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Voest-Chef: "Dann sagen wir Österreich Auf Wiedersehen"

Eder
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Zukunft des Standortes Europa hängt direkt mit der Energie- und Klimapolitik der EU zusammen, sagt Voest-Chef Eder. Er hält die Notenbankgeldspritzen für nutzlos und hofft auf das 315-Mrd.-Euro-Paket der EU-Kommission.

Die Presse: Die Zinsen in Europa sind auf einem Rekordtief und die Europäische Zentralbank kauft Anleihen in Billionenhöhe. Dennoch kommt die Konjunktur einfach nicht vom Fleck. Salopp formuliert: War es das mit Europa?

Wolfgang Eder: Ich weiß es nicht. Was aber sicher nicht funktioniert, ist dieser Versuch, allein über die Geld- und Finanzpolitik die Realwirtschaft in Europa wieder in Gang zu bringen. Die gesunden Unternehmen sind auf niedrige Zinsen nicht angewiesen, die Schwachen bekommen das Geld aber auch bei diesen Zinsen nicht. Für nachhaltige Investitionen sind ganz andere Dinge viel wichtiger: Es geht um langfristige Verlässlichkeit, langfristige Kalkulierbarkeit und konkurrenzfähige Kosten, also all das, was wir in Österreich und in Europa zurzeit nicht haben. Ich halte daher das 315-Milliarden-Euro-Investitionspaket der Kommission für wesentlich sinnvoller. Das lässt sich in Richtung echte Zukunftsprojekte steuern. Das hilft der Realwirtschaft. Nur über Zinsen und Geldmenge zu versuchen, die Wirtschaft anzukurbeln, das ist absolut zu wenig.

 

Anders sieht es in den USA aus. Dort wächst die Wirtschaft viel kräftiger. Werden Sie künftig daher vermehrt in den Staaten investieren?

Wir haben vor zehn Jahren in Österreich 77 Prozent unserer Gesamtinvestitionen getätigt. Heuer und im nächsten Jahr wird der Österreich-Anteil auf knapp 50 Prozent sinken. Erstmals investieren wir außerhalb Europas mehr als innerhalb. Langfristiges Wachstum findet heute nicht mehr in Europa statt, sondern – vielleicht abgesehen von Japan – in allen anderen Regionen der Welt.

 

Hat die europäische Industrie überhaupt noch eine Zukunft?

Das ist sehr einfach zu beantworten: Es wird alles von der Entwicklung der Kosten sowie der Energie- und Klimapolitik der EU in den nächsten fünf Jahren abhängen. Das Umfeld ist schon heute mit den bestehenden Regelungen extrem schwierig. Wenn sich die EU-Vorschriften nicht deutlich abschwächen, dann wird ein großer Teil der Industrie aus Europa abwandern. Wir wissen in Bezug auf unser Unternehmen, dass 2025 vier der fünf Hochöfen am Ende der Lebensdauer sind. Das heißt, wir haben noch drei bis fünf Jahre Zeit, um die Standortentscheidung zu treffen – ob in Europa und Österreich investiert wird oder eben nicht. Wir werden aber bis zum Letzten dafür kämpfen. Denn Donawitz ist der beste Stahlstandort in Europa. Es liegt also sicher nicht an uns, sondern an den Rahmenbedingungen, ob wir bleiben oder nicht. Das Gleiche gilt für Linz.

 

Wo liegt für Sie die Schmerzgrenze in Österreich, ab der Sie sagen, es zahlt sich nicht mehr aus?

Jeder Euro, den wir für Klimaschutz zahlen, ist ein Euro mehr als unsere Konkurrenz zahlt. Wir wurden bereits 2008, als einziges Stahlunternehmen der Welt, dazu verpflichtet, für fünf bis acht Prozent unserer Emissionen Zertifikate zu kaufen. Wir haben aufgrund von Kyoto 2 bereits 40 Millionen Euro für Zertifikate bezahlt – dabei sind wir bei den Emissionswerten weltweit die Benchmark. Das ist der Grund für unsere Frustration.

Mit welchen Kosten rechnen Sie in Zukunft für CO2-Zertifikate?

Nach aktueller Sach- und Rechtslage erwarten wir bis 2020 einen Anstieg der jährlichen CO2-Kosten auf 80 bis 100 Millionen Euro.

 

Grüneund Umweltschützer meinen, Österreich emittiert immer noch zu viel CO2.

Wenn sie die Industrie meinen, können sie gern eine Reduktion haben. Aber dann sagen wir Österreich Auf Wiedersehen. Auch auf das Spiel mancher Grüner, entweder Autoverkehr oder Industrie, werden wir nicht einsteigen. Wir lassen uns nicht ausspielen und ich halte das auch für extrem unprofessionell.

 

Vielfach keimte zuletzt Hoffnung auf eine Konjunkturerholung auf. Wie sehen Sie das?

Wir gehen davon aus, dass die zweite Jahreshälfte eine leichte konjunkturelle Verbesserung bringt. In Summe scheinen 0,6 Prozent Wachstum für 2015 ein realistisches Ziel für Österreich. Weil ein großer Teil unserer Werke außerhalb Österreichs und Gott sei Dank in Wachstumsregionen wie den USA und China liegt, werden wir uns im nächsten Jahr wohl deutlicher verbessern. In diesen Ländern ist das Wachstum ein ganz anderes.

 

Wie wirkt sich der niedrige Ölpreis für die Voestalpine aus?

Für den Konzern ist der Ölpreis nicht wirklich maßgebend. Natürlich werden die Transportkosten etwas billiger. Öl ist für uns aber kein nennenswerter Energieträger mehr, vor allem, wenn ich an den Energie- und Rohstoffverbrauch denke. Die Effekte des niedrigen Ölpreises werden meiner Meinung nach im Industriebereich überschätzt. Auch ein Ölpreis von 50 oder 40 Dollar pro Fass wird, abgesehen von wenigen Branchen, relativ unauffällig bleiben. Wirklich profitieren davon nur die Konsumenten.

ZUR PERSON

Wolfgang Eder (63) ist seit 2004 Vorstandschef der Voestalpine. Seit 1978 ist der studierte Jurist in mehreren Funktionen im Unternehmen tätig. Sein Vertrag als Vorstandsvorsitzender läuft bis zum Jahr 2019. Eder ist derzeit auch Präsident des Weltstahlverbandes. Der Verband vertritt etwa 170 Stahlhersteller, die für 85 Prozent der weltweiten Produktion stehen.

Die Voestalpine hat zuletzt mit mehr als 48.100 Mitarbeitern 11,2 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. Der Konzern ist in rund 50 Ländern aktiv. Derzeit baut die Voestalpine für etwa eine halbe Milliarde Euro ein Werk im US-Bundesstaat Texas. [ Fabry ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2015)