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Indiens Wirtschaftswunder aus der Trickkiste

Labourers work at the construction site of a bridge being built over the river Yamuna for metro rail in New Delhi
REUTERS
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Kolumne Indiens Statistiker „verbessern“ das BIP-Wachstum über Nacht um 50 Prozent. In Europa ist dieser Trick längst ein alter Hut.

Wer als Staat wirtschaftlich erfolgreich sein will, braucht vor allem eines: tüchtige Statistiker. Keine andere Zunft verhilft einer Volkswirtschaft mit derartiger Leichtigkeit zu Wachstumssprüngen wie kreative Beamte in Statistikbehörden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für so ein amtliches Wirtschaftswunder lieferte jüngst Indien.

Das 1,2-Milliarden-Einwohner-Land wird seit Monaten als heißester Kandidat dafür gehandelt, China in Sachen BIP-Beschleunigung den Rang abzulaufen. Spätestens 2017 erwarten Weltbank und Internationaler Währungsfonds Indien als neuen Wachstumskaiser in Asien. Doch nun könnte alles deutlich schneller gehen: Vor wenigen Tagen hat Indiens oberste Statistikbehörde die Berechnungsmethode für das BIP geändert und damit rückwirkend das Wirtschaftswachstum für das vergangene Jahr um fast 50 Prozent nach oben gehievt. Statt 4,7 Prozent wuchs die indische Wirtschaft 2014 demnach um 6,9 Prozent. In dieser schönen neuen Version der Vergangenheit liegt Indien nur knapp hinter China mit einem Plus von 7,4 Prozent. Die Zahlen haben aber auch einen praktischen Nebeneffekt für den neuen Premier Narendra Modi: Durch die magische BIP-Vermehrung kann er es mit dem Budget ein wenig lockerer nehmen. Denn je höher das BIP, desto niedriger die am BIP gemessene Staatsschuldenquote.

Budgetkosmetik inklusive

Wer jetzt „Betrug“ schreien will, sollte noch einmal tief durchatmen. Denn der indische Wachstumszauber gehört in unseren Breiten längst zum guten Ton. Die Statistikbehörde des Landes hat nur das Referenzjahr für die Kalkulation verändert und ihre Berechnungsmethode an das System of National Accounts der UNO angeglichen. Die EU hat diesen Schritt im Herbst erledigt und so das Bruttoinlandsprodukt der EU-Länder um bis zu fünf Prozent gesteigert. Budgetkosmetik für die hoch verschuldeten Länder inklusive.

Die alten Zahlen seien realistischer gewesen, sagen Kritiker im Fall von Indien. Als Ende 2013 das Ende der US-Geldschwemme im Raum stand, verfiel die indische Rupie, das Land musste den Leitzins anheben, Goldimporte drosseln und fuhr ein beträchtliches Außenhandelsdefizit ein. Nicht gerade die Umstände, in denen eine Volkswirtschaft im Normalfall um 6,9 Prozent wächst. Auch die meisten Inder dürften von dem starken Wachstum wenig gemerkt haben. Schließlich gewann der damalige Oppositionsführer Modi die Wahlen nicht zuletzt deshalb, weil viele seine Kritik am schwachen Wachstum teilten.
Immerhin seien die Zahlen nun international vergleichbar, heißt es. Absolute Wahrheiten sollte man sich von BIP-Zahlen ohnedies nicht erwarten. Zumindest ein Drittel davon wird von den Ökonomen schlicht geschätzt.

E-Mails an: matthias.auer@diepresse.com