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Organhandel: Suche Niere für Geld

Korrespondent Willi Germund in Bangkok.
Korrespondent Willi Germund in Bangkok.Wolfgang Bellwinkel/laif
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Als ihm der Arzt eröffnete, dass seine Nieren innerhalb von zwei Jahren ihren Dienst aufgeben würden, beschloss Willi Germund, sich auf dem kommerziellen internationalen Transplantationsmarkt umzusehen.

Ich sitze in einem klapprigen Kleinwagen irgendwo an einer Schnellstraße in einer afrikanischen Metropole. Vorn redet Cyrus, mein lokaler Kontaktmann, ins Telefon. Sein Fahrer blickt stoisch in den tropischen Regen, der Straßen in kleine Bäche verwandelt. Auf den Gehwegen ist keine Menschenseele zu sehen. Unser Mann, so erklärt Cyrus, habe Schutz vor den Regengüssen gesucht.

Fünf Minuten vergehen. Der Uhrzeiger rückt zehn Minuten vor, 20 Minuten. Immer noch lässt niemand sich blicken. Ich hocke auf dem Rücksitz und versuche, Zweifel und Bedenken zu verdrängen. Endlich hört der Regen schlagartig auf, und plötzlich steht eine schlaksige Gestalt neben dem Auto. Wortlos klemmt sich der Mann neben mir auf die Hinterbank. Der Fahrer drückt auf das Gaspedal. Wir fahren zu einem kleinen Bürozentrum.

Der Treff im Regen gleicht einem konspirativen Treffen. Es geht um mein Leben. Der schlaksige Mann, der ebenso stumm wie ich auf der Hinterbank sitzt, soll mich von dem Joch der Dialyse befreien. Er ist bereit, mir gegen Geld eine seiner gesunden Nieren zu verkaufen. Meine eigenen Nieren haben vor ein paar Monaten ihren Dienst eingestellt. Seitdem muss ich mein Blut alle zwei bis drei Tage an einer Dialyse reinigen lassen. In dem unscheinbaren Labor in einem Seitenflügel des Gebäudes wird entschieden, ob meine Blitzreise von Südostasien nach Afrika ein weiterer Fehlschlag ist – oder ob ich nach einer frustrierenden vergeblichen Suche nach einer neuen Niere endlich meinem Ziel nahekomme.

Ich finde mich plötzlich allein mit meinem potenziellen Nierenspender, einer mir wildfremden Person, vor einem Mann in weißem Kittel, der fröhlich die Utensilien für eine Blutabnahme bereitlegt und uns für alte Freunde hält. Mein Nebenmann, seinen Namen kenne ich immer noch nicht, soll als Erster zur Ader gelassen werden. Ich stürze zur Tür, weil ich noch nie mitansehen konnte, wie jemandem Blut abgezapft wird.

Raymond kann sich vor Lachen kaum halten. Das Eis ist gebrochen, wir sprechen plötzlich miteinander. Er wolle mit dem Verkauf seiner Niere das Kapital für ein kleines Geschäft aufbringen. Er nennt seinen Namen, ich stelle mich ihm ebenfalls vor. Viel mehr geschieht bei dieser ersten Begegnung nicht. Denn wir wissen nicht, ob unser Blut gut genug für eine Transplantation zusammenpasst. Nach 30 Minuten ist alles vorbei. Ich stehe vor dem Eingang des Labors. Cyrus verhandelt wieder am Telefon. Ich schüttle Raymond die Hand. Der Fahrer setzt ihn in der Nähe seiner Arbeitsstelle ab. Ich werde zurück ins Hotel gebracht.

Die Reise über den Indischen Ozean klingt wie Wahnwitz. Aber der Handel mit Organen funktioniert längst in Netzwerken, die über den kompletten Globus gespannt sind. Aber das Afrika-Abenteuer geht an meine Substanz. Ich, der Dialysepatient, nehme innerhalb von 72Stunden insgesamt 14 Stunden Flugzeit für einen Aderlass auf mich, der ein paar Minuten dauert. Meine Nieren scheiden keine verbrauchten Nährstoffe mehr aus. Mit Flüssigkeiten und Schadstoffe vergifte ich mich selbst. Alle zwei, spätestens drei Tage wird mein Blut deshalb per Dialyse ausgewaschen. Ich ordne meine Verabredungen dem Behandlungsstundenplan unter. Bestellungen in Restaurants müssen mit einem Diätplan abgestimmt werden, den mir Ärzte zusammen mit Unmengen von Medikamenten in die Hände gedrückt haben.

Oberhalb meines rechten Schlüsselbeins ragen zwei schmale Plastikschläuche aus der Halsbeuge, die ein bis zwei Zentimeter über meiner Brustwarze enden. Etwa zehn Zentimeter der biegsamen Kanülen stecken jeweils in einer Vene und einer Arterie und reichen fast bis ins Herz. Die äußeren Enden der Schläuche sind sorgsam in Mull und steriles Plastik verpackt auf meinem Brustkorb festgeklebt, wenn ich nicht an der Maschine hänge.

Die Ärzte haben sich auf mein Drängen mit diesen provisorischen „Tankstutzen“ zufriedengegeben. Schon vor dem ersten Dialysetermin verkündete ich, dass ich bald per Transplantation eine fremde Niere erhalten würde. Dabei hatte sich gerade erst schon wieder ein Kontakt als Fehlstart in das ersehnte „fast normale Leben“ erwiesen, das mein Nephrologe mir im Fall einer Transplantation verheißen hatte. Normalerweise wird Patienten ein Shunt, ein spezieller Gefäßzugang, am rechten oder linken Unterarm gelegt, ein permanenter Anschluss, an den bei jeder Blutwäsche die Maschine angedockt werden kann. Die provisorische Übergangslösung, die aus meiner Halsbeuge baumelt, birgt das Risiko vieler Komplikationen. Aber ein Shunt steht für das Eingeständnis, dass ich alle Hoffnung auf eine schnelle Transplantation aufgegeben hätte.

Strenge Hygiene. Wegen der Infektionsgefahr ist strenge Hygiene höchstes Gebot. Es gilt eine eiserne Regel, die fast jeden Dialysepatienten nervt: Der Waschlappen ersetzt das Vollbad. Man darf sich weder baden noch duschen. Krankenschwestern reinigen die unmittelbare Umgebung der „Tankstutzen“ mit Alkohol. Das Badeverbot treibt mich schier in den Wahnsinn. Die Haut juckt unter dem Mullverband, und der Waschlappen spendet kaum Labsal. Die Sehnsucht nach einem Vollbad gerät schnell zur Besessenheit. Nur der ewige Durst und die unersättliche Gier nach kalten Getränken übertrifft den Ingrimm. „Maximal zwei Liter Flüssigkeit pro Tag“, lautet die Anweisung der Mediziner. Jeder Tropfen zählt. Suppen landen deshalb als Erstes auf der Verbotsliste. Gemüse und gekochte Kartoffeln füllen das Zwei-Liter-Maximum schneller, als Nierenpatienten lieb ist.

Nierenversagen bedeutet, dass fast kein Urin mehr ausgeschieden wird. Jeder Tropfen muss deshalb auf andere Weise aus dem Körper geholt werden. Bei der drei bis vier Stunden langen Blutwäsche verliert der Körper zwei bis vier Kilogramm Körperflüssigkeit – eine schwere, häufig von heftigen Kopfschmerzen begleitete Belastung des Kreislaufs. Außerdem sammelt sich die Flüssigkeit in Füßen und Beinen und beschädigt die Nerven.

Die Blutwäsche verhindert, dass der Körper vergiftet wird und verlängert Leben. Doch die Dialyse zerstört in minimalen, aber kontinuierlichen Schritten den Körper. Je mehr Dialysesitzungen ein Nierenkranker absolviert, umso stärker und spürbarer werden die gesundheitlichen Nebenwirkungen. Deshalb stirbt die Hälfte alle Patienten, die in Deutschland auf der Warteliste von Eurotransplant, einer Koordinierungsstelle für Transplantationen in acht europäischen Ländern, stehen, bevor sie eine Spenderniere erhalten.

Um an dieser Nierenlotterie mit ungewissem Ausgang bei Eurotransplant teilzunehmen, hätte ich meinen Beruf als Auslandskorrespondent an den Nagel hängen müssen und meinen Lebensunterhalt verloren. Andere Optionen fielen aus anderen Gründen aus. Ich stand sozusagen vor dem Nichts. Als der Arzt mir eröffnete, dass meine Nieren innerhalb von zwei Jahren ihren Dienst aufgeben würden, beschloss ich, mich auf dem kommerziellen internationalen Markt nach einer Niere umzusehen.

Bald stellte sich heraus: Dies war leichter gesagt als getan. Die bizarre Begegnung mit Raymond brachte den verzweifelt ersehnten Durchbruch. „Alles okay“, meldete sich mein Vermittler, „Raymond passt.“ Ich, der vergleichsweise betuchte Europäer, würde einem jungen Afrikaner Geld für eine seiner gesunden Nieren zahlen. Ich werde zur wandelnden Inkarnation des kranken Patienten, der sich auf dem florierenden, aber weltweit geächteten und von vielen als verwerflich betrachteten Organmarkt eine neue Zukunft kauft.

Auf Leben und Tod. Ich kenne die vielen moralischen und legalen Einwänden, die gegen den kommerziellen Transplantationsmarkt erhoben werden. Ich habe sie auch lang selbst geteilt. Während meiner Krankheit stellte ich fest, in welch atemberaubendem Tempo diese Vorbehalte an Bedeutung verloren. Ich bewundere jeden Patienten, der über die Stärke verfügt, mit seinem Namen auf einer Liste jahrelang geduldig zu warten. Ich hätte wahrscheinlich nicht genug Kraft besessen, um diese Ungewissheit zu ertragen.

Ein paar Monate nach der „Nierensafari“ stehe ich vor einer Klinik im Norden Mexikos. Wenn alles gut geht, habe ich gerade meine letzte Dialyse hinter mich gebracht. Morgen soll eine Niere aus Raymonds Körper in meinen transplantiert werden. Ich kann es kaum erwarten, auch wenn es letzten Endes um Leben und Tod geht. Eine mehrstündige Operation ist keine Nebensache.

Acht Uhr an einem Dienstagmorgen: Es klopft. „Listo?“, fragt die Krankenschwester – „bereit?“ Sie wartet nicht auf meine Antwort. Bevor ich mich versehe, rolle ich den Krankenhausflur entlang in Richtung OP. Die letzten Sekunden meines bisherigen Lebens sind angebrochen. Durch eine Kanüle auf dem Handrücken wird ein Betäubungsmittel in meinen Kreislauf geleitet. Raymond liegt längst auf dem Operationstisch.

Rund 30.000 US-Dollar hat der 28-jährige Raymond von dem Geld erhalten, das ich einem Agenten überwiesen habe. Als wir vor der Operation einmal gemeinsam in der Abenddämmerung bei einem Glas Sprudelwasser am Rand des Hotelpools ausspannen, sagt er voller „Spenderstolz“: „Bei mir kannst du sicher sein, dass du eine richtig gute Niere bekommst.“ Später sehe ich auf einem Foto, dass Raymonds rosarote Niere nicht einmal einen ganzen Handteller füllt.

Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Neben dem putzmunteren Raymond wirke ich wie ein wandelndes Wrack. Per Dialyse wurde ich auf ein Körpergewicht von 68 Kilo gedrosselt. Nun schlottern alle Kleider an meinem Leib. Das Gesicht ist eingefallen, grau, von tiefen Furchen durchzogen. Ich bewege mich langsam wie ein Greis. Am schlimmsten für die Gemütsverfassung aber war während der vergangenen Monate meine panische Suche nach einer Niere. Jeder Absage folgt ein Stimmungstief. Jede Verzögerung provoziert Zweifel. Die auf dem Spiel stehenden hohen Geldsummen, die ohne Quittung und ohne klaren Verwendungszweck zwischen Banken in verschiedenen Ländern nach dem Vorkasseprinzip umhergeschoben werden, fördern die Unsicherheit. Ich werde keinen Cent wiedersehen, wenn ein Betrüger bei mir abkassiert. Jetzt aber ist die Kehrtwende in meinem Leben da. Ich habe während der vergangenen Wochen zwischen Telefon und Internet in jeder freien Minute diesen Transplantationstermin organisiert. Jetzt, vor Kälte zitternd auf der Trage im OP fühlen sich Sekunden wie Ewigkeiten an.

Nach ein paar Stunden wache ich am frühen Nachmittag in meinem Krankenhausbett unter einer ganzen Batterie von Infusionsflaschen auf. Der Arzt hebt einen Beutel, in dem sich tiefgelber Urin sammelt. Raymonds Niere funktioniert! Ein paar Tage später schenkt der Arzt mir Dutzende von Fotos, die seine Assistentin während der stundenlangen Transplantation aufgenommen hat. Auf einem Video ist festgehalten, wie Klemmen weggenommen werden und mein Blut erstmals durch Raymonds Niere in meinem Körper strömt.

Nach zwei Tagen schlurfe ich, das Gesicht hinter einer Maske verborgen, schon wieder den Flur entlang. „Ambulando bastante“ („wandert genug umher“) notiert die Krankenschwester im Patientenbuch. Zwei Tage nach der Transplantation steht Raymond, wegen der Infektionsgefahr vom Scheitel bis zur Sohle vermummt, in der Tür. „Wie funktioniert meine Niere?“ fragt er. „Gut“, antworte ich vom Krankenbett.

Steckbrief

Willi Germund:
„Niere gegen Geld. Wie ich mir auf dem internationalen Markt ein Organ kaufte“ Rowohlt Verlag 208Seiten
10,30Euro

Seit vielen Jahren lebt Willi Germund (60) als Auslandskorrespondentin Bangkok, Thailands Hauptstadt. Er berichtet für deutsche Zeitungen und auch immer wieder für die „Presse“ über Geschehnisse in Asien, zuletzt über die im März verschollene Air-Aisa-Maschine.

Zahlen

110

Tausend Organtransplantationen
werden laut der Organisation Global Observatory on Donation and Transplantation schätzungsweise pro Jahr weltweit durchgeführt, die meisten davon in den USA und in Westeuropa.

73

Tausend Mal wurden weltweit Nierenverpflanzungen durchgeführt – die Niere ist damit das am häufigsten benötigte Organ.

10

Prozent aller Transplantationen weltweit sind laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation illegal.

686

Transplantationen mit Organen verstorbener Spender wurden 2013 (die jüngsten verfügbaren Daten) in Österreich durchgeführt. 347 davon waren Nierenverpflanzungen.

76

Transplantationen wurden in Österreich mit Organen lebender Spender durchgeführt (74 Nieren- und zwei Leberspenden).

988

Menschen standen Ende Dezember 2013 in Österreich auf der Warteliste für eine Organtransplantation. Die meisten, nämlich 724 Personen, warten auf eine Niere.

31.782

Personen waren in Österreich (Ende 2013) auf dem Widerspruchsregister gelistet, d. h., sie wollen nicht, dass ihnen nach ihrem Tod Organe entnommen werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2015)