelle Vereinbarungen mit dem Wiener Büro Kredite erhalten. KMU werden über Globalkredite unterstützt, die an Partnerbanken vor Ort vergeben werden. In Österreich gibt es davon ein Dutzend, darunter die Bank Austria, die Bawag und die Raiffeisen Zentralbank. Die EIB übernimmt maximal 50 Prozent und kontrolliert, ob die Kredite abgeholt und die Zinsvorteile weitergegeben werden. Die Partnerbanken kommen in den Genuss höherer Liquidität und langer Laufzeiten.
Auch an den Hilfspaketen für Osteuropa schnürt die EIB mit. Von den 24,5 Mrd. Euro, die sie mit der Weltbank und der Osteuropabank EBRD für 2009 und 2010 auf die Beine stellt, übernimmt sie 5,7 Mrd. Ihrem klassischen Aufgabenbereich, der Projektfinanzierung, bleibt sie dabei vorerst treu. Vorige Woche hat allerdings Präsident Philippe Maystadt erstmals laut darüber nachgedacht, künftig ergänzend auch Kreditgarantien anzubieten.
„Osteuropa-Risiko wird überbewertet“
Weltweit ist die EIB nach Angaben von Maystadt der größte Kreditnehmer auf den Finanzmärkten – mit heuer 70 Mrd. Euro nimmt sie doppelt so viel auf wie die Weltbank und zehnmal so viel wie die EBRD.
In einer Hinsicht muss sich freilich auch die EIB den Geboten der Krise beugen: Die Rückstellung für ausfallende Kredite muss sie heuer um 300 Mio. auf 1,3 Mrd. Euro erhöhen. Zumindest theoretisch rechnet die Bank also mit einer Steigerung der Ausfälle um 30 Prozent. Die tatsächlichen Verluste lagen aber in der Vergangenheit bei nur einem Zehntel der gebildeten Reserve.
Und die Gefahren in Osteuropa? „Die Märkte sagen oft nicht die Wahrheit über das Risiko“, rückt Kollatz-Ahnen die aktuellen Befürchtungen zurecht. So wie die CEE-Länder in den letzten Jahren zu euphorisch eingeschätzt wurden, werde jetzt das Risiko überpreist: „Diese Ausschläge machen wir in unserer Bewertung nicht voll mit.“ Während die Investoren flüchten, geht die Investitionsbank deshalb verstärkt in den Osten und Südosten – auch zu den EU-Beitrittskandidaten, damit Europa vor seiner Haustüre finanziell „Flagge zeigt“.
BRÜSSELS HAUSBANK
■Die EIB wurde 1958 als Finanzierungsinstrument der damaligen EWG gegründet. Ihr Hauptsitz ist in Luxemburg. Sie finanziert sich über Anleihen auf den Kapitalmärkten. Damit vergibt sie Mittel für Projekte, aktuell mit dem Schwerpunkt Umwelt-/Klimaschutz.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2009)