Psychologie: Das Auge lauscht mit

Sarkozy
Sarkozy(c) EPA (YOAN VALAT)
  • Drucken

Zuhören ist auch ein aktives Beobachten und Imitieren der Mimik und Gestik eines Sprechers.

Wenn wir telefonieren, zumindest wir Saurier, die noch das Festnetz benutzen, reden und gestikulieren wir, als säße uns das Gegenüber gegenüber. „Dann gehst du rechts!“, beschreiben wir einen Weg nicht nur mit Worten, sondern auch mit ausladenden Armbewegungen. Das ist völlig absurd, aber wir haben es in uns – altes Gattungserbe –, und wir haben ohnehin eine Hand frei. Die erste Generation der Nachfolger – Handy in der Hand –, hielt es ebenso, der zweiten – Knopf im Ohr – ist es abhanden gekommen. Zwar haben sie sogar beide Hände frei, aber sie schreiten reglos dahin, nur der Mund spricht, nicht der Körper.

Das ist höchst vernünftig, hoffen wir nur, dass nichts verloren geht: Gestik und Sprache haben sich miteinander entwickelt, sie arbeiten auch heute zusammen, darauf deutet etwa das Überwiegen der Rechtshändigkeit: Das Sprachzentrum sitzt (meist) in der linken Hirnhälfte, die ist zudem für die Bewegungen der rechten Körperhälfte zuständig, so können Sprachmotorik und -grammatik im Gehirn im Verbund mit den Gesten der rechten Hand verfeinert werden.

Aber nicht nur Sprecher verbinden beides, Hörer tun es auch: Hören ist kein passives Sich-beschallen-Lassen. Man versteht einen Partner besser, wenn man ihm auf die Lippen schaut. Und denen liest man nicht einfach etwas ab, sondern man imitiert ihre Bewegungen im eigenen Gehirn, Jeremy Skipper (University of Chicago) hat es gezeigt (Neuroimage, 25, S.76).

Nun hat er sich der Gestik zugewandt: Er hat Testpersonen ins Labor und dort in ein Gerät (fMRI) gebeten, das sichtbar macht, was im Gehirn vor sich geht. Dann gab es eine Fabel Äsops zu hören, in vier Varianten: Einmal nur im Ton, dann kamen Bilder der Erzählerin dazu, zunächst das des Gesichts, die Arme blieben auf dem Rücken, dann kamen sie mit ihren Gesten, und schließlich kamen Gesten, die nichts mit der Geschichte zu tun hatten, die Erzählerin rückte sich etwa die Brille zurecht.

Hörerhirn imitiert Sprecherbewegung

Solche Bewegungen – die nichts zur Botschaft beitrugen –, wurden vom Hörergehirn nicht beachtet, die anderen hingegen wurden aktiv in einem Bewegungszentrum imitiert, aber in einem anderen als die Bewegungen der Lippen; sie werden auch anders verarbeitet, die Lippen bieten Information über Lautbildung, die Gesten über Bedeutung: „Die Netzwerke im Gehirn, die Sprache verarbeiten, ändern sich von Moment zu Moment, je nachdem, welche Information verfügbar ist.“ (Current Biology, 26.3.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2009)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.