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Der Frieden ist die wahre Hölle

In "Wir sehen uns dort oben" schrieb Pierre Lemaitre die tieftraurige Geschichte von Albert und Édouard und ihrer ganzen zerstörten Generation junger Männer.

Noch bevor man eine Zeile von „Wir sehen uns dort oben“ gelesen hat, weiß man ungefähr, was einen erwartet. Das Buch wurde in Frankreich mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet, sein Autor, Pierre Lemaitre, nennt als literarische „Anlehnungen“ unter anderem Carson McCullers, Gabriel Garcia Márquez, Denis Diderot, Victor Hugo, Kazuo Ishiguro und Homer. Als jemand, der nichts lieber liest als gut und spannend erzählte Geschichten, darf man da bereits vor Vorfreude in die Hände klatschen, es sich auf dem Sofa bequem machen und in die ganz wunderbare und tieftraurige Geschichte von Albert, Édouard und ihrer Generation junger Männer eintauchen, die allesamt durch den Ersten Weltkrieg zerstört wurden.

Gemeinsam haben sie gar nichts, die beiden jungen Soldaten, die in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs am Frontabschnitt 113 buchstäblich aufeinandergeworfen werden – von einem irre lachenden Schicksal und von Leutnant Henri d‘Aulnay-Pradelle, einem wahren Kotzbrocken, der noch schnell zwecks Beförderung eine Heldentat vollbringen möchte und dafür über Leichen geht, „eine Formalität mit 38 Toten“ sozusagen. Der eine junge Mann, Édouard Péricourt, stammt aus reichem Hause, die gute Herkunft ist ihm anzusehen, aber auch sein Unglück. Nie war er der Sohn, den sein gestrenger Vater sich erhofft hatte – schöpferisch, verrückt, überbordend, glühend, noch dazu homosexuell: eine lebende Beleidigung für Monsieur, den respektablen, kühl kalkulierenden Unternehmer und Bankier. Édouard war Veteran noch ehe er je einen Schützengraben zu Gesicht bekommen hatte, Sieger und Verlierer eines emotionalen Stellungskrieges ohne Aussicht auf Frieden.

Doch in Édouard steckt mehr als sein Vater je in ihm sah: Trotz einer Verletzung schleppt sich der junge Soldat zu einem Krater, in dem gerade Albert Maillard verschüttet wurde. Édouard rettet Albert, wird aber dabei selbst von einer Granate verletzt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Einen einzigen Preis fordert er für die selbstlose Tat, die sein Leben zerstört hat: Er will unter keinen Umständen nach Hause zurück. Also macht sich der gesetzestreue Albert – einst Buchhalter, Kleinbürger und Angsthase – strafbar und besorgt dem Freund eine neue Identität. Es soll nicht sein letztes Verbrechen bleiben.


Kurs auf die Katastrophe. Nach Kriegsende kommen die beiden Männer nicht voneinander los. Nun ist es Albert, der sich um Édouard kümmert und unter anderem die durch die starken Schmerzmedikamente ausgelöste Morphiumsucht seines Freundes bedienen muss. Die Friedenszeit wird zu einer Höllenfahrt für das ungleiche Paar, den Behinderten und den Paranoiker; immer wieder überschattet von der strammen Figur des Henri d'Aulnay-Pradelle, dessen Schicksal mit dem von Albert und Édouard auf geheimnisvolle Weise verwoben scheint und der als Sieger ebenso skrupellos agiert wie als Krieger. Als Édouard auf die Idee kommt, ein illegales Geschäft mit Kriegsdenkmälern aufzuziehen, nimmt die Geschichte Kurs auf die Katastrophe.

Pierre Lemaitre hat mit „Wir sehen uns dort oben“ einen wunderbar vielschichtigen Roman abgeliefert. Einerseits merkt man dem Buch die bisherige literarische Erfahrung des Autors als Krimischriftsteller an. Lemaitre steigert die Spannung sukzessive und schafft es, den Leser immer wieder zu überraschen. Gleichzeitig aber hat er ein fantastisches Gesellschaftsporträt Frankreichs zwischen den Weltkriegen geschrieben. Lemaitres ganze Sympathie gilt dem kleinen Mann, als dessen Archetyp Albert durch die Geschichte stolpert, aber dennoch wild entschlossen, am Ende das Richtige zu tun.

Die Verachtung und bissigen Formulierungen des Autors bleiben den Stützen der Gesellschaft vorbehalten, den Dummen und den Aufgeblasenen, den Schmeichlern und Schleimern. Am besten aber gelingen ihm die Figuren, die die ihnen zugewiesene gesellschaftliche Umlaufbahn verlassen, wie der strenge Monsieur Péricourt, Édouards Vater. Dann kommt es unweigerlich zu den Kollisionen, die dafür sorgen, dass man „Wir sehen uns dort oben“ gegen Ende fast schon verschlingt.

Neu Erschienen

Pierre Lemaitre
„Wir sehen uns

dort oben“

Übersetzt von Antje Peter
Klett-Cotta
521 Seiten
23,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2015)