Jeder fünfte Freizeitsportler dopt

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Während dopende Profisportler mit Sperren bestraft werden, greifen rund 20 Prozent der Hobbysportler völlig straffrei zu Pillen, Pulver und Spritzen - und geben dafür Millionen aus.

Wien. „Du hast aber ordentlich Muskeln zugelegt. Was nimmst du?“, fragt ein braun gebrannter, junger muskelbepackter Mann. Er nehme XY, sagt der, „das wirkt höllisch gut, du kannst trainieren ohne Ende. Aber pass auf, dosiere nicht zu hoch, sonst sprengt es die Haut!“

Ein Dialog, mitgehört in der Männergarderobe eines Wiener Fitnesscenters. Ein Einzelfall? Wohl kaum. In Internetforen spielen sich ähnliche Frage-Antwort-Szenarien ab. Doping ist längst kein „Privileg“ der sportlichen Spitze mehr (und derzeit durch die jüngsten Dopingfälle in den Schlagzeilen), auch der Breitensport ist kontaminiert. Erst am Freitag wurden zwei Hobby-Bodybuilder in Linz zu acht bzw. drei Monaten bedingter Haft verurteilt, weil sie sieben Jahre lang Testosteronpräparate eingenommen und verkauft hatten. Wobei in Österreich für Hobbysportler nur Letzteres, die Weitergabe, verboten ist. Wer im Freizeitsport dopt, muss keine Strafen fürchten. Auch wenn es um Substanzen geht, die auf der Dopingliste stehen.

Der Gebrauch von Dopingmittel, sagte einer der Angeklagten vor Gericht, sei „sehr üblich und weit verbreitet“. Wie verbreitet, ist nicht bekannt. Während Deutschland die Problematik schon vor Jahren erkannte, verschließt man in Österreich nach wie vor die Augen. In Deutschland dopen laut mehrerer Studien 200.000 Freizeitsportler (22Prozent aller männlichen Trainierenden, rund sieben Prozent aller weiblichen) und geben dafür rund 100 Millionen Euro aus. Für Österreich fehlen Zahlen. Doping-Experte Hans Holdhaus schätzt, dass 20 Prozent der Teilnehmer an Laufveranstaltungen mehr oder weniger bewusst dopen. Das Bewusstsein, dass illegale Präparate die Gesundheit schädigen (siehe nebenstehenden Artikel), „ist nicht ausgeprägt“, sagt Sportmediziner Wolfgang Schobersberger. Gedopte Hobbysportler werden stillschweigend toleriert. Schon möglich, dass der eine oder andere, der hier in der Kraftkammer trainiert, „irgendwas“ genommen hat, heißt es aus Fitnessstudios. Es sei „schwer nachweisbar, ob jemand etwas eingenommen hat“, sagt der Obmann der Freizeitbetriebe in der Wirtschaftskammer, Gerhard Span: „Die Fitnessbranche distanziert sich davon.“ Es habe in den letzten Jahre „keine einzige Beschwerde gegeben, dass in einem Fitnessbetrieb mit Dopingmitteln gehandelt wurde“.

Stimmt nicht ganz, wie der Fall der beiden verurteilten Bodybuilder zeigt. Johann Klepp, Inhaber der „Club Danube“-Kette, sagt, dass in seinen Studios „zwei bis drei Mal im Jahr“ ein Kunde beim Dealen von Anabolika & Co. erwischt wird. Bei 2,5 Mio. Besuchern im Jahr „vernachlässigbar“, findet er.

Die niedrige Zahl könnte auch einen anderen Grund haben: Parlamentarische Anfragen von Johann Maier (SP) ergaben, dass es zwischen 2002 und 2007 keine Kontrollen in Fitnessstudios gab.

Wie groß der Markt für Dopingmittel unter Freizeitsportler ist, zeigen Fahndungserfolge des Zolls: Im Vorjahr wurden mehr als 144.000 Tabletten, Kapseln und Ampullen beschlagnahmt, darunter zahlreiche als Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpräparate deklarierte Dopingsubstanzen. Und der Markt wächst: 2007 waren es nur 36.000 Stück. „Durch das Internet ist die Verfügbarkeit so groß wie nie“, sagt Sportmediziner Schobersberger.

Warum greifen Hobbysportler zu Pillen und Spritzen? Günter Amesberger, der zahlreiche Spitzenathleten betreut, sagt: „Breitensport ist Leistungssport geworden.“ Hobbysportler im Ausdauerbereich wären regelrecht „blamiert, wenn sie in Wettkämpfen schlecht sind“. Engagierte Freizeitsportler sind Experten, was die Technik betrifft, auch dafür, wie sich die Leistung steigern lässt. Hobby-Alpinisten, sagte Extrembergsteiger Reinhold Messner einmal, seien „auf Teufel komm raus“ gedopt.

„Wie eine Schönheitsoperation“

Für Kraftsportler zählen andere Motive: Für sie ist ihr Körper wichtiger Bestandteil ihrer Identität. „Sie wollen in der Badehose gut aussehen“, sagt Amesberger. Weil das Training zeitintensiv ist, versuchen viele, einen muskulösen Körper über passive Mittel zu erreichen. Das ist, sagt Amesberger, „so ähnlich wie bei einer chirurgischen Schönheitsoperation“. Weil die Masse Dopender unzureichend informiert ist, setzen Veranstalter auf Aufklärung – auch wenn sie systematisches Doping im Breitensport leugnen. Die Veranstalter des „Vienna City Marathon“ am 19.April fürchten um ihr Image. Für Dienstag wurde eine Pressekonferenz zum Thema Doping einberufen. Natürlich „werden unlautere Dinge passiert sein, immerhin laufen bis zu 30.000 Teilnehmer“, sagt ein Sprecher. In der 25-jährigen Geschichte sei kein gedopter Läufer entdeckt worden. Kein Wunder: Der Großteil, die Hobbyläufer, wurde nicht kontrolliert. Siehe S.10

AUF EINEN BLICK

Doping: Wie weit verbreitet Doping in Österreich ist, ist nicht erfasst, Studien fehlen. In Deutschland dopen rund 20 Prozent der Freizeitsportler.

Weltweit werden laut einer Studie der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) jährlich rund 700 Tonnen anaboler Steroide zu Dopingzwecken missbraucht. 31 Mio. Menschen nehmen mehr oder weniger regelmäßig Dopingmittel ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2009)

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