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21er-Haus: Rückzugsort, Liebesnest, Sterbelager: Das Bett

Juergen Teller, Young Pink Kate, London, 1998
(c) Juergen Teller und Christine König
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In der großen Ausstellung „Schlaflos“ geht es um den Facettenreichtum dieses Möbels, im Leben und in der Kunst.

Hier werden wir geboren und sterben wir, erleben Liebe oder Gewalt, kurieren Krankheiten oder ziehen uns zurück: das Bett. Es ist weit mehr als nur ein Ort zum Schlafen, hier passiert Lebensgeschichte. Darum gehört das Bett auch zu den beliebtesten Bildmotiven der Kunst. Darum auch heißt die große, über beide Stockwerke gehende Ausstellung im 21er-Haus „Schlaflos“ – der Wachzustand, der Facettenreichtum des Gegenstands stehen zur Ansicht, nicht die Ruhe. Dafür hat Kurator Mario Codognato eine beachtliche Menge an Werken zusammengestellt, 195, von 145 Künstlern und Künstlerinnen, verteilt in neun Kapiteln.

Zum Thema „Geburt“ konnte er etwa ein Gemälde von Lavinia Fontana aus dem 16. Jahrhundert ausleihen, das wahrscheinlich die erste Darstellung eines Kinderporträts in einer Wiege ist. Daneben ist ein Meisterwerk aus dem späten 15.Jahrhundert platziert, das die Geburt Mariens darstellt, auch eine Kinderwiege der Firma Thonet von 1885, Robert Gobers „Pitched Grib“ und Sherrie Levines Skulptur „The Cradle“ – und alle haben eines gemeinsam: Wir sehen ein Bett.

 

Geschmack der Zeit

Klingt redundant? Ist es auch! Denn die Werke sind motivisch identisch: Betten, Betten, Betten. Dabei geht Codognato das Thema sehr breit an: An diesen Objekten könne man „die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung, wenn nicht sogar die Entwicklung des Geschmacks über und zu jeder Zeit rekonstruieren“, erklärt er im Interview mit Luigi Ficacci, der ausführt: „In der Menschheitsgeschichte können sich die Körpermaße verändern, die Kunststile ändern sich, aber die Bestimmung des Bettes ist derart in unserer Wahrnehmung verankert, dass es jederzeit wiederkehrende Bilder hervorrufen kann: die imaginäre Vorstellung von Schlaf oder seinem Gegenstück, von Liebe, Leid oder Tod.“

Konstant bleibt also der symbolische Inhalt, es werden immer ähnliche Zusammenhänge angetippt, Handlungen, Erinnerungen. Was sich ändert, sind die Form und die Konnotation. Jene frühe Wiege etwa ist ausgestattet mit prächtigen Stoffen, die Rückschlüsse auf den Wohlstand der Familie nahelegen. Wie weit entfernt ist das von dem viel später folgenden, kargen Gitterbett – das Gober so traumatisch verzerrt nachbaut!

Aber solche Zusammenhänge sind in einer Ausstellung schwierig herauszuarbeiten. In „Schlaflos“ sind sie kaum nachvollziehbar. Viel zu viele Werke sind in thematisch allzu grobe Kapitel zusammengeschnürt. Dabei gehen die Eigenheiten der Werke verloren: In Walter Pichlers kargem Metalllager mit glänzender, enger Passform für den Liegenden weiß man kaum, welches Element mehr Furcht einflößt. Und Bruno Gironcoli versieht sein Bett mit höchst unkomfortablen Noppen als starkes Bild für die vielen emotionalen Qualitäten des Gegenstandes – beide in das Kapitel „Krankheit“ zu stecken missachtet den weiten Assoziationsreichtum der Skulpturen. Beides auf „Bett“ zu reduzieren verkennt die Besonderheiten.

Dabei ist das Thema gerade im Medium der Skulpturen enorm spannend. Denn die Bildhauer modellieren mit den Formen, manipulieren mit den Materialien unsere Erinnerungen. Im Hauptraum stehen kraftvolle Skulpturen nebeneinander, laute Objekte voller tiefer Geschichten. Hier treffen großartige Formfindungen auf unerwartete Materialien, die riesige, auskrakende Matratze (Los Carpinteros), die wie ein Skulptur gewordener Alptraum aussieht, und das in Einzelteile zerlegte, dysfunktional wieder zusammengesetzte dunkle Holzbett mit eingequetschten Ventilatoren (Nari Ward).

 

Streit um Aufmerksamkeit

Aber alle Werke stehen kreuz und quer und machen einander die Aufmerksamkeit streitig. Manchmal würde ein einziges Werk einen ganzen Raum ausfüllen, so weitreichend ist etwa Anselm Kiefers „Himmelsschlucht“ angelegt: Fünf Lazarettbetten sind brutal aufeinandergestapelt. Welch ein Bild für Krieg als Weg in den Tod! Oder Mona Hatoums „Dormiente“: Sie nimmt eine alltägliche Käsereibe und vergrößert das Haushaltsgerät – das plötzlich an ein Bett erinnert, mit spitzen, bedrohlichen Zacken, aggressiv, abweisend, vieldeutig. Dahinter steht Michelangelo Pistolettos karges Lager mit dem titelgebenden Wort „Hunger“ – ein schlechter Scherz neben Hatoums Käsereibe?

Auch in den Fotografien und der Malerei enttäuscht die Ausstellung, trotz der Qualität der Werke. Denn in der Malerei ist das Ruhelager höchstens dank der Faltenwürfe und Farbspiele in den Stoffen spannend. In den Fotografien ist der Bett-Ausschnitt vielleicht noch kompositorisch abwechslungsreich. Bedeutung tragen Betten nur selten. Anders als in den Skulpturen ist in Bildern das Bett meist Nebensache: Im Kapitel „Liebe“ sind Form und Größe der Betten bildnerisch nachrangig, manchmal sogar nur als Laken angedeutet, Kernpunkt sind die erotischen Szenen. Im Kapitel „Einsamkeit“ unterstreichen die Darstellungen der Ruhestätten bestenfalls die in den Gesichtern oder Körpern angedeuteten Emotionen. Gänzlich beliebig wird es in „Mythisch“ mit Starporträts im Bett. Bei so vielen Betten wird man bald ganz schläfrig.

„Schlaflos – Das Bett in Geschichte und Gegenwartskunst“. 21er-Haus. 30.Jänner bis 7.Juni 2015.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2015)