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Staatsoper: Der keusche Joseph lockt wieder

„Josephslegende“
(c) Staatsoper
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John Neumeiers einstiger Sensationserfolg nach Musik von Richard Strauss kehrt am 4.Februar zurück: ohne die Bühnenbilder von Ernst Fuchs. Erinnerungen.

Es war einer der spektakulärsten Erfolge in der jüngeren Wiener Ballettgeschichte: Die Premiere von John Neumeiers Choreografie zu Richard Strauss' „Josephslegende“ vergisst gewiss niemand, der sie erleben durfte. Die gertenschlanke, groß gewachsene Judith Jamison und der zarte, introvertierte Kevin Haigen triumphierten damals, 1977, mit einem aufregenden Spektakel um die Verführung des keuschen Hirtenknaben durch die verworfene Frau Potiphar. Hugo von Hofmannsthal und Harry Graf Kessler hatten einst am Vorabend des Ersten Weltkriegs das Szenarium für die biblische Handlung entworfen, mit der Komponist Richard Strauss nach eigenen Worten „den Tanz erneuern“ wollte.

Gelungen ist ihm das zwar nicht. Denn das Innovationspotenzial hatte Waslaw Nijinski 1913 Seite an Seite mit Igor Strawinsky längst ausgeschöpft: Die Pariser Premiere von „Le Sacre du Printemps“ war zur Initialzündung des modernen Balletts – und der musikalischen Avantgarde – geworden.

 

Tanzschritte zur „Götterdämmerung“

Strauss befand sich nach Ansicht seiner Kritiker seit dem „Rosenkavalier“ von 1911 bereits auf dem Rückzug; und doch gelang ihm mit der vulkanösen Verführungsszene eine packende symphonische Dichtung. Nichts anderes hatte Auftraggeber Serge Diaghilev von Strauss erwartet. Der Impresario der Ballets Russes verwahrte sich gegen jeden Anflug von „typischer Tanzmusik“. Dramaturg Kessler berichtet, dass sich Diaghilev jede „Konzession an das Ballettmäßige“ verbat: „Je reiner dramatisch und tragisch die Musik sei, umso mehr würde sie der Richtung entsprechen, die er fortan einschlagen wolle... Am liebsten möchte er zum letzten Akt der ,Götterdämmerung‘ tanzen.“

Da hätte der wichtigste deutsche Musikdramatiker nach Richard Wagner wohl gute Dienste leisten können. Strauss lieferte eine üppig orchestrierte Partitur und sparte nicht mit Effekten. Die Verführungsszene gelang ihm auch vortrefflich. Weniger Freude hatte der bekennende Atheist und Nietzsche-Leser mit den religiösen Verzückungen des engelhaften Joseph. Strauss schrieb Hofmannsthal: „Was mich mopst, dazu finde ich schwer Musik“, und ergänzte: „Na, vielleicht liegt in irgendeiner atavistischen Blinddarmecke eine Melodie für den braven Joseph.“ Wenn schon Bibel-Szenen, dann solche wie „Salome“; mit deren Perversion hatte der Musikdramatiker viel Geld verdient. Hofmannsthal reagierte entsetzt: Strauss möge nicht in einem „Blinddarmschnörkel“ nach einer Melodie suchen, sondern „in der reinsten Region Ihres Gehirns“.

Ein wenig Spieldosen-Effekt ist es dann bei der Begegnung Josephs mit seinem Schutzengel geworden; aber doch insgesamt eine beeindruckende Partitur. Doch Nijinski, der den Joseph tanzen und choreografieren sollte, verließ die Ballets Russes; und der Ausbruch des Weltkriegs machte Aufführungen von Werken deutscher Urheber in Paris bald unmöglich.

In Wien bat man Anfang der Zwanzigerjahre, weil ja Pantomime und Tanz in dem Stück eine neue Verbindung eingehen sollten, die Sängerin Marie Gutheil-Schoder als stumme Tragödin auf die Staatsopernbühne, wo sie neben Toni Birkmeyer Potiphars Weib mimte. An diese Tradition wollte Egon Seefehlner, Staatsoperndirektor ab Mitte der Siebzigerjahre, anknüpfen. Er versuchte, in Verhandlungen mit Maria Callas zu treten, die aber in den ersten Wochen von Seefehlners Amtszeit starb. In der Zwischenzeit hatte sich jedoch Hamburgs kreativer Ballettdirektor John Neumeier mit der Idee angefreundet, eine völlig neue Dramaturgie zu Strauss' Musik zu entwickeln. Aus der pantomimischen Heroinenrolle der Potiphar wurde eine ungemein bewegte, expressive Tanzpartie, die gleichwertig neben den zuvor isolierten Titelhelden trat; oder vielmehr ihn mit ekstatischen Schlangenbewegungen umgarnte.

 

Die Wiener stürmten die Aufführungen

Die Produktion, für die Ernst Fuchs fantastisch-realistische Bilder und Kostüme entworfen hatte, sicherte der Ballettkompagnie in Wien volle Häuser. Direktor Seefehlner hatte damit einen Trumpf im Ärmel: Als es galt, die rechten Füllstücke für die freien Abende der lang erwarteten ersten „Karajan-Stagione“ im Mai 1977 zu finden – der Maestro kehrte nach 13-jähriger Abwesenheit an die Staatsoper zurück –, wurde man mit dem Balletterfolg fündig.

Man war damit täglich ausverkauft; nicht zuletzt, weil das Staatsopernorchester glücklich wirkte, an einem Ballettabend wieder einmal nach Herzenslust zugreifen zu dürfen. Die „Josephslegende“ ist für die Philharmoniker, für die Werke wie „Also sprach Zarathustra“, „Ein Heldenleben“ oder die gleichzeitig mit dem Ballett komponierte „Alpensymphonie“ zum Konzertalltag gehören, vertrautes Klanggebiet. Nach Franz Welser-Mösts Abgang dirigiert nun Mikko Frank die Neueinstudierung von Neumeiers Arbeit (in der jüngeren Hamburger Version, also ohne die Fuchs-Ausstattung, Premiere am 4. Februar). Wobei der erste Teil des Abends, die „Verklungenen Feste“, nach Strauss' späten Arrangements barocker französischer Clavecin-Stücke eine echte Novität für Wien darstellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2015)