Berliner DDR-Klo, Vogeldramen: Was diese Mieter, die ich suche, wissen sollten.
Das soll jetzt nicht direkt eine Wohnungsanzeige sein. Aber ehrlich gesagt vermiete ich eine Berliner Wohnung im Stadtteil Prenzlauer Berg. Ich vermiete sie für die nächsten paar Monate – nicht ganz legal. Ich bin ja selbst nur Mieter. Ich vermiete sie, weil es in meinem Leben Umstände gibt, die mich momentan stärker in Wien halten, als das je zuvor der Fall war. Diese Mieter müssen mir versichern, dass sie exakt diese kleine Wohnung suchen – ein freundliches Zimmer, ein unvernünftig Quadratmeter schindender Gang, eine Schlafküche mit grauem Schiffboden und hellblau lackierten Türrahmen. Kurz gesagt, ich benötige verlässliche illegale Ersatzleute, die mir die Wohnung möglichst so lange vollwohnen, bis ich sage, danke, das war’s.
Diese Mieter sollten die Innenarchitektur der DDR schätzen: schmale Badezimmer, in denen die Duschtasse hinter dem WC versteckt ist. Sie sollten meinen Möbelgeschmack halbwegs teilen, denn ich habe nicht vor, die guten, wertlosen Stücke in den Keller zu stellen (es gibt keinen) oder zu zerhacken. Sie sollten auch meinen DDR-Kühlschrank akzeptieren, dem ein Vorbesitzer ein falsches rotes West-Cover mit der Aufschrift „Bosch“ aufgeklebt hat. Der Kühlschrank gibt in der Nacht scheppernde Rattergeräusche von sich (auch untertags, doch da wirken sie weniger bedrohlich), für Sekunden klingt es, als würde nebenan ein Pressluftbohrer in Betrieb genommen. Ich selbst habe diese Geräusche nie wirklich ertragen, deshalb steht das Ding im Wohnzimmer.
Diese Mieter sollten keine Angst vor dem Ungeziefer der Bäume haben. Die Fenster zeigen in einen Innenhof mit starkem Efeubewuchs. In der Pflanze wohnen 120 Vögel. Um fünf Uhr morgens beginnen sie mit ihren Aktivitäten – dem sozialen Lärmen. Es dröhnt so laut wie ein Flugzeug, aber in Form von Geschrei. Einmal wurde einer der Vögel während eines Kampfs mit Artgenossen durch das gekippte Fenster direkt in die Wohnung geschleudert. Da stand er zitternd am Parkett und starrte mich an. Er war psychisch völlig fertig. Solche Vogeldramen sollten diese Mieter durchstehen können.
Diese Mieter sollten zudem das Stöhnen der Insassen einer geriatrischen Wohngemeinschaft im Erdgeschoß des Hauses ertragen. Der Tod gehört nämlich zweifellos zum Leben, und Kreise schließen sich – das dachte zumindest ich gelegentlich, wenn die traurigen Geräusche der pflegebedürftigen Senioren zu mir hinauf in den 3. Stock drangen.
Außerdem sollten diese Mieter Berliner Eigenheiten ertragen. Manchmal steckt einem ein Nachbar einen Flyer an die Tür: „Kann Quantenphysik die Seele erklären?“ Der Prenzlauer Berg mag im letzten Jahrzehnt bürgerlich-brav geworden sein, den sanften Hauch der Esoterik hat er ebenso wenig abgelegt wie den Rassenhass: „Ausländer rein, Rheinländer raus“ heißt der Kampfspruch der Nullerjahre. Solche Sprüche sollten diese Mieter okay finden, und meinem Namensschild im Übrigen keine Schande machen.
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, Bestellungen online oder Fax 01/514 14-277.