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Steuern: „Es ist genug Geld vorhanden, es ist nur gut versteckt“

Schild Steueroase
(c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)
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Piketty-Schüler Gabriel Zucman hielt bei der Arbeiterkammer einen Vortrag über Steuerflucht. Die Gastgeber nahmen den Ball gerne für ihre politischen Forderungen auf.

Wien. Wenn es zurzeit so etwas wie Popstars in der Ökonomie gibt, dann sind es die beiden Franzosen Thomas Piketty und Gabriel Zucman. Piketty landete mit seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ im Vorjahr einen Hit, der auf den Wirtschaftsseiten zwar kritisch gewürdigt, in den Feuilletons aber frenetisch gefeiert wurde. Kurz danach folgte sein einstiger Schüler und jetziger Forschungspartner Zucman mit seinem Buch „Steueroasen. Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird“.

Beide Ökonomen eint eine Liebe zum Sammeln von Daten über Reichtum, Steuerquoten und Ungleichheit, die mit der Befürwortung von Vermögensteuern sowie der Kritik am global zersplitteten Steuersystem kombiniert wird. Eine Botschaft, die vor allem bei jenen gut ankommt, die einen grundsätzlichen Argwohn gegenüber dem Kapitalismus in sich tragen.

 

Plädoyer für Vermögenssteuer

Kein Wunder also, dass es gerade die Arbeiterkammer Wien ist, die den erst 28-jährigen Zucman am Freitag zu seinem ersten größeren Auftritt in Österreich eingeladen hat. Und auch das Datum dürfte alles andere als zufällig gewählt worden sein. „Das Buch von Gabriel Zucman kommt genau zum richtigen Zeitpunkt“, meint AK-Vizepräsidentin Dwora Stein bei ihren Begrüßungsworten vor einem Schild mit dem aktuell wichtigsten Slogan der Kammer: „Lohnsteuer senken“. Will doch die Regierung in eineinhalb Monaten ihr Konzept für die Steuerreform präsentieren – ein Plädoyer für Vermögensteuern kann da nur passen.

Zucman erfüllt in seinem eineinhalbstündigen Vortrag vor rund 450 Zuhörern dann auch weitgehend die Erwartungen der Gastgeber. So sieht er Vermögensteuern als „Teil eines optimalen Steuersystems“ an. Untermauert wird diese Forderung mit den – durchaus beeindruckenden – Zahlen aus seinem Buch, wonach weltweit 5800 Mrd. Euro in Steueroasen versteckt sind.

 

Lob und Tadel von Kollegen

Auf diese Summe kommt Zucman mit einem Berechnungstrick, der auch anderen Ökonomen Applaus abverlangt. So entdeckte der Franzose, dass es bei internationalen Vermögensbilanzen der Länder Ungereimtheiten zwischen Aktiv- und Passivseite gibt. Der Grund: Kauft ein Österreicher über ein Schweizer Konto Aktien in den USA, verbuchen die USA eine Verbindlichkeit. Dem steht aber weder in der Schweiz noch in Österreich eine Forderung gegenüber, da der Betrag in der Schweiz nur ein Durchlaufposten und in Österreich nicht bekannt ist.

Wesentlich umstrittener sind unter anderen Ökonomen jedoch seine Berechnungen, wonach 80 Prozent davon nicht versteuert würden (er rechnet Schweizer Daten auf die ganze Welt hoch) und so rund 130 Mrd. Euro pro Jahr an Steuern entfallen würden.

Aber nicht nur die – illegale – Steuerflucht reicher Individuen ist Teil von Zucmans Arbeit. Auch das legale Ausnutzen von Schlupflöchern in der Steuergesetzgebung wird von ihm kritisiert. Und hierbei kann er mit einigen nachvollziehbaren Argumenten aufwarten. So basieren die Steuersysteme immer noch auf Konzepten, die in den 1920er-Jahren erstellt wurden. Entscheidend ist dies vor allem bei der firmeninternen Verrechnung von Leistungen. Diese sollen nach Marktpreisen erfolgen. Was bei der Lieferung von Kaffee aus Südamerika nach Europa im Jahr 1930 jedoch leicht überprüfbar war, ist bei Lizenzgebühren für Logos, Firmennamen oder geistiges Eigentum kaum mehr möglich.

 

Gewinne werden verschoben

Und genau über diese interne Verrechnung von Lizenzgebühren verschieben Firmen wie Apple, Google oder Starbucks ihre Gewinne in Länder mit niedrigen Steuerquoten. Auch dies kann Zucman mit Zahlen untermauern. So legte der Anteil der in Steueroasen verbuchten Gewinne von US-Firmen von 15 Prozent im Jahr 1984 auf zuletzt 55 Prozent zu. 2013 waren dies bereits 120 Mrd. Dollar – oder 20 Prozent aller Gewinne. Um das zu ändern, gäbe es eine einfache und bereits erprobte Methode, so Zucman weiter. Man müsse nur das System der US-Körperschaftsteuer auf die ganze Welt umlegen. Dabei wird der in Summe erwirtschaftete Gewinn gemäß der Umsätze in den jeweiligen Bundesstaaten aufgeteilt. Wie hoch diese die Gewinne dann besteuern, bleibt ihnen überlassen.

In Summe wirft Zucman in eineinhalb kurzweiligen Stunden eine Reihe interessanter Punkte auf. Das Ganze in einfache Slogans zu pressen, obliegt dann aber wieder der gastgebenden AK-Vizepräsidentin Stein: „Es ist genug Geld da, es ist nur gut versteckt. Europa hat es also in der Hand, entweder weiter auf die katastrophale Sparpolitik zu setzen oder den versteckten Schatz zu heben und für Wohlstand für alle zu sorgen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2015)