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Burgtheater Kasino: Elektra zerschmettert den Blumentopf

(c) Reuters (Herwig Prammer)
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Barbara Nowotny inszeniert „Meine Elektra“ etwas unentschlossen als Lehrstück gegen Gewalt.

Melancholische Flötenmusik, eine elementare mediterrane Landschaft, ein Bild Iphigenies in einem Sims. Dann tritt der Chor auf – ein 31-jähriger Mann, modern gekleidet. Er sei Schauspieler, wohne am Naschmarkt, sagt Karim Chérif beiläufig zu Beginn des Dramas „Meine Elektra“, das am Mittwoch im Kasino am Schwarzenbergplatz in der Regie von Barbara Nowotny österreichische Erstaufführung hatte.

In zwei Sätzen erzählt Chérif die Story, die in den nächsten 80 Minuten ablaufen wird: „Ein Junge soll seine Mutter ermorden. Er ermordet sie.“ In vielen Sätzen zählt Chérif die Kriege auf, die sich seit seiner Geburt ereignet haben, und lässt sich, damit er nichts unerwähnt lässt, von Jemen bis Peru oder Darfur, auch einsagen. (Am Ende wird er griechische Orte aufzählen, die er im Urlaub gerne besucht. Das ist dann etwas überzogen in der Ironie.) Der Chorknabe setzt sich ins Publikum. Die Geschichte könnte auch bei uns spielen. Die Tragödie beginnt.

Dieser Mord in dem Stück des Niederländers Koos Terpstra, nach dem Kosovo-Krieg vor zehn Jahren entstanden, ist nicht beiläufig, sondern klassisch antik, ein Familienschicksal; Klytämnestra (Myriam Schröder) hat ihren Gatten Agamemnon erschlagen, weil er zehn Jahre zuvor ihre gemeinsame Tochter Iphigenie geopfert hat, aus Staatsräson, vor dem Trojanischen Krieg.

Nun ist auch der Mord an Agamemnon zehn Jahre her, die nächste Bluttat steht an. Elektra (Pauline Knof) und ihr heimgekehrter Bruder Orest (Patrick O. Beck), der von seinem Erzieher (Dirk Nocker) auf die Tat abgerichtet wurde, bereiten den Muttermord vor. Exaltiert und zur Selbstverstümmelung neigend die Tochter, zweifelnd, brütend der Bruder, gezielt aufstachelnd der Erzieher. So entsteht Gewalt, so geht es in Familien, Staaten zu, wenn vieles schiefgeht.

 

Das Blut spritzt in das Becken

Ziemlich brutal wird die Tat dargestellt, auf der passend schwarz umrandeten Bühne (Angelika Höckner, Viktoria Rautscher) mit Griechenland ganz in Weiß darin als Labyrinth, Grabstätte und dem Eingang zum Palast. Elektra taucht die gefesselte Klytämnestra in ein Wasserbecken, Amokläufer, Orest, schwarz bemalt, mit irrem Blick und scharfer Klinge, schneidet seiner Mutter die Kehle durch, Blut spritzt, wieder und wieder sticht er auf den leblosen Körper ein. Solch hysterische Momente wechseln sich ab mit der Coolness zeitgenössischer Einsprengsel und auch mit pathetischen Reden. Der berechnende Erzieher ist ganz von heute. Er weiß, dass Orest nach der Tat fliehen muss, er hat wohl von Anfang an geplant, dass er Elektra heiraten und so die Herrschaft des Reiches übernehmen wird.

Ganz anders ist Klytämnestras Rolle angelegt. Im Gestus dem antiken Drama nah, bekundet sie ihr Leid in Übermaß, so, wie zuvor ihr Angebot der Gastfreundschaft anmutig war. Schröder spielt das sehr differenziert, sie gibt dem Abend Intensität. Bei ihrem ersten Auftritt kommt sie mit einem hohen Pflanzentopf an die Grabstätte, begrüßt freundlich die Fremden, begegnet schneidend der Tochter. Elektra wird den Topf später expressionistisch zu Boden schmettern. Die Schmollecke verlässt sie nur kurz, wenn sie triumphierend mit dem Bruder die Tat herbeisehnt. Sonst ist sie die frustrierte Tochter im Dauerkonflikt mit der Mutter, während Beck den manipulierbaren Burschen spielt, der vom aalglatten Erzieher zum Killer ausgebildet wird. Durchwachsen ist diese kühle Inszenierung, schwankend zwischen Tristesse und Zorn und jener Ironie, mit der man dem Schicksal trotzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2009)