Baby, Sex und Co: Der gute Anglizismus

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Die englischen Lehn- und Fremdwörter sind besser als ihr Ruf – auch weil das Deutsche kreativ mit ihnen umgeht. Eine Ehrenrettung des „Denglischen“.

Manchmal leuchten die Vorzüge eines Anglizismus ganz unmittelbar ein: beim Begriff Sex etwa – wer zöge da den Geschlechtsverkehr vor, den der Verein Deutsche Sprache uns in seinem Index zur Eindämmung des „Denglischen“ vorschlägt? Oder beim Wort Baby: Wie weich das klingt, wie rund auch, und es erinnert auch noch an kindliches Geplapper! Kein Wunder, dass das Baby, sobald britische Nannys es im 19. Jahrhundert in den deutschen Sprachraum mitbrachten, hierzulande seinen Siegeszug antrat. Der Säugling dagegen, der sich nie und nimmer zum Kosewort eignet und den geliebten Nachwuchs auf seine vegetativen Funktionen reduziert, findet sich heutzutage fast nur mehr in Lehrbüchern und wissenschaftlichen Publikationen.

Das machtvolle -ing

Meistens haben englische Fremd- und Lehnwörter allerdings einen üblen Ruf. Das zu verändern, ist eine Gruppe von Linguisten rund um Anatol Stefanowitsch angetreten, die seit 2010 den „Anglizismus des Jahres“ wählt – darunter Crowdfunding, Shitstorm und Leaken. Heuer hat die Jury den Begriff Blackfacing ausgesucht, er bezeichnet die umstrittene Praxis, weiße Menschen mit schwarzer Farbe oder Schuhpasta anzumalen und sie – etwa auf dem Theater – Schwarze spielen zu lassen. Keine besonders geglückte Wahl, wie wir finden. Der Begriff ist weitgehend unbekannt und dazu noch politisch links stark geprägt, wo es doch darum gehen sollte, möglichst viele vom Nutzen und Frommen englischer Fremd- und Lehnwörter zu überzeugen. Doch immerhin zeigt Blackfacing dreierlei: Dass manchmal ein Anglizismus reicht, um etwas zu erklären, wofür man im Deutschen einen ganzen Satz brauchte. Zweitens: Wie machtvoll die englische Silbe –ing ist, die aus allem und jedem eine Tätigkeit machen kann, ob aus dem Mob oder dem Text oder dem Cocoon. Und drittens, dass die deutsche Sprache englische Begriffe selten eins zu eins übernimmt: Das Wort Blackfacing ist im Englischen nicht gebräuchlich – nur das Substantiv Blackface.

Mahner gehen ja davon aus, dass wir quasi von fremden Begriffen überflutet werden, die deutsche Sprache dadurch an Differenziertheit und Ausdrucksstärke verliere. Dabei gehen wir sehr kreativ und selektiv mit dem um, was uns an neuen Vokabeln anboten wird. Dass ein englischer Begriff den deutschen verdrängt oder gar ersetzt, ist eher selten der Fall, und auch nur, wenn das Fremdwort knapper (die Sprache tendiert nun einmal zur Knappheit) und zugleich attraktiver erscheint, wie das bei Baby, Sex oder auch dem Team der Fall ist – das emotional wesentlich einladender wirkt als eine Arbeitsgruppe: Das Team meint zusätzlich die Mannschaft und erinnert darum auch im beruflichen Kontext an Zusammenhalt, Sportsgeist und Kameradschaft.

Das Mail ist kein Brief

Meistens bezeichnet der Anglizismus aber ohnehin entweder etwas grundlegend Neues – den Computer, das Smartphone, womit die Ausdrücke die Innovationskraft eines Landes widerspiegeln. Oder es fügt eine Facette hinzu. Das kann dazu führen, dass die deutsche Sprache dort differenziert, wo es die englische gar nicht kann. Ein Mail ist bei uns ganz klar elektronische Post, der Brief bleibt ein Brief. Auf dieselbe Weise wurde das Wort Game eingemeindet: Es bleibt dem digitalen Raum vorbehalten, der Welt der Konsolen und Computer. Das gute alte Spiel aber darf weiterhin Spiel bleiben. Aber auch unabhängig von Neuerfindungen findet eine Auffächerung der Bedeutungen statt: Das neue Wort füllt eine Lücke. Fair etwa bedeutet nicht das gleiche wie gerecht oder anständig. Ein Comedian ist kein Komiker und auch kein Kabarettist, ein Comeback keine Rückkehr. Für das Wort Slum brauchte man eine umständliche Umschreibung.

Und zuletzt dient uns das englische Vokabular als Fundus, wenn es um Neologismen geht: Das nur hier gebräuchliche Handy etwa ist klug gewählt, man trägt es in der Hand, und es ist klein, dafür steht das „y“. Und das Wort Twen für junge Leute in den Zwanzigern hätte den Briten oder den Amerikanern eigentlich selbst einfallen können. Doch die hatten nur den Teen, den Jugendlichen zwischen thirteen und nineteen – auch dieser im übrigen eine hilfreiche Präzisierung. Vom Jugendlichen weiß man dagegen nie recht, wie alt er sein darf: 18 Jahre? Oder gar 25, wie andere Definitionen nahe legen? Nicht immer geht außerdem der Sprachwandel in eine Richtung. Das Englische hat etliche Wörter von uns übernommen, bevorzugt aus dem Bereich Philosophie und Befindlichkeit: Zeitgeist etwa. Oder die Schadenfreude. Das Heimweh. Sehr beliebt ist auch der Kitsch und die Vorsilbe über-. Hier bedient man sich des Deutschen, weil im Englischen adäquate Begriffe fehlen.

Das Comeback des Rechners

Ein Lehnwort oder Fremdwort bedeutet übrigens nicht, dass das deutsche Äquivalent nicht doch eine Renaissance erlebt. Rechner macht mittlerweile dem Computer Konkurrenz, das Netz zunehmend dem Internet. Und manche englische Wörter wollen hier schlicht deshalb nicht heimisch werden, weil sie zu hässlich sind und zu umständlich, also das Gegenteil vom knappen, wohlklingenden Baby: Seit amerikanische Produzenten immer häufiger die komplette Staffel einer Serie online stellen, hat sich etwa in den USA der Begriff binge watching durchgesetzt für die Praxis, Stunden, ja manchmal ein komplettes Wochenende lang vor dem Fernseher zu verbringen und eine Folge nach der anderen zu sehen. In deutschsprachigen Zeitungen wurde der Begriff im letzten Jahr immer wieder zitiert – meist mit der Übersetzung Komaglotzen in Klammer. Die Jugendlichen waren da kreativer: Sie sprechen vom Durch-Suchten einer Serie. Ein Wort, das sich aus der Vorsilbe durch und dem Neologismus suchten (abgeleitet von Sucht) zusammensetzt. Treffend, und das auch noch mit einer hübschen Assonanz. Wir plädieren für die Aufnahme in den Duden.

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