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Ein bissl räuchern, einölen und summen

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(c) APA/EPA/BARBARA WALTON

Indien. In Rishikesh muss man nicht kopfstehen, um die selbst ernannte Yoga-Welthauptstadt schräg zu finden. Aber es kann nicht schaden.

Helga ist begeistert. Gestern noch im Büro in Blumau, heute schon Dreadlocks im Haar und Crocs am Fuß. Nur 20 Euro haben die acht Kilometer vom Busbahnhof bis zur Lakshman Jhula Road gekostet, mit einer Vikram, einem gecharterten Sammeltaxi in Gestalt einer Riesenautorikscha. Und morgen beginnt der einwöchige Astrologiegrundkurs mit Handleseausbildung, gleich neben der German Bakery, wo die Zimtschnecken so super sein sollen. Hat ihre Freundin gesagt.
In Rishikesh leben rund 75.000 Menschen. Das Städtchen liegt dort, wo der Ganges die letzten grünen Schluchten des Himalaja verlässt und sich seinen Weg durch die nordindischen Tiefebenen zu bahnen beginnt. Seit Jahrhunderten strömen Pilger von hier nordwärts, hinauf zu den Quellflüssen des heiligen Flusses hoch oben im Garhwal. Zigtausende stiefeln alljährlich zu den Tempelanlagen von Badrinath, Yamunotri oder Gomukh, wo Gletscher die ersten Wasser des Ganges freigeben.
Ein wenig Meditieren davor in Rishikesh soll jedenfalls näher zur Moksha, zur Erlösung aus dem Wiedergeburtslaufrad führen. Angeblich. Dazu ein Bad im heiligen Fluss, der hier noch grün und eisig ist und so schnell fließt, dass sich mit Rafting reichlich Rupien machen lassen. Floßtouren sind erst seit ein paar Jahren ein Renner, viele Sandbänke stromaufwärts längst mit Fixzelten reserviert. Trekkingtouren gibt es schon länger. Längst haben auch indische Abenteurer das neue Outdoor-Dorado hinter der Stadt entdeckt, mit White Water Rafting, Cliff Jumping und Kayaking. Auch Bungee, wem nach dem Fried Rice vom Morgen noch danach ist.

Holzofenpizzas und Crêpes

Davor waren eher andere da, die ausgiebig blieben. Der „Happy Rishikesh Song“ und andere Beatles-Hits des „White Album“ lockten seit den 1960ern Hippies in Scharen. Die Freaks von heute haben sich ethisch korrekt im Free-Tibet-Shop eingekleidet und machen nordindische Kochkurse im Restaurant Ganga Beach. Oder sie üben ein bisschen Sitar auf den Flachdächern des morbiden Bombay Guest House, wo 1968 schon ihre Hippie-Opas gewohnt haben könnten. Nur gab es damals gerade noch zwei andere Unterkünfte. Heute speist man Holzofenpizza und Crêpes oder wartet im Rooftop-Café Little Buddha auf seinen Tatoo-Termin. Das kann dauern. Spätestens nach dem monatelangen Aufenthalt von John Lennon und seinen Freunden im klosterhaften Ashram von Maharishi Mahesh Yogi ist Rishikesh zum Mekka für europäische Sinnsucher und Spiritualisten geworden. Die Anlage ist heute eine überwucherte Ruine am Südende von Swarg Ashram, dem Stadtteil mit den meisten Ashrams am linken Gangesufer, erreichbar über eine Hängebrücke, die gerade breit genug für ein Fahrrad, eine kleine Kuh und zwei bis drei ihrer Fladen ist.
Ein paar Kilometer stromaufwärts ist es nicht anders: Die Lakshman-Jhula-Brücke liegt gleich bei den Märchentempeln von Swarg Niwas und Shri Trayanbakshwar, den Wahrzeichen der Stadt, wo sich die Traveller der ersten Stunde ein Stelldichein gaben. Angeblich hat Lakshmana, der kleine Bruder von Rama, hier den Fluss auf einer Jute-Seil-Brücke überwunden. Er würde staunen, welche Preise die Shiva-Büsten in den Souvenirbuden heute erzielen, gemeinsam mit Gebetsmühlen und winzigen Hanumans (Affengöttern) aus Blech. An den Flussufern dazwischen haben sich in wackeligen Bretterbuden allerlei Yogameister eingenistet, die nicht wirklich alle Yogameister sind, aber zumindest farbenprächtige Flyer verteilen. Für Lachyoga am Dach, Gongmeditation am Boden oder Kristallheilung auf der Matte. Je prächtiger der Bart, desto größer ist wohl die Weisheit des allwissenden Gurus. Ausbildung und imposante Titel haben sie alle, nicht anders als westliche Coaches und Lebensberater, die sich der gleichen Zielgruppe widmen. Entschleunigen und entfetten, innere und äußere Reinigung, gute Kräfte gegen böses Karma. Entschlacken geht nebenbei, denn Alkohol ist meist tabu hier, genauso wie Fleisch.

Per Taxi vom Airport Delhi

Seelische Harmonie ist angesagt, die Balance mit dem eigenen Körper, der am besten mit möglichst vielen bunten Ketten behängt wird, wenn man sich so umsieht. Touristen sind nämlich die anderen. Doch mit ein bisschen räuchern, einölen und summen sind viele Gäste ohnedies zufrieden. Der Lohn für eine einzige „Behandlung“ reicht vielen indischen Großmeistern dann wieder für ein paar Wochen zum Leben, bis man sich wieder nach Neuankömmlingen umsehen muss: Bis zum Flughafen Delhi sind es nur 250 Kilometer – nicht wenige Esoteriker kommen von dort gleich per Taxi in das nordindische Yoga- und Adventure-Ghetto, ohne Indiens Hauptstadt zu betreten. Good Price, was sonst? Äther, Luft, Wasser, Erde und Feuer sind die Elemente und Vata, Pitta und Kapha die Persönlichkeitsmerkmale, die in der Philosophie der Veden so bedeutsam sind. Dann gibt es noch die drei Gunas, die Temperamente Ramas, Rajas und Sattva. Alles lässt sich hervorragend vermengen. „Ihr müsst nichts verstehen, nur fühlen“, sagt Mister Rasgupta, Yogalehrer in der Himalayan Yoga Academy, die Packages für Wellness und Wohlfühlen anbietet: Yogagrundkurs und Rafting und Sitarkonzert, Wi-Fi inklusive. Das ist Standard hier.
Yogajünger im Zustand der Halberleuchtung baden an den Ghats von Rishikesh gern hüllenlos im reißenden Ganges, was manchmal unerfreulich endet, weil nicht nur das Wasser eine Spur zu cool war. Spätestens in Haridwar, 20 Kilometer stromabwärts, wo die Kumbh Mela alle zehn Jahre ein paar Tage hunderttausende Pilger anzieht, findet man sie dann.
Rishikesh ist dagegen recht klein und beschaulich geblieben. New Age auf behaglich. Helga fühlt sich gut, obwohl sie nicht viel versteht. Aber darauf kommt es nicht an. Rasgupta hat recht. Und bald genug Geld für seine eigene Vikram.