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Antisemitismus in Wien: "Es gibt kein Leben unter der Käseglocke"

Paul Chaim Eisenberg
Paul Chaim Eisenberg(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Antisemitische Schmierereien, Hetze im Internet oder Beleidigungen werden Alltag. Die Angst lässt jüdische Eltern ihre Kinder aus der Schule holen. Wie der neue Antisemitismus Wiens jüdischen Alltag prägt.

Besucht man Paul Chaim Eisenberg in seinem Büro in der Wiener Kultusgemeinde, bemerkt man sofort, dass dies ein schutzbedürftiger Ort ist. Ein VW der Polizei riegelt die kopfsteingepflasterte Seitenstettengasse am oberen Ende ab. Unten, an der Ecke zum Rabensteig, steht noch ein Beamter, vor der Tür sind Kameras. Bevor man zur Sicherheitsschleuse aus schweren Schiebetüren durchgelassen wird, noch eine Kontrolle durch Sicherheitsleute der IKG im Gebäude.

„Man darf nicht vergessen, wir hatten ja hier schon einen Anschlag“, erinnert Wiens Oberrabbiner an die Attentate in den 1980er-Jahren. 1981, als palästinensische Extremisten den Wiener Stadttempel stürmen wollten, und zwei Menschen getötet wurden. Oder 1985, als ebenfalls palästinensische Terroristen die Passagierschlange vor dem Schalter der El-Al auf dem Flughafen Schwechat mit Handgranaten und Maschinenpistolen angriffen. Dabei starben vier Menschen.

Die Anschläge vor mehr als 30 Jahren werden nach wie vor in jedem Gespräch zum Thema, wenn es um Sicherheit für Juden in Wien geht. Seit 1981 ist der Stadttempel durchgehend bewacht. Aber schon damals waren es Wachmänner, die das Tor zum Tempel zuschlugen und verhindern konnten, dass ein Massaker unter den Juden, die am Sabbat Bar-Mizwa feierten, angerichtet wurde.


Feiern, geschützt vom Sturmgewehr. Gerade bei Feierlichkeiten ist die Angst auch heute präsent. Zuletzt, seit dem Attentat auf einen koscheren Supermarkt in Paris, wieder verstärkt. „Es ist notwendig, immer wieder Sachen zu überdenken“, sagt Eisenberg. Im Detail will freilich niemand über konkrete Schutzmaßnahmen sprechen. Mitunter sieht man sie in Wien ohnehin: An jüdischen Feiertagen zum Beispiel, wenn Wega-Beamte in Vollmontur die Seitenstettengasse oder Einrichtungen im zweiten Bezirk abriegeln. Feiern, geschützt vom Sturmgewehr, das ist Alltag in Wien. Jüdisches Leben könne seit Jahrzehnten nur unter Beobachtung von Beamten und privaten Sicherheitsleuten stattfinden, sagt IKG-Präsident Oskar Deutsch (siehe Interview), während er selbst von Beamten begleitet wird und erst zuletzt Sicherheitsvorkehrungen „nachjustieren“ ließ.


Wenn Kinder nur noch Taxi fahren. Großteils versucht die jüdische Gemeinschaft, weiterzuleben wie bisher. Familie Margules zum Beispiel. „Ich weigere mich auch aus Prinzip, klein beizugeben“, sagt Dina Margules und erklärt, dass sie ihren Alltag so wenig wie möglich von Terror, von Gefahren und Antisemitismus beeinflussen lassen will. „Aber klar, seit ich ein Kind bin, ist das immer ein Thema. Und natürlich ist das jetzt stärker da. Man hat das Gefühl: Es ist schon verdammt viel, das da passiert.“ „Das Problem ist: Man kann ja nicht unter einer Käseglocke leben“, ergänzt ihr Mann, Michael Margules. Das möchte er auch nicht.

Die Sicherheitsmaßnahmen für die Familie beschränken sich auf die der jüdischen Institutionen. Halten sich die Kinder dort auf, „ist dieses Gefühl derzeit wieder da“, schildert Dina Margules die Angst, in Wien könnte etwas passieren. Mit dieser Angst geht jeder anders um. Die einen versuchen, unbehelligt ihrer Wege zu gehen, meiden es, ihr Leben in „eine Art Bunker“ – Michael Margules über die jüdische Schule – zu verlagern. Auch Sohn Rouven sagt, durch ein Spalier aus Beamten zum Unterricht zu gehen, das wäre ihm zu viel. Andernorts habe er sich von klein auf an Wachleute gewöhnt.

Aber man hört von anderen. Von jenen, die dann doch versuchen, ihre Familie mit einer Art Glasglocke zu schützen. Die in Wien konsequent öffentliche Verkehrsmittel meiden, die auch ihre Kinder nur per Taxi oder gar mit eigenem Fahrer von A nach B schicken. Von orthodoxen Juden – durch Schläfenlocken, Barttracht, Hüte und Kleidung leicht zu erkennen –, die nicht allein auf die Straße gehen. Eisenberg erzählt von Familien, die ihre Kinder nach den Pariser Anschlägen tagelang nicht in die Schule geschickt haben. Während anderswo Synagogen vorsichtshalber geschlossen wurden, blieben die in Wien aber stets offen: Teilweise, erzählt der Rabbiner, herrsche da die Mentalität, dass man sich nicht einschränken lassen wolle. „Was nicht heißt, dass man nicht vorsichtig ist.“

Vorsicht, das ist dieser Tage das Stichwort. Ein Mann, der einen koscheren Laden im zweiten Bezirk betreibt, sagt, in den ersten Tagen nach den Anschlägen in Paris sei er nervös gewesen. Jedes Mal, wenn die Tür aufging und jemand hereinkam, den er nicht kannte. „Aber das vergeht wieder, so ist das eben“, sagt er. Jüdisches Leben in Wien ist nirgendwo so präsent wie auf der alten Mazzesinsel, dem Gebiet zwischen Donaukanal und Donau, das zwischen dem 17. Jahrhundert und 1938 einen hohen Anteil an jüdischer Bevölkerung hatte. Heute noch leben hier so gut wie alle der geschätzten 700 bis 800 orthodoxen Wiener Juden, hier finden sie ihre Infrastruktur: koschere Läden, Synagogen, den Sportklub Hakoah, das Jüdische Berufliche Bildungszentrum oder das Sanatorium Maimonides-Zentrum. Die jüdische Infrastruktur in Wien sucht ihresgleichen – vor allem angesichts der kleinen Gemeinde. Die IKG nimmt an, dass etwa 15.000 Juden in Österreich leben, die Mehrheit in Wien. Bei der Volkszählung 2001 wurden 8140 Juden in Österreich gezählt. In der IKG Wien sind etwas über 7000 Mitglieder registriert, in den Bundesländern sind es etwa 300.

Die Zahl der Vorfälle steigt. Die Infrastruktur wird weiter aufgebaut: Seit 2012 gibt es in Wien auch einen Eruv, einen festgelegten Raum, der sich über mehrere zentrale Bezirke erstreckt, in dem am Sabbat bestimmte Aktivitäten erlaubt sind. Dank dieser Infrastruktur war Wien lange ein attraktives Ziel für Juden aus dem Ausland, entsprechend heterogen ist die Gemeinschaft.

Aber zuletzt nahm der Antisemitismus zu. Ging Judenhass lange von traditionell antisemitischen rechten und linken Gruppen aus, wächst nun die Zahl der Vorfälle durch arabisch-islamistische Antisemiten in Wien. 2014 wurden doppelt so viele Vorfälle gemeldet wie 2013 (siehe unten). „Und wenn dann Veranstaltungen sind wie der Akademikerball, dann macht das das jüdische Leben ganz schön kompliziert“, sagt Paul Eisenberg in seiner nachdenklich-ironischen Art hinter Bergen an Unterlagen in seinem Büro. Dort hängen alte Plakate von Veranstaltungen. „Toleranz vs. Terror“, zum Beispiel, die war vor mehr als zehn Jahren. Die Themen sind geblieben. Wie versucht der Oberrabbiner da einzuwirken? „Jeder von uns sollte bei seinen eigenen Leuten bremsen“, sagt er, deutet das Bohren harter Bretter an. „Freilich kann ein Rabbiner nicht dagegen sein, dass jemand sehr fromm ist. Aber der Fundamentalist unterscheidet sich dadurch, dass er nur schaut, ob der andere eh fromm genug ist.“ Nachsatz: „Schauen Sie, da kommt auch einmal ein kluger Gedanke vom Rabbiner.“

Aber der wachsende Antisemitismus, der sich in Umfragen zeigt, bereitet ihm Sorgen. Judenfeindlichkeit zieht sich durch Bevölkerungsgruppen, und durch Altersgruppen. Ein damals Zehnjähriger, erzählt Rebecca Margules, heute 13, habe vor zwei Jahren zu ihr gesagt, „hier, in der Schule, sollte man eine Gaskammer hinbauen“. Bei späteren Gesprächen habe er beteuert, nicht gewusst zu haben, wovon er spricht. Die 13-Jährige weiß als Enkelin von Holocaust-Überlebenden genau, worum es da geht. Mit etwa acht, neun Jahren wurden Rebecca und Rouven Margules von ihren Eltern an die Themen Holocaust und Antisemitismus herangeführt – besonders Rebecca habe dafür großes Interesse entwickelt, erzählt sie.

Die Geschichte prägt, Erlebnisse wie ein „Gaskammer“-Sager ebenso. Oder dass Schulkollegen, wie Rouven erzählt, im Wald hinter der Schule „Hitler und Juden“ spielen. Die beifällige Bemerkung an Rebecca, „du schaust gar nicht wie eine Jüdin aus“. Oder Bemerkungen auf dem Fußballplatz. Michael Margules, nebenbei sportlicher Leiter beim jüdischen Fußballklub Maccabi Wien, erzählt von immer wieder aufflammendem Judenhass. „Bis zu den Zwölfjährigen ist das kein Problem, aber ab zwölf kommen immer wieder verbale Angriffe. Beim Fußball geht es nicht zimperlich zu, das ist klar. Aber gehässige, aggressive antisemitische Bemerkungen kommen vor allem, wenn wir gegen türkische Vereine spielen.“ Meist bleibt es bei Worten, wie die meisten antisemitischen Vorfälle verbal oder schriftlich stattfinden. „In den sozialen Medien kippt der Ton schnell in totalen Judenhass“, erinnert Dina Margules an den Sommer 2014, als der Gazakonflikt wieder aufflammte. Nicht immer bleibt es bei Worten. Eisenberg berichtet von Schmierereien, den Margules wurde vorigen Sommer ein Autoreifen zerstochen. Zufall oder nicht, es geschah just in den Tagen, als eine Israel-Kappe hinter der Windschutzscheibe lag.

Trotzdem. Immer wieder sagen Wiens Juden, man fühle sich hier sicher. Tendenzen, nach Israel auszuwandern, wie sie in Frankreich seit zwei Jahren beobachtet werden, gebe es noch nicht, auch wenn die Entwicklungen in Europa freilich Sorgen machen. „Ich glaube nicht, dass Juden hier unsicher sind. Juden in ihrer Gesamtheit sind nicht bedroht“, sagt Eisenberg.


„Schwer, sich daran zu gewöhnen.“ Wie geht er persönlich mit dem Thema Sicherheit um? Spielt Angst eine Rolle? „Es ist schwer, sich daran zu gewöhnen“, sagt er, und vergleicht die Situation mit jener von Flugpassagieren. Da hätten die verstärkten Kontrollen nach 9/11 ja auch zunächst für Irritation gesorgt, das Gefühl hervorgerufen, einer Bedrohung ausgesetzt zu sein. „Heute empfinden wir das als normal. So ähnlich ist das bei uns.“ Und er persönlich? „Ich? Ach, ich blende das zum Teil aus.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2015)