Zehn Jahre lang leitete er das Burgtheater. Jetzt sitzt er meistens schon in München und macht dort Oper. Von Wien nimmt er in den kommenden Wochen tatsächlich Abschied.
Er würde es schwer haben. Das konnte man ungeschützt behaupten, als Klaus Bachler 1999 nach dem kraftgenialischen Langzeitdirektor Claus Peymann die Leitung des Burgtheaters übernahm. Rabaukenhaftes Kräftemessen blieb dem Neuen fremd. Er hat sich dennoch durchgesetzt, mit Stil.
Die besten Regisseure. Bei ihm werkten die besten und zugleich auch die heikelsten Regisseure. Er band Andrea Breth ans Haus, die uns 14 klassisch-schöne Inszenierungen bescherte. Er ließ Martin Ku?ej experimentieren, der Grillparzer, Schönherr, Nestroy neue Facetten abgewann und sieben Mal unter Bachler Regie führte. Er engagierte fünf Mal Luc Bondy, diese Abende waren allesamt Ereignisse. Zugleich etablierte sich auch eine jüngere Generation, darunter starke Frauen: Karin Beier und Friederike Heller waren sozusagen Hausregisseurinnen, René Pollesch und Stephan Kimmig die Hausregisseure.
Die – ganz persönlichen – Höhepunkte der Ära Bachler: „Don Carlos“ in der strengen, werkgetreuen, atemberaubenden Interpretation Andrea Breths. Sie seziert die Mechanismen der Macht, sie bringt die Schillersche Sprache zum Funkeln. Um pure Macht und reines Schicksal geht es auch in „König Lear“ unter der Regie von Luc Bondy. Zwei Dutzend Burgschauspieler in Höchstform sind in diesen viereinhalb Stunden zu bewundern, angeführt von Gert Voss als Protagonist und Birgit Minichmayr als bezauberndem Kind-Narr. Mit „König Ottokars Glück und Ende“, einer höchst erfolgreichen Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, hat Martin Ku?ej die Grillparzer-Tradition des Hauses gründlich entstaubt und das Abgründige des Biedermeiers freigesetzt. Beinahe wie ein elisabethanisches Königsdrama wirkt dieses Spiel, in dem Tobias Moretti, Nicholas Ofczarek, Elisabeth Orth und Michael Maertens alle Register ziehen. Weniger Glück hatte Bachler insgesamt mit dem Shakespeare-Zyklus; ein verheerendes „Romeo und Julia“ unter der Regie von Sebastian Hartmann, ein schwacher „Macbeth“ von Kimmig zum Abschluss und viel Durchschnitt bei den Komödien. Die Zusammenfassung selten gespielter Königsdramen unter dem Titel „Die Rosenkriege“ (Kimmig) war mäßig ausgelastet.
Ein tolles Ensemble. An den Schauspielern kann es nicht gelegen sein. Das Ensemble ist nach diesem Jahrzehnt in bester Form, scheint ausgeglichen, von Intrigen hört man kaum. Neue Stars haben sich entwickelt: Neben Voss, Orth, Kirchner, Schwab, Brandauer, Zeller etc. sind jetzt Jüngere etabliert: Minichmayr, Sedl, Morzé, von Poelnitz, Wokalek, Meyerhoff, Hochmair etc. Das Burgtheater mit seinen mehr als 100 Ensemblemitgliedern schöpft aus dem Vollen und kann ehrgeizige Projekte verwirklichen wie keine andere deutschsprachige Bühne. Niederlagen steckt man einigermaßen locker weg: Breth fiel bei „Wallenstein“ aus, Gosch beim „Faust“.
Ein offenes Haus. Mit seinen Einladungen an Schlingensief („Area 7“, „Mea Culpa“) und Hermann Nitsch, das Burgtheater komplett zu bespielen, öffnete Bachler der Performance, der bildenden Kunst das Haus, wichtig in einer Zeit, da Bilder dominieren. Vor allem Schlingensief gestaltete hochinteressante Aufführungen, das Publikum kam in Scharen.
Bedeutende Autoren. Bei den bekannten österreichischen Autoren der älteren Generation brillierte das Burgtheater in der Ära Bachler. Zwar gab es viel diskutierte Uraufführungen der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek bereits unter Peymann („Raststätte“ oder „Sportstück“), doch Bachler berief Regisseure, die für die Textflächen Jelineks zeitgemäße und originelle Bildflächen erfanden, wie Christoph Schlingensief („Bambiland“) oder Nicolas Stemann („Das Werk“). Gert Jonke wurde von Emmy Werner für Wien am Volkstheater vorgestellt, aber das Burgtheater hat nun einmal ganz andere Ressourcen: Jonke-Stücke wie „Chorphantasie“ oder „Die versunkene Kathedrale“ wurden zu echten Triumphen, auch beim Publikum.
Frisches Off-Theater. Auf den Nebenschauplätzen (Kasino, Vestibül) konnte man eine stattliche Anzahl jüngerer Autoren entdecken. Außerdem gab es Jungdramatiker-Wettbewerbe. Mit den Dramaturgen Andreas Beck und Joachim Lux hatte Bachler in diesem Genre passionierte Berater. Beck führt heute das Wiener Schauspielhaus. Lux übernimmt das renommierte Hamburger Thalia Theater. Mit ihrem vielfältigen Programm erfüllen Kasino, Vestibül ihre Funktion als „Appetizer“ für jüngere Besucher. Das ist notwendig, weil dem Burgtheater künftig nicht mehr selbstverständlich neues Publikum nachwachsen wird. Denn die Bühnenkunst steht nicht mehr auf einem bildungsbürgerlichen Podest unter den Künsten wie einst.
Noble Distanz zur Politik. Obwohl er sich routinemäßig in Österreich-Beschimpfungenübte („Wir riechen schlecht“), erreichte Bachler weder den Glamour- noch den Unterhaltungsfaktor seines Vorgängers Peymann. Der urwüchsige Zorn des Altachtundsechzigers fehlte Bachler, diesem meist in Maßanzügen auftretenden Gentleman, den man sich eher beim tadellosen Tranchieren eines Hummers im Gourmettempel vorstellen kann als bei einer Demo. Trotzdem nahm er immer wieder deutlich Stellung, am energischsten nach der Inthronisierung der schwarz-blauen Regierung, als das Burgtheater überdies von Demonstranten gestürmt wurde. Es war mehr ein Stürmchen.
Das Burgtheater unter Bachler hat funktioniert: Kaum Premierenverschiebungen, wenige Schließtage, viele (Neu-)Produktionen, gute Organisation, gute Auslastung. An den klaglosen Abläufen haben auch die Burgtheater-Geschäftsführer (Thomas Drozda, mittlerweile bei den Vereinigten Bühnen, und Silvia Stantejsky) ihren Anteil.
Das Burgtheater wird nicht mehr als hehrer Tempel betrachtet, sondern auch als Dienstleistungsbetrieb. Das bedingt eine gewisse Nüchternheit und Ernüchterung. Schauspieler sehen die Burg als Station ihrer Karriere, zwischen Film und anderen deutschsprachigen Bühnen, die nützlicherweise möglichst renommiert sein sollen. Der Burgschauspieler, der Künstler, ist kein Weihrauch umwehter Gott mehr. Er wird gemessen an dem, was er leistet. Bachler propagierte die Burg als Nationaltheater. Diese Idee ist nicht aufgegangen. Das Burgtheater ist – wohl schon seit Langem – Teil des deutschsprachigen Bühnenwesens, welches vom Regietheater mitunter recht einförmig geprägt wird. Die Burg ist ein Theaterunternehmen wie andere, neidisch beäugt von Konkurrenten, die bei Weitem nicht über ihr Budget verfügen. Mit den Bilanzen gab es zuletzt Probleme, die Bundestheater-Holding half. Die Subventionen sind seit Jahren kaum erhöht worden. Darum wird sich Bachlers Nachfolger Matthias Hartmann kümmern müssen.
Rückzug. Bachler war zuletzt durch seine Planung als Intendant der Bayerischen Staatsoper nur mehr wenig anwesend. Böse Zungen behaupten, er könne sowieso am besten delegieren. Er gilt als typischer Job-Hopper, vielleicht sieht man ihn eines Tages noch als Salzburger-Festspiel-Intendant. Und er hat doch den ein oder anderen fundamentalen Flop zu verantworten wie z. B. den unsäglich langweiligen „Cäsar“ oder eine nicht minder fade Kunstübung: „Die Glocken von Innsbruck läuten den Sonntag ein“ im Kasino. Wie überhaupt bei der Fülle der Programme die Qualität mitunter durchaus gemischt war. Originalität, Eigensinn, Mut zum Risiko – hier darf man von seinem Nachfolger Matthias Hartmann, der auch Regisseur ist, vielleicht noch mehr erhoffen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2009)