Erst waren Mikro-Kredite in aller Munde, dann kamen sie ins Gerede. Doch die Branche zwischen Profit und Moral hat aus Fehlern gelernt – und erlebt durch Telefonbanking einen neuen Boom.
Wien. Bernadette heißt die resolute Frau, wie das Mädchen in Lourdes, dem einer frommen Legende zufolge ein Wunder widerfuhr. Ein kleines Wunder ist auch, was Bernadette in Kenia auf die Beine stellte, dank eines Mikrokredits. Früher war sie von Hilfslieferungen abhängig, um ihre vier Kinder zu ernähren. Jeden Tag schleppte sie Eimer von einer fünf Kilometer entfernten Wasserstelle. Schicksal? Mit dem Geld baute Bernadette einen Brunnen mitten im Dorf und verkauft nun, zu einem fairen Preis, ihr eigenes Wasser. Das reicht nicht nur, um den Kredit zu tilgen. Sie besitzt jetzt auch Ziegen, Kühe, ein Weizen- und ein Kukuruzfeld.
Aber das Geld für die Raten, das musste sie anfangs stundenlang zu einer Bank tragen. Ein gefährlicher Weg mit kostbarer Fracht. Was, wenn sie überfallen und ausgeraubt würde? Ein guter Grund für viele, ihre Hände von Geldgeschäften zu lassen. Bis vor zwei Jahren M-Pesa kam: Ein Telefonbanksystem, mit dem jeder Handybesitzer per SMS Geld überweisen und empfangen kann.
„Selbst draußen bei den Samburis und Massais hat fast jeder ein Handy. Das macht M-Pesa auch für uns zu einer Revolution“, erzählt Judy Ngarachu, Mikrokreditexpertin aus Nairobi, mit leuchtenden Augen. Das System wurde von Safaricom entwickelt, mit Rückendeckung von Vodafone, die 40 Prozent am Telecom-Marktführer in Kenia halten.
Per Pin-Code und SMS kann der Nutzer Zahlungen anweisen. Statt einer Bankfiliale braucht er nur einen der 7000 über das ganze Land verteilten M-Pesa-Agenten, meist der Greißler des Dorfes, der Bargeld übernimmt und auszahlt.
Das System ist um 45 Prozent günstiger als klassische Überweisungsdienste wie Western Union. Safaricom kann sich die Hände reiben: Seit dem Launch hat sich die Zahl der Vertragskunden von sechs auf zwölf Millionen verdoppelt – das ist ein Drittel aller Kenianer. Vergleichbare Systeme gibt es auch auf den Philippinen und in Südafrika. Aber noch keines war so erfolgreich wie M-Pesa, das über Patenteigner Vodafone nun seinen Siegeszug auch in anderen Ländern antritt.
Für Mikrokreditfinanzierer bedeutet das System eine gewaltige Kosteneinsparung: „M-Pesa ermöglicht uns, auf Sicht die Zinsen zu senken und damit Kredite für weit mehr Bedürftige attraktiv zu machen“, erklärt Ngarachu.
Gewinn statt milde Gabe
Geschichten wie die von Bernadette kann sie viele erzählen. Höhen und Tiefen ihrer Branche hat sie miterlebt und mitdurchlitten. „Vor drei Jahren begann der Boom“, erinnert sie sich. Damals erhielt Muhammad Yunus für seine Grameen Bank in Bangladesch den Friedensnobelpreis.
Er hatte eine alte Idee zu neuem Ruhm geführt: Banken für Arme, die mangels Sicherheiten woanders kein Darlehen bekommen. Mikrokredite sollten ihnen helfen, sich auf eigene Beine zu stellen: „So gewinnen Menschen Selbstvertrauen, werden zum Vorbild für die ganze Familie.“ Schnell galt diese Hilfe zur Selbsthilfe als Zauberformel, wie Armut wirkungsvoll und schnell zu bekämpfen sei.
Doch die Ernüchterung blieb nicht aus: „Die Branche wuchs viel zu schnell. Auf einmal war es auch für große Geschäftsbanken schick, Mikrokredite anzubieten. Das machte sich gut in den Jahresberichten.“ Um Kosten zu sparen, prüften sie nicht, was mit dem Geld geschah: „Statt sich eine Existenz aufzubauen, kauften sich die Leute einen Fernseher und gerieten in die Schuldenfalle. Wenn es eng wurde, ließen die Banken sie im Regen stehen – wie jetzt in Südafrika.“
Kurz gesagt: Die Banken optimieren, wie überall auf der Welt, ihren Gewinn. Mikrofinanz im Sinne der Erfinder lebt aber von einer heiklen Balance zwischen Profit und Caritas. Das eingesetzte Kapital muss gesichert sein, sonst wären Investoren abgeschreckt. Der Aufwand für Prüfung, Beratung und Training ist aber extrem teuer. Mit normalen Gewinnerwartungen wären die Zinsen zu hoch. Mehr als zwei bis drei Prozent Rendite sind für die Anleger nicht drin. Als fatal hat es sich aber auch erwiesen, dass EU, Weltbank oder staatliche Agenturen Mikrokredite mit Almosen verwechseln und durch zu niedrige Zinsen den Markt für private Anbieter verzerren. Geschenkt wird nichts, verdient auch nicht viel – nur so kann es funktionieren.
Judy Ngarachu arbeitet für die private Kreditgenossenschaft Oikokredit, die Investoren der Ersten Welt mit Mikrofinanzinstituten in der Dritten zusammenführt. Ihre Kriterien der Auswahl entsprechen den Regeln von Yunus. Verliehen wird an Gruppen von mindestens fünf, die untereinander für sich bürgen: „Das macht man nur, wenn man sich kennt und vertraut. Die Gruppe entscheidet, wer einen neuen Kredit bekommt. Und den lassen sie dann nicht hängen.“ Das wiederum kommt dem Investor zugute: Das Risiko von Zahlungsausfällen liegt nahe bei null.
Frauen wirtschaften besser
80 Prozent der Kredite gehen an an Frauen. Für Ngarachu lässt sich das leicht erklären: „Männer träumen vom großen Geld. Unsere Frauen sind mit wenig zufrieden, sie wollen, dass ihre Kinder in die Schule gehen können.“ Noch etwas fällt Frauen leichter: zu sparen. „Wir wollen eine Kultur des Sparens entwickeln, keine des Schuldenmachens.“ Kreditnehmer legen einen Teil ihrer Überschüsse zur Seite. So sollen Abhängigkeiten vermieden werden.
Auch eine Versicherung wird angespart, für den Fall, dass ein Schuldner stirbt oder sein Geschäft abbrennt: „Das hat sich voriges Jahr bei den Stammesunruhen bewährt.“ In den Kreditgruppen der Slums werden bewusst verschiedene Stämme gemischt, um das soziale Gefüge zu stärken.
Freilich gibt es auch Länder, aus denen sich Oikokredit ganz zurückzuziehen musste, wie etwa Simbabwe: „Das Geld der Investoren war dort nicht mehr sicher.“ Alternativen gibt es genug, erst zehn Prozent des weltweiten Potenzials ist abgedeckt.
Bei aller Euphorie über Innovationsschübe wie das Telefonbanking macht sich aber die Einsicht breit, dass Mikrokredite kein rasch wirksames Heilmittel gegen die Armut sind: „Unterentwicklung findet in den Köpfen statt“, weiß Ngarachu, „und dort ändern sich die Dinge nicht von heute auf morgen. Mikrokredite haben Zukunft. Aber nur, was langsam wächst, ist auch nachhaltig.“
AUF EINEN BLICK
www.oikocreditaustria.at■Mikrokredite sollen den Ärmsten helfen, sich auf eigene Beine zu stellen. Da Mikrofinanz-Banken über wenige oder keine Filialen verfügen, sind die Wege weit und die Kreditkosten hoch.
■Durch das TelefonbanksystemM-Pesa, das in Kenia höchst erfolgreich ist, können nun Überweisungen per SMS erfolgen. Das senkt Kosten und Zinsen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2009)