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Unser Mann in Prag

Helmut Zilk, ein Spion? Warum nicht? Seinen Freunden zufolge war er als "Freund der Frauen" ein perfekter Agent. Die Reaktionen zeigen jedenfalls, dass Aufklärung schlau wäre.

In der ersten Minute war die Sache klar: Dass Helmut Zilk ein Spion war, ist erstens ein altes Gerücht, zweitens irrelevant und drittens unvorstellbar.


Obwohl: Jeder, der mit Zilk mehr als ein paar Dutzend Sätze wechseln durfte – weniger waren mit ihm nicht möglich –, weiß: Der Mann wäre der ideale Spion gewesen. Er wäre der Letzte gewesen, den man verdächtigt hätte. Auffälliger kann sich ein Politiker nicht benehmen, mehr reden und (aus)plaudern ebenfalls nicht. Dann aber zogen die Verteidiger Zilks aus, und Nachdenklichkeit machte sich breit: Die „Krone“ rief auf der Titelseite zum Kampf um das Andenken ihres Ex-Ombudsmanns auf. Die Titel mussten nur aus den Monaten der Affäre Waldheim kopiert werden. Die ist zwar nicht vergleichbar, löst aber bei Dichand und Co. ähnliche Emotionen aus. Redaktionsintern ist offenbar bereits eine Initiative zwecks Seligsprechung Zilks angelaufen. Dagmar Koller erhebt wie zum Beweis dafür das Kreuz gegen die Ungläubigen und nannte die Medien mies, was bei jemandem, der seine Karriere in enger Abstimmung mit kleinen und großen medialen Formaten geplant hat, eine späte Erkenntnis ist. Nicht zum Beweis, sondern zur Unterstützung Kollers druckte „News“ ein Interview zweier Toter ab: Alfred Worm und Helmut Zilk interviewen und loben sich gegenseitig. Als Höhepunkt befahl der Kanzler die Diskussion für beendet.


Wir führen sie also weiter. Kann man sich den damaligen Fernsehdirektor in vertraulichen Gesprächen mit tschechischen Verbindungsoffizieren vorstellen, die sich über Leben und Spesen in Wien freuten? Natürlich, solche Unterhaltungen führten und führen viele Journalisten, schon um sich selbst reden zu hören und dem Visavis zu helfen, seinen Job bei der jeweiligen Botschaft zu rechtfertigen, der für das schlichte, aber ebenso informative Zeitungslesen zu gut dotiert ist. Ist es möglich, dass Zilk von seinen Gesprächspartnern teure Geschenke – damals waren das meist Sprudel, Cognac und Konfekt – angenommen hat? Ganz sicher sogar, in den späten 60er-Jahren ging ohne Aufmerksamkeiten, die einen heute dank diverser Korruptionsbestimmungen volley hinter Gitter bringen, nichts.


Kann Zilk wichtige Vertraulichkeiten ausgeplaudert haben – womit wir uns der eigentlichen Spionage langsam nähern? Nein, Zilk wusste nicht viele solcher Details, er hielt seine Informationen aber sicher für wertvoll. Womit wir beim Geld wären: Hat er oder hat er nicht? Hat Zilk ein paar lächerliche tausend Schilling – wie viel war das noch schnell in Euro? – genommen, was die neuesten im „profil“ angeführten Dokumente über die Kontakte zwischen Zilk und dem Geheimdienst belegen sollen? (Deren Tonalität über das abwechselnde Zaudern, die Euphorie und die Angst vor Entdeckung Zilks spricht entweder für ihre Echtheit oder die literarische Qualität des Fälschers, der seinen Graham Greene gelesen haben muss.) Schwierig, aber vorstellbar bei jemandem, dessen damaliger Lebensstil von seinen Freunden mit jener Bewunderung großzügig genannt wird, mit der dieselben alten Herren sagen, er sei „ein großer Freund der Frauen“ gewesen.
Aber über Tote soll man nichts Schlechtes schreiben. Und genau deswegen haben und brauchen wir dafür Historiker: Die befassen sich mehrheitlich und hauptberuflich mit Verstorbenen, deren Leben und Taten.


rainer.nowak@diepresse.com