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Syrische Flüchtlinge im Libanon: Eine verlorene Generation

A Syrian refugee family carries 18-day-old triplets, whose mother died during childbirth in a nearby hospital, in a refugee camp near Zahle town in the Bekaa Valley
Syrische Flüchtlinge im LibanonReuters
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Die Situation von syrischen Flüchtlingskindern im Libanon ist trist: Statt zu lernen, sind viele von ihnen zur Arbeit gezwungen.

Einige der zwei Dutzend Kinder lachen, schreien, schwätzen miteinander und stecken dabei die bunten Steine gemeinsam zusammen. Andere sitzen allein auf dem Boden, in sich gekehrt. Aber eifrig bauen sie alle an ihrer Lego-Stadt. Die Eltern haben die syrischen Kinder hier in diesem Spielraum des Flüchtlingswerks UNHCR in Beirut abgegeben, während sie sich draußen als Flüchtlinge registrieren lassen, von denen es im Libanon bereits mehr als 1,1 Millionen gibt. Die Dunkelziffer liegt noch höher.

Die Kinder, die hier ihre Lego-Fantasiegebäude zusammenstecken, werden eines Tages, wenn der Krieg vorbei ist, ihr Land wieder aufbauen müssen. Wie sie das ohne Bildung einmal schaffen sollen, wisse niemand, sagt Minou Hexspor von der privaten Hilfsorganisation War Child, die den Spielraum der Kinder leitet. Die Niederländerin rechnet die bevorstehende Katastrophe vor: „Im Libanon leben eine halbe Million schulpflichtiger syrischer Flüchtlingskinder, für 320.000 von ihnen gibt es keinen Schulplatz.“

Vom Krieg traumatisiert. Erschwerend kommt hinzu, dass viele der Kinder vom Krieg vollkommen traumatisiert sind. Sie haben Verhaltensstörungen, wissen sich mit ihren Emotionen nicht zu helfen. „Manche machen im Alter von zehn wieder ins Bett. Andere haben Albträume. Viele haben aufgestaute Aggressionen und streiten ständig. Andere ziehen sich vollkommen in sich selbst zurück“, schildert Minou Hexspor.

Schulbildung steht oft nicht zur Debatte. Für einen Großteil der Kinder hat das Leben einen anderen Plan. „Ab dem Alter von zwölf Jahren gehen viele von ihnen arbeiten, um das Überleben der Familie im Libanon mitabzusichern. Die Kinder helfen in Restaurants, in Fabriken, in der Landwirtschaft aus, sie verkaufen Dinge auf der Straße oder helfen in Werkstätten, Autos zu reparieren“, sagt die NGO-Mitarbeiterin.

Die Buben und Mädchen, die ihre Kindheit in Werkstätten und hinter Ladentheken abgegeben haben, sind überall in Beirut anzutreffen. Ahmad Hamadi etwa verrichtet in einer kleinen Bäckerei den ganzen Tag allerlei Handlangerdienste.Der 13-Jährige kehrt und schrubbt den Boden, er wischt die Theke und putzt die Vitrine. Aber meistens ist er in den engen Gassen zu Fuß unterwegs, um Bestellungen auszuliefern. Ahmad stammt aus einem Dorf nahe Aleppo. „Wir sind hergekommen, nachdem unser Haus im Krieg zerstört wurde“, sagt der aufgeweckte Bub. Auf seine Arbeit ist er stolz: „Ich bekomme umgerechnet 19 Euro pro Woche dafür und kann dadurch mithelfen, die Ausgaben unserer Familie zu decken.“ Das sei umso wichtiger, als sein Vater keine regelmäßige Arbeit finde. „Hoffentlich werden wir eines Tages wieder nach Syrien zurückkehren. Mein Traum wäre es, wieder in die Schule zu gehen und eines Tages Arzt zu werden.“

Wirklich kann der kleine Ahmad nicht daran glauben. Er habe „alles vergessen“, was er in Syrien in der Schule gelernt habe, sagt er und nimmt lächelnd die nächste Bestellung entgegen. Er hat keine Zeit, er muss arbeiten. Zurück bleibt sein Chef, der Bäcker Ahmad Hassoun: „Für die syrischen Kinder ist es wesentlich leichter Arbeit zu finden als für die Erwachsenen. Sie sind billiger. Zwei Kinder schaffen den Lohn eines Erwachsenen heran.“ Die Bäckerei befindet sich im Palästinenserlager Schattila, wo sich 30.000 Menschen auf einem halben Quadratkilometer drängen.

Hoda al-Ajouz leitet hier eine kleine Hilfsorganisation. Die Palästinenserin führt vorbei an zahlreichen Läden und Werkstätten, deren kleine Verkäufer und Arbeiter aus Syrien kommen, in eine enge dunkle Gasse, deren einziges Licht aus einem Internetcafé stammt, in dem Buben, kaum ansprechbar, vor den Computern sitzen und War Games spielen. Al-Ajouz führt in einen kleinen Raum, in dem ein Dutzend Grundschüler in U-Formation an ihren Pulten sitzen und enthusiastisch das englische Alphabet singen. „Am Vormittag lernen hier unsere palästinensischen Kinder, am Nachmittag die syrischen.“Die Arbeit mit den syrischen Kindern sei aber nicht einfach. Hoda al-Ajouz zieht Zeichnungen aus dem Schrank. Eines hat der achtjährige Abdallah gemalt. Unter einem dunkellila gemalten Himmel ist schemenhaft ein Flugzeug zu sehen. Raketen schlagen ein. Der überwiegende Teil des Bildes ist rot vom Blut, das aus einigen in der Mitte zerrissenen schwarz gemalten Figuren fließt. „Wir arbeiten lang mit ihnen, damit sie vergessen“, sagt sie. „Irgendwann malen sie dann wieder wie andere Kinder das Meer und die Berge.“ Auf einem anderen Bild hat Abdallah eine Schale mit buntem Obst gezeichnet. Der Achtjährige hat noch zwei, drei Jahre vor sich, dann wird er wie Bäckerbote Ahmad wohl auch arbeiten gehen.

Zahlen

1,1

Millionen
Flüchtlinge aus dem syrischen Bürgerkrieg gibt es laut offiziellen Informationen im Libanon. Die Dunkelziffer dürfte höher sein.

0,5

Millionen
davon sind Kinder.
Für 320.000 von ihnen gibt es keine Schulplätze.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2015)

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