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Favoriten: Liebe auf den zehnten Blick

Grätzelgeschichte. In Favoriten liegt ein Hauch von Veränderung in der Luft: mit Essigbrauer Erwin Gegenbauer unterwegs zwischen Gudrunstraße, Reumannplatz und Viktor-Adler-Markt.

In Reiseführern von Wien werden sich Vorschläge für Stadtspaziergänge in Favoriten eher selten finden. Denn der Zehnte liegt abseits der bekannten Pfade und Besucher verirren sich kaum in den Arbeiterbezirk. Sieht man sich die Gegend genauer an, stößt man auf Interessantes, das sowohl durch Charme als auch Historie fasziniert: 1874 bildete sich Favoriten aus der Abtrennung von Teilen Wiedens und Margaretens, die einer Legende zufolge „mit einem Hieb“ durchgeführt wurde. Die umgangssprachliche Bezeichnung „zehnter Hieb“ dürfte darauf zurückzuführen sein.
Als einen „gestandenen Favoritner“ bezeichnet sich der Essig- und Ölproduzent Erwin Gegenbauer: „Meine Familie zählt zu den Urgesteinen im Gebiet zwischen Gudrunstraße und Reumannplatz.“ 1992 übernahm der findige Unternehmer die Firma für eingelegtes Sauergemüse von seinen Eltern.

Ziegelbauten statt Grünflächen

Blickt man sich am Unternehmensstandort in der Waldgasse 3 um, so sucht man vergeblich nach einem Fleckchen Grün, und Bäume gibt es auch keine. Einige Jahre bevor das Haus der Gegenbauers 1899 errichtet wurde, veranlasste die Stadt die Rodung weiter Teile des Laaer Waldes, der sich anno dazumal bis zum jetzigen Areal des Sonnwendviertels erstreckte. Es wurden dort die ersten Wohnhäuser für die Arbeiter der Wienerberger Ziegelwerke gebaut.
Gegenbauer hat das Grätzel gerade wegen seines historischen Hintergrundes lieb gewonnen, besonders schön findet er es allerdings nicht. Als Hommage an frühere Zeiten ließ er die alten Sichtziegelmauern im ersten Stock seines Hauses freilegen und vermietet nun die sanierten Zimmer an kunstaffine Touristen. Die Architekten von Heri & Salli unterstützten ihn bei diesem Projekt. Inspiration finden Gegenbauer und seine Gäste in den Galerien der nahegelegenen Ankerbrotfabrik. Vor allem Junge sowie Künstler siedeln sich zunehmend in dieser Gegend an. Die Mieten sind noch preiswerter als in Bezirken wie Leopoldstadt oder Neubau. Denn in Favoriten liegen laut Immobilienpreisspiegel der WKO die Quadratmeterpreise für Mietwohnungen durchschnittlich bei neun Euro. Selbst Erwin Gegenbauer bekommt seit einiger Zeit öfter Kaufangebote für sein Haus. „Immobilienspekulanten haben fürs Erste kein Interesse, sofort weiterzuverkaufen, sondern warten auf steigende Wohnungspreise, die in naher Zukunft kommen werden“, ist der Essigbrauer überzeugt. Aktuell werden pro Quadratmeter Eigentum rund 2267 Euro verlangt.

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Wer im Arbeiterbezirk nach architektonischen Juwelen sucht, der wird sogar in der schmucklosen Betonwüste fündig. Das unter Denkmalschutz stehende Amalienbad beispielsweise ist so eine Perle: Ein bekanntes Hallenbad, das in den Jahren 1923 bis 1926 nach Plänen der Architekten Karl Schmalhofer und Otto Nadel im Art-déco-Stil erbaut wurde und zu den größten Bädern Europas zählte. Es wurde 2012 saniert, zu bewundern sind etwa Stilelemente wie die verfliesten Flächen mit Mosaikmuster.
Ein Beispiel zeitgenössischer Architektur ist das als „Gebäude mit dem Knick“ bekannte Domenig-Haus auf der Favoritenstraße. Die gewölbte Fassade besteht aus Edelstahlplatten und sorgte bei seiner Eröffnung 1978 für heftige Diskussionen wegen seines ungewöhnlichen Aussehens. Weitere Tipps, für die es sich lohnt, den weiten Weg aus der Innenstadt auf sich zu nehmen: der Eissalon Tichy, eine Favoritner Institution, und der Viktor-Adler-Markt. Das Gasthaus Meixner zählt zu Gegenbauers Lieblingslokalen in dem kulinarisch sonst eher dünn bestückten Bezirksteil.