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"Wild Card": Las Vegas sehen und vergessen

wild card
(c) Constantin Film
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Der britische Regisseur Simon West („Lara Croft: Tomb Raider“) versucht in seinem neuen Film, eine Charakterstudie mit Action zu vermengen. Er scheitert, großen Namen und feinem Retro-Soundtrack zum Trotz.

Und Action! Bereits die erste Szene von „Wild Card“ lässt nicht auf ein Fest der Subtilität und Kreativität schließen. Nick Wild (gespielt vom grimmigen Actionfilm-Marathonmann Jason Statham) sitzt zu Weihnachten einsam in einer Bar in Las Vegas, nur eine aufreizende Frau entlockt dem antriebslosen Single einen Blick, gefolgt von einem müden Aufrissspruch und einem (inszenierten) Kampf mit ihrem Begleiter. Die einleitende Sequenz hätte man sich sparen können. Aber auch was folgt, ist nicht preisverdächtig.

Dabei war die Stadt der Sünden in den vergangenen Jahrzehnten Schauplatz einiger faszinierender, bewegender und absurder Filmjuwelen. In der Glücksspielmetropole drehte Lewis Milestone seinen Rat-Pack-Film „Ocean's Eleven“ (1960), George Sidney mit Elvis „Viva Las Vegas“ (1964), Martin Scorsese sein hochkarätig besetztes Mafia-Epos „Casino“ (1995), Terry Gilliam die psychedelische Hunter-S.-Thompson-Verfilmung „Fear and Loathing in Las Vegas“ (1998) und Mike Figgis das famose, Oscar-prämierte Trinkerdrama „Leaving Las Vegas“ (1995). Zuletzt ließ Todd Phillips in seiner Bromance-Komödie „Hangover“ (2009) seine Protagonisten herrlich abstürzen.

Auch die Hauptfigur von „Wild Card“ hat ein schweres Alkoholproblem. Und überhaupt regiert König Klischee: Nick Wild ist ein ehemaliger Söldner mit dem Hang zur Spielsucht und Selbstzerfleischung. Als mäßig beschäftigter Bodyguard fristet er in der Stadt, die alljährlich Millionen von Touristen anzieht, ein eher tristes Dasein. Sein Büro teilt er mit Pinky (ein kurzer Lichtblick: Jason Alexander, der als George Costanza in der Serie „Seinfeld“ Kultstatus erlangte).

Ein letztes Mal am Black-Jack-Tisch

Als Wilds Exfreundin Holly (Dominik Garcia-Lorido) vom einflussreichen, sadistischen Kriminellen Danny DeMarco (verkörpert von Serienstar Milo Ventimiglia) vergewaltigt und von dessen Handlangern schwer verletzt wird, legt er sich mit der italienischen Mafia an und plant das von ihm ungeliebte Las Vegas zu verlassen. Sein Ziel: die französische Insel Korsika. Das kann Wild nur mit einer Tasche voller Geld. Also nimmt er ein letztes Mal am Black-Jack-Tisch Platz . . .

Der Film basiert auf dem Roman „Heat“ von William Goldman, der für „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ und „Die Unbestechlichen“ einen Oscar für das beste Drehbuch erhielt. Die „Heat“-Verfilmung war kein Gassenfeger. 1986 wollte Burt Reynolds noch Vegas für Venedig verlassen. Der Streifen floppte spektakulär. Er verschlang zu viele Millionen und rekordverdächtige sechs Regisseure. Diesmal war es nur einer. Der Brite Simon West ist für seine unfreiwillig komischen, aber erfolgreichen Action-Blockbuster bekannt: Er saß schon bei „Lara Croft: Tomb Raider“ und „Con Air“ auf dem Regiesessel. Mit Landsmann Statham drehte er solide Genrestreifen, darunter den Altherrenwitz in Söldnermontur, „Expendables 2“.

Sein aktueller Film unterbietet selbst diesen. Er versteht sich – kein Witz – als Drama! Die mit brutalen Actionsequenzen angereicherte Charakterstudie, wenn man sie denn so nennen darf, misslingt. Sie bleibt zu sehr an der Oberfläche. Schauspielgrößen wie Stanley Tucci und Sofia Vergara, auf dem Filmplakat groß angekündigt, sind nur kurz zu sehen. Auch ihre „Gastauftritte“ machen den 90-minütigen Trip in die Stadt der Sünden nicht erträglicher. Einzig die durchaus stimmige Kameraführung und der adrette Retro-Soundtrack lenken zeitweise vom mediokren Hauptstrang der Erzählung ab: „That's what I want“, singt Barrett Strong im Motown-Klassiker „Money“. Ob der Film das Geld für eine Kinokarte wert ist? Nein. Es gilt schon eher: Las Vegas sehen und – möglichst rasch wieder vergessen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2015)