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Berlinale 2015: Frau Binoches Gespür für Schnee

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(c) Berlinale/LEANDRO BETANCOR
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Geschichten um abenteuerlustige Frauen scheinen heuer einen Schwerpunkt zu bilden. Zur Eröffnung bereist Juliette Binoche in „Nobody Wants the Night“ die Arktis.

Rund um den Potsdamer Platz herrscht reges Treiben, der rote Teppich vor dem umgebauten Musicaltheater ist ausgerollt, Paparazzi stehen Spalier mit einem Kribbeln in den Fingern – die 65. Berlinale hat begonnen. Die kürzlich erfolgte Ankündigung, der chinesische Künstler und Dissident Ai Weiwei würde während des Festivals live und per Fernregie einen Berlin-Kurzfilm mit Til Schweiger drehen, ist emblematisch für die Filmfestspiele unter der Intendanz von Dieter Kosslick, die kürzlich bis 2019 verlängert wurde: Einerseits gibt man sich bei Programmgestaltung, Preisvergabe und Publicity betont politisch, aber der Promi-Glamour darf dabei nie zu kurz kommen. Auch dieses Jahr werden wieder zahlreiche Filme Wasser auf die Diskursmühlen schütten, etwa das neue Protestwerk des im Iran mit Berufs- und Ausreiseverbot belegten Regisseurs Jafar Panahi – doch der Fokus liegt auf Berühmtheiten wie Christian Bale, Nicole Kidman und Robert Pattinson, die hier sind, um für ihre jeweiligen Wettbewerbsfilme die Werbetrommel zu rühren.

Darunter finden sich künstlerisch durchaus vielversprechende Titel: Bale ist neben Cate Blanchett und Natalie Portman in „Knight of Cups“, dem neuen Bildpoem des öffentlichkeitsscheuen Ausnahmeregisseurs Terrence Malick zu bewundern; dieser gewann 1999 bereits einen Goldenen Bären mit seinem Kriegsepos „Der schmale Grat“ und wird dieses Jahr persönlich erwartet. Kidman wiederum spielt in Werner Herzogs „Queen of the Desert“ an der Seite von Pattinson und James Franco die britische Forschungsreisende und Diplomatin Gertrude Bell. Österreicher laufen keine im Hauptbewerb, dafür in den Nebenschienen: Im „Panorama“ ist Peter Kern mit seinem Dekadenz-Drama „Der letzte Sommer der Reichen“ vertreten, das „Forum“ zeigt Nikolaus Geyrhalters Langzeitdoku „Über die Jahre“ und „Superwelt“ von Karl Markovics. Zudem kommt die Retrospektive, die dem Hollywoodkino in Technicolor gewidmet ist, im April nach Wien ins Filmmuseum.

Hölzerne Dialogszenen

Geschichten um starke und abenteuerlustige Frauen scheinen heuer einen Programmschwerpunkt zu bilden, das Motiv zieht sich durch alle zentralen Sektionen. Vielleicht handelt es sich um eine indirekte Reaktion auf in den letzten Jahren laut gewordene Vorwürfe, A-Festivals würden Regisseurinnen marginalisieren – im Rennen um den Bären finden sich dennoch nur drei Damen. Eine davon ist die Spanierin Isabel Coixet, die mit der internationalen Koproduktion „Nobody Wants the Night“ den Eröffnungsfilm stellt. In der Dramatisierung von Ereignissen um eine Nordpol-Expedition des Forschers Robert Peary gibt Juliette Binoche dessen Frau Josephine, die ihm hinterherreist, um bei seiner größten Entdeckung dabei zu sein. Zu Beginn sieht Binoche mit Pelzkragen und Winterhaube aus, als wäre Anna Karenina gerade vom Schlitten gestiegen: Zugeknöpft und pikiert über die bloßen Busen der eingeborenen Frauen tut sie so, als hätte sie die gute Gesellschaft nie verlassen, doch die eisige Odyssee reibt sie immer mehr auf. Im Basislager der Forschungsgruppe trifft sie auf das Inuit-Mädchen Allaka (Rinko Kikuchi als Inbegriff indigener Unschuld), die ein Kind von Peary erwartet. Josephines anfängliches Entsetzen weicht der Erkenntnis, dass ihre Liebe sie eint – sie beschließen, zusammen zu warten, während Wind und Wetter immer wilder werden.

Leider ist von Witterung und Weite der Frostwüste (gedreht wurde in Norwegen) wenig zu spüren. Die flachen, matten Zitterkamera-Einstellungen sind höchstens lauwarm, und der Film wird von teils ziemlich hölzernen Dialogszenen dominiert. Dass hier eine Französin eine Amerikanerin und eine Japanerin eine Inuk verkörpert, steigert die Künstlichkeit. Zwar werden Film und Schauspiel immer sinnlicher (und besser), je näher sich die Frauen kommen und je mehr sich die Lage zuspitzt – doch bis zum pathetischen Finale ist ein Großteil der Aufmerksamkeit vom Schneegestöber verweht. Zum Glück hat das Festival noch 440 Beiträge in petto.

(Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2015)