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Das Dorf der braunen Bestien

FOTOPPROBE 'DER KICK'
FOTOPPROBE 'DER KICK'APA/GEORG HOCHMUTH
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Im Vestibül des Burgtheaters hatte am Freitag "Der Kick" Premiere. Peter Raffalts Inszenierung des Stücks von Andres Veiel und Gesine Schmidt mit der Jungen Burg beeindruckt.

Am Schluss, nach fast 80 Minuten, bricht es im Schauspiel „Der Kick“ aus der Mutter des von Rechtsextremen ermordeten, 16 Jahre alten, mental etwas herausgeforderten Marinus raus: „Er ist das Opfer, nicht diese Bestien“, sagt diese Birgit Schöberl (Magdalena Lermer). So müsse es in der Hölle sein.

Die Mutter verflucht die Täter. Im Abspann, per Video, liest man, dass diese Frau am Tag der Urteils gegen die Mörder 2003 an Krebs gestorben sei. Marcel Schönfeld (Aaron Röll), der Marius mit beiden Füßen auf den Kopf sprang und dann mit einem Stein erschlug, erhielt acht Jahre und sechs Monate Haft, erfährt man noch. Er wurde nach sieben Jahren entlassen. Sein älterer Bruder Marco (Frederik Rauscher), Wiederholungstäter, erhielt wegen versuchten Mordes 15 Jahre.


Neonazis ohne Einsicht. Das ist der beklemmende Schluss eines realen Kriminalfalls, den Andres Veiel und Gesine Schmidt dramatisch umgesetzt haben. Der Text fußt auf 1500 Seiten Protokollen. Das Dokumentarspiel wurde bereits 2005 uraufgeführt, in Basel und Berlin, 2006 wurde es verfilmt. In der Jungen Burg gab es im Vestibül unter der Regie Peter Raffalts eine beeindruckende Premiere. Sieben Darsteller zeigten am Freitag mit zum Teil bereits beachtlichem Können, was für ein Umfeld das ist, in dem solch eine Tat passiert. Sie spielen insgesamt 17 Rollen.

Ort der Handlung ist das Dorf Potzlow in der Uckermark, in der auch die deutsche Bundeskanzlerin Merkel aufgewachsen ist. Die Region in Brandenburg zählte nach 1989 zu den Verlierern der Wiedervereinigung: hohe Arbeitslosigkeit, rechtsextreme Umtriebe, Alkohol, Stoff für kalte Aggression. Und Judenhass. Auch den gibt es im Stück.

Per Video fährt man an Potzlow vorbei, rechts steht auf der Bühne das Ortsschild. Durch eine Schiebewand wird der kleine Raum optimal genützt für rasche Szenenwechsel. In Verhören (Lara Feith) folgt kühl die Rekonstruktion der Tat, in Befragungen erfährt man Emotion. Die Eltern der Täter zeigen sich uneinsichtig, fühlen sich als Opfer – der Wende, der Zuzügler, der Umstände, sie sind passive Gestalten, die Täter gebären, so wie viele der Bewohner. Ihr Grundprinzip lautet wegschauen. Nur wenige Figuren lassen auf etwas Menschlichkeit hoffen.

Dieses Kammerspiel trifft den Ton der Tristesse in der Ex-DDR genau. Es bleibt sogar noch ein wenig Zeit fürs Einflechten von Brandaktuellem. Spitzen gegen den rechtslastigen Akademikerball, der zeitgleich wenige hundert Meter entfernt stattfindet, sind jedenfalls drin: Ein Freund der Täter (Moritz Winklmayr), für den „Deutsch denken“ die Zukunft bedeutet, verspricht, dass sie sich die Hofburg zurückholen werden. Sie seien ja die neuen Juden.

Termine im Vestibül: 2., 6., 7., 15., 16., 17. Februar, sowie 3. u. 5. März.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2015)