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Nur feiner, hungriger Schnee

Es wird viel gesoffen und geflucht in Vladimir Zarevs Roman „Familienbrand“. Saftige Typen sind es, die ihn vorantreiben. Ein pralles Panorama von hundert Jahren bulgarischer Geschichte.

Das Adjektiv „unbekannt“ lässt sich nicht steigern. Aber es dürfte allgemein verständlich sein, was die Behauptung besagt, die bulgarische gehöre zu den unbekanntesten Literaturen überhaupt. Die übliche Geringschätzung Osteuropas überbietet sich in der Unkenntnis einer Kultur, die immerhin fast 500 Jahre türkischer Fremdherrschaft überlebt hat. (Gegen die Christianisierung hatten ältere Kulturen viel geringere Chancen, wenn sie erst einmal von dieser überrollt wurden. Und ob die bulgarische Kultur auch Nato und EU überleben wird, bleibt abzuwarten.)

So muss es einen nicht sonderlich überraschen, dass es drei Jahrzehnte dauerte, bis man den vorliegenden Roman, ein grandioses Werk von fast 800 Seiten, ins Deutsche übersetzen ließ. Wäre er auf Englisch oder Französisch geschrieben worden, hätten wir wohl nicht so lange darauf warten müssen. Aber welcher Verlag leistet sich schon einen Lektor, der Bulgarisch liest? Nebenbei: Die Zeiten, da die großen Verlage noch jemanden im Haus hatten, der für Osteuropa zuständig war, sind längst vorbei. Heute ist man auf die zufälligen Funde und Tipps von Agenten angewiesen. Und die kennen meist auch nur, was ihnen Freunde zuflüstern.

Vladimir Zarev, Jahrgang 1947, ist Herausgeber der literarischen Vierteljahreszeitschrift „Zeitgenosse“ und hat immerhin seit 1972 zehn Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und zwei Sachbücher veröffentlicht. Sein 2003 erschienener Roman „Verfall“ wurde schon 2007 auf Deutsch zugänglich gemacht. Nun also wird mit „Familienbrand“ aus dem Jahr 1978 nachgezogen, dem ersten Band einer Trilogie, in der Zarev ein Panorama von hundert Jahren bulgarischer Geschichte entwirft. Im Original heißt der Roman, den sein Autor für die Neuauflage im Jahr 2007 überarbeitet hat, ebenso schlicht wie anspruchsvoll „Das Dasein“.


Eine Welt von archaischer Wucht

Es beginnt mit einem Tod. Gestorben ist ein Patriarch, 1895, in der an der Donau gelegenen, damals noch dörflichen Stadt Widin. Nun geht es um seinen ruppigen Sohn Jordan, um dessen Brüder Ilija, Panto und Christo und die einzige Schwester Jonka, um deren Mutter Petruniza, um die Menschen ihrer Umgebung und um eine Welt von archaischer Wucht. Gemeinhin wird die lateinamerikanische Literatur zum Vergleich herangezogen, wenn folkloristische Fantastik und sozialer Realismus aufeinandertreffen (das Stichwort heißt „magischer Realismus“), aber es gibt eine ganze Reihe osteuropäischer und vorderasiatischer Autoren, die, unabhängig davon, eine ähnliche Tradition entwickelt und weitergeführt haben. Fasil Iskander, Bohumil Hrabal und Mircea Cartarescu zählen dazu sowie Zarevs Landsleute Jordan Raditschkov und Dimitré Dinev.

Der Roman „Familienbrand“ besticht durch seine Fülle, sein Tempo, seine erzählerische Energie, das ornamentale Beiwerk und durch das ungebrochene Vertrauen in die Möglichkeit, eine Epoche in ihrer Totalität literarisch zu bewältigen, zu einer Zeit, da die meisten westlichen Schriftsteller dieses Vertrauen längst verloren hatten. Das Modell der Verteilung einer Vielfalt von Lebensentwürfen auf ein überschaubares Ensemble von Figuren erweist sich hier noch als vital. Ein ganzes Bündel roter Fäden, die sich durch den Roman ziehen, mal aus dem Blick geraten, um dann unversehens wieder aufgenommen zu werden. Der Pfarrer Anissi, der im ersten Teil buchstäblich wie das Amen im Gebet auftritt, sowie das Leitmotiv des Wetters verhindern, dass der in zwei Bücher, mehrere Kapitel und viele Abschnitte unterteilte Roman sich ins Anekdotische auflöst. Zwischen den Abschnitten wird in der Regel ein Zeitraum übersprungen.

Diese nicht unübliche Technik der Raffung verkürzt die Erzählzeit gegenüber der erzählten Zeit, sorgt für Dynamik und erlaubt auch den schnellen Wechsel von einer Handlungseinheit zur anderen, von einem Ort zu einem anderen. Betulichkeit kommt nicht auf. Man muss freilich als Leser gewillt sein, sich auf eine Erzählweise einzustellen, die mehreren Strängen zugleich folgt, der es nicht darum geht, „zur Sache zu kommen“, sondern Welt und Geschichte in ihrer Komplexität und Vielfalt darzustellen. Hier ist der dicke Roman, den es, glaubt man Marcel Reich-Ranicki, eigentlich gar nicht mehr geben kann. Die Realgeschichte meldet sich diskret, in kurzen Halbsätzen nur. Darin ist „Familienbrand“ gar nicht so weit entfernt von Joseph Roths für das Genre maßstabbildendem „Radetzkymarsch“. Und doch ist die Epoche ständig präsent. Sie realisiert sich in den fiktiven Figuren des Romans, in ihrem Denken und Tun. „Jordan hatte sich in der Zeit verloren, und die Zeit hatte sich in ihm versteckt“, heißt es an einer Stelle.

Für den Ausbruch des Balkankriegs im Jahr 1912 findet Zarev Sätze wie diese: „Die Frauen beeilten sich instinktiv, schwanger zu werden. Die Kinder sahen mit Erstaunen, dass auch Erwachsene weinen konnten.“ Und das Jahr 1926 wird mit den folgenden Sätzen gekennzeichnet: „Das Wetter im Frühjahr 1926 war fast so heimtückisch wie die Politik; hier gab es viel Schneematsch und unerwartete Frosteinbrüche, dort hatte die Regierung Liaptschev eine Teilamnestie verkündet. Christo aber lag noch immer in Ginas verwaistem Pferdestall.“ Das muss man erst einmal hinbekommen, den Übergang vom Wetter zur Politik zurück zur Geschichte Christos, des Kommunisten in der Familie Weltschev, in zwei Sätzen, ohne dass das manieriert oder komisch wirkt. Diesen Revolutionär Christo charakterisiert Zarev ganz ohne Hohn mit dem schönen Satz: „Doch je näher der Aufstand gerückt war, desto mehr war Christo sich darüber klar geworden, dass er ihn als Idee brauchte, nicht aber als reales Ziel.“ Gemeint ist der September-Aufstand von 1923 in der an Aufständen nicht armen Geschichte Bulgariens.

Die Weltgeschichte im Mikrokosmos von Widin. Die Wirtschaftskrise sieht da so aus: „Eine Katastrophe für den Kirchenmann aber war, dass auch die Preise für Metall anzogen, denn er brauchte 38 Blatt verzinktes Blech für das Dach seines Gotteshauses.“ So wird Abstraktes konkret, so werden Vorgänge begreifbar, die meist nur als tote Zahlen und Statistiken daherkommen. Und wiederum wirkt das Verkleinerte zugleich komisch und rührend. Darin zeigt sich wahre Romankunst. Die Widiner witzeln denn auch: „Wenn Gott uns diese Weltwirtschaftskrise nicht erspart, dann muss er sich auch damit abfinden, dass die Heiligen an den Wänden seiner irdischen Behausung nass werden.“ Das ist nicht Blasphemie, sondern plebejische Denkweise der kostbarsten Art.

Es wird viel gesoffen und geflucht in diesem Roman. Es sind saftige Typen, die ihn vorantreiben. Sie sind keine flachen Charaktere, hinter ihrer erdverbundenen Materialität verbergen sich komplexe Strukturen, die eher durchschimmern, als zum Vorschein kommen. Diese Figuren werden weder idealisiert noch romantisch überhöht noch denunziert. Die Weltschevs, denen „die Ungeduld schwer zu schaffen“ macht, sind ins 20. Jahrhundert versetzte Dostojewski-Figuren, hin- und hergerissen zwischen religiöser Demut und zerstörerischer Gewalt, zwischen kindlicher Naivität und unleugbarem Geschäftssinn. Ein deutscher Kritiker hat im Zusammenhang mit „Verfall“ Zarev einen bulgarischen Balzac genannt. Treffender erschiene der Vergleich mit Dostojewski und vielleicht sogar mit Bulgakow, nicht nur wegen der nicht zu übersehenden Elemente der gemeinsamen slawischen Geschichte, jenseits von vorherrschenden Klischees.

Man merkt dem Roman nicht die 30 Jahre seit seiner Entstehung an, wenn Jowtschev, Professor für Römisches Recht, rhetorisch fragt: „Kann man das Glück zur Menschenpflicht erklären? Und verstehen auch nur zwei Menschen, Sie und ich zum Beispiel, dasselbe unter Gleichheit?“ Assen erwidert: „Sie betrachten die Dinge aus der Sphäre der Ideen, Herr Professor. Aber ein hungerndes Kind ist kein philosophisches Problem, und schon gar nicht der überfressene Vorstand der Italienischen Bank, doch zwischen beiden besteht eine gewisse Abhängigkeit.“


Zaghaft zur nächsten Generation

Solche Dialoge kennzeichnen nicht den Roman. Aber sie fügen dem Geschehen eine Dimension hinzu, die sich manchen Lesern bevorzugt einprägen mag. Jedenfalls absolvieren sie den Autor von dem Verdacht der Oberflächlichkeit. Jordan stirbt im Krieg, noch ehe ein Viertel des Romans erzählt ist. Aber das Leben geht weiter. Neue Figuren betreten die Szene, neue Ereignisse reihen sich aneinander. Nach weiteren hundert Seiten kommt Panto ums Leben: Er begeht Selbstmord. Nur zaghaft meldet sich die nächste Generation zu Wort und bestimmt dann im zweiten Buch das Geschehen.

Auch der Horizont öffnet sich nunmehr, die Hauptstadt Sofia gerät ins Blickfeld und mit ihr das urbane Leben. Wenn die alte Jonka gegen Ende von Widin aus ihren Neffen in Sofia besuchen kommt, dann kommt sie wie aus einer anderen Welt, und wenn Boshidar seinen Vater Ilija von Sofia aus in Widin besucht – eine der ergreifendsten Episoden des Romans –, dann besucht er eine andere Welt. Sie ist bei Zarev nicht die schlechtere. Mit Jordans Sohn Assen und dessen Vettern Goscha und Boshidar hat Zarev eine Konstellation geschaffen, die es ihm erlaubt, das Spektrum historischer Alternativen auszuforschen. Boshidar ist Faschist. Er setzt auf Hitler, „der mit seinen Konzentrationslagern die Inquisition in säkularisierter Form wiederbelebt hatte und in gewisser Weise Kreuzzüge gegen Ketzer und Andersartige führte“. Mit Hitlers Hilfe hoffte die Führung des Landes, „den alten Traum von ,Groß-Bulgarien‘ zu realisieren, eines Staates, der vom Schwarzen Meer bis zur Adria reichte, und von der Donau bis zur Ägäis“. Am Schluss stirbt auch Christo. Die Alten überlassen den Jungen Widin, Bulgarien und die Welt.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach genau einem halben Jahrhundert, endet der erste Teil der Trilogie. Der Faschist Boshidar steht vor einem Gericht. Er wird, in seinem politischen Glauben unerschüttert, zum Tode verurteilt. Der letzte Abschnitt gehört dem jungen Kommunisten Assen. Er spricht vom „neuen Leben“. Da stutzt seine alte Tante: „Wie geht das denn – das Leben einteilen in ein altes und ein neues? Es ist doch eines, unser Leben; jede Veränderung nur Teil der in es eingewebten Trauer, dass nichts bleibt, und keineswegs ein kompletter Neuanfang!“ Am Schluss singt die Menge auf der Straße ein unbekanntes Lied, „heftig und elektrisierend wie Kindergeschrei“. Der allerletzte Satz lautet: „Doch aus den bleiernen Wolken fiel kein Manna auf sie nieder, sondern nur ein feiner hungriger Schnee.“

Zarevs Übersetzer Thomas Frahm hat gute Arbeit geleistet. Das merkt man insbesondere bei der direkten Rede, für die Frahm jeweils einen überzeugenden Ton gefunden hat. Es ist bekannt, dass literarische Übersetzung eine dramatisch unterbezahlte Tätigkeit ist. Umso beachtens- und lobenswerter sind Übersetzungen, die mit der Zielsprache souverän umgehen. Dass dieser Roman in Bulgarien spielt, wird nicht unterschlagen. Dass er in bulgarischer Sprache geschrieben wurde, darf man vergessen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2009)