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Der chinesische Traum von einer neuen Leitwährung

Die chinesische Zentralbank will mit „Sonderziehungsrechten“ den Dollar als dominierende Währung ablösen – und scheint sich damit ins eigene Fleisch zu schneiden. Was steckt dahinter? Und was würde es bringen?

Wien.Anfangs haben wir noch gelacht: Der kasachische Diktator Nasarbajew erfreute die Redaktionsstuben mit seinem Vorschlag einer neuen Einheitswährung namens „Acmetal“. Mit ihr könne man die Welt von der Dominanz der USA befreien, die Schuld an der Finanzkrise haben. Der Name wird inspiriert vom griechischen „Acme“ (das Beste), kombiniert mit „Kapital“. Der solcherhand reformierte Kapitalismus solle fortan „Acmetalismus“ heißen.

Vorige Woche hörten wir auf zu lachen: Auch Russland kündigte an, beim G20-Gipfel in London über eine neue Reservewährung diskutieren zu wollen. Und diese Woche wurde klar, dass es den Schwellenländern ernst ist. Denn ihr Anführer China meldete sich zu Wort. Nationalbankgouverneur Zhou Xiaochuan regte an, die Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds (IWF) als Weltwährung wiederzubeleben. Brasilien, Indien, Südkorea und Südafrika sind auf seiner Seite. Da fehlte nur noch Joseph Stieglitz: Der Wirtschaftsnobelpreisträger, der für die UNO an der Reform des Finanzsystems bastelt, zeigte sich von der Idee begeistert und hoffnungsfroh, sie binnen eines Jahres umsetzen zu können, erst als Buchungszeilen der Zentralbanken, später vielleicht auch als handfestes Geld. Kostet ein Kilo Äpfel also bald „ein Sonderziehungsrecht und fufzig“?

Das Kunstgeld mit dem sperrigen Namen wurde 1969 vom IWF eingeführt, damals auf Goldbasis. Schon zwei Jahre später fiel das System von Bretton Woods. Damit wurden auch die Sonderziehungsrechte bedeutungslos. Aktuell dienen sie als Rechengröße für die Buchführung des IWF mit seinen Mitgliedsländern. Definiert sind sie als Währungskorb aus Dollar, Euro, Pfund und Yen. Am höchsten gewichtet ist der Dollar, in dem immer noch zwei Drittel aller Devisenreserven gehalten werden.

Eine feine Sache für Uncle Sam, der sich viel spart, weil er sein eigenes Geld nicht umwandeln muss. Vor allem aber kauft die Welt seine Staatsanleihen, was es ihm ermöglicht, das Leben auf Pump seiner Bürger billig zu finanzieren und in der Krise frisch gedrucktes Geld in die marode Wirtschaft zu pumpen.


Peking fürchtet US-Inflation

Genau das macht China nervös. Das Reich der Mitte lebt von Exporten in die USA und hat so einen gigantischen Dollarberg angehäuft. Zudem ist es dankbarster Käufer der US-Schatzscheine. Ufern die amerikanischen Staatsschulden aus, droht eine hohe Inflation, und Chinas Staatsschatz wird immer weniger wert.

Diese Gefahr fiele bei einer zentralen Währung weg. Die USA könnten sich nicht mehr so leicht verschulden. Der IWF müsste die neue Währung kontrollieren und dürfte ihre Menge nur im Einklang mit dem globalen Wachstum erhöhen. Das würde sie zu einer höchst sicheren Wertanlage machen. Davon könnten alle profitieren, außer die USA und, paradoxerweise, China. Denn verliert der Dollar an Bedeutung, verliert er auch an Wert – und mit ihm Pekings Reserven.

Was China auch nicht recht sein kann: In einen repräsentativen Währungskorb gehört längst auch den Yuan. Dafür müsste China seine heimlich kontrollierte Währung freigeben. Und daran hat die Führung kein Interesse, belebt doch ein überbewerteter Yuan ihre Exporte. Die Chinesen schneiden sich also, so scheint es, mit ihrem Vorschlag ins eigene Fleisch. Was führen sie im Schilde? Die meisten Experten meinen, dass die Attacke gegen den Dollar nur eine Drohgebärde sei, mit der sich Peking eine gute Verhandlungsposition für den G20-Gipfel sichern will. Dort geht es auch um die Stimmrechte im IWF, in dem China seit Langem für mehr Präsenz kämpft.

Noch eine andere Deutung ist plausibel. Die chinesische Währung steckt in einer Pattstellung: Die Chinesen blocken eine Aufwertung, gegen eine Abwertung wehrt sich Washington. So marschiert der Yuan im Gleichschritt mit dem Dollar. Er kann also gegenüber anderen Währungen nur dann abwerten, wenn auch der Dollar an Wert verliert – notfalls unter chinesischem Druck. Dann können die Chinesen zumindest in den Rest der Welt billiger exportieren. Und das scheint ihnen in der Krise wichtiger zu sein als der langfristige Wert ihrer Schätze.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2009)