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Comics sind wieder Kinderkram

USA COMIC CON
Comics bei der Comic ConEPA
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Comics sind längst erwachsen geworden. Mit gehöriger Verspätung hat man das auch im deutschen Sprachraum erkannt. Jetzt fragen sich die Verlage: Wie bringt man gute Comics ans Kind?

Mit ein paar Dekaden Verspätung im internationalen Vergleich hat auch im deutschen Sprachraum der Imagewandel von Comics eingesetzt. Nachdem sie unter dem hochgestochenen Importbegriff Graphic Novel als ernsthafte, auch akademikerkompatible Lektüre durchgesetzt sind, muss offenbar ein altes Vorurteil als Marktposition wiedererkämpft werden: „Comics sind Kinderkram?“, fragte ausgerechnet der an der seriösen Aufwertung der vergangenen Jahre nicht ganz unbeteiligte Berliner Comicverlag Reprodukt in einer Broschüre, um zu versichern: „Stimmt, denn Kinder lieben Comics.“


Klischee vom Schundheftl. Der alte Ruch von Comics als Bildgeschichten für Lesefaule fußt auf einem Missverständnis des Wesens von Comics: In der ästhetischen Wahrnehmung besetzen sie eine eigene Zwischenposition – das Zusammenwirken von Lesen und Schauen produziert einen Effekt, der sich weder auf das eine noch auf das andere reduzieren lässt. Kein Geringerer als Art Spiegelman, gefeierter Autor der Vorzeige-Graphic-Novel „Maus“, hält ergo die Gegenthese zum Vorurteil bereit: „Comics sind eine Einstiegsdroge in die Lesefähigkeit“, schreibt er auf der Homepage des Verlags Toon Books, der sich als Pionier für „hochqualitative Comics für Kinder ab dem Alter von vier Jahren“ versteht – und Spiegelmans Frau, Françoise Mouly, gehört (er selbst ist unter den Autoren). Trotzdem ist Spiegelmans These nicht nur ein Marketingsager: Das Klischee vom Schundheftl hatte auch mit dem einseitigen Angebot zu tun. In der Kiosk-Massenware konnte man Qualitätslektüre von „Asterix“ bis Carl Barks als Ausnahme abkanzeln, die nur die Regel bestätigt. Die viel zitierte verrohende Wirkung von Comics war auch nur ein Märchen, gespeist aus manipulierten Studien im Zuge der Comiczensur-Hysterie Mitte der 1950er-Jahre in den USA, die als „Schmutz -und Schund“-Kampagne nach Deutschland weiterschwappte. Die neue Kindercomics-Welle hat in der Hinsicht ohnehin wenig zu befürchten, die Figuren sind nicht nur anthropomorph, sondern abenteuerlustig und, jedenfalls im Vorschulangebot, vorbildwirksam.

„Der kleine Strubbel“ kommt gar mit einem pädagogisch bewussten Fragenkatalog für die Eltern am Ende der als wortlose Bildgeschichten ablaufenden Abenteuer dieses hinreißenden schwarzen Pelzwesens. Im jüngsten Band „Coconuts Schatz“ beweist Strubbel einer rabiaten rothaarigen Piratin, wie man mit Hirnschmalz weiter kommt als mit Haudrauf. Der als „Poet der deutschen Comicszene“ gefeierte Ulf K.(eyenburg) verzichtet in seinen „Pelle und Bruno“-Kindercomics ebenfalls auf Worte (und Fragenkatalog): Das Hund-Katze-Gespann fliegt in „Wolkenkratzer“ in den Himmel, wo Szenen wie die bedrohliche Begegnung mit einer dunklen Donnerwolke wie ein Comic-Grundkurs funktionieren. Warum vorurteilsgemäß Comics schlechter für die Lese-Entwicklung sein sollen als Bilderbücher, war dem Hausverstand schon immer ein Rätsel. Das untermauert der Franzose Marc Boutavant mit den Prachtbänden um den kleinen Bären Mouk, der durch eine Kinderkanal-Fernsehserie eine Art Franchise-Star ist: Im jüngsten Buch „Die große Reise des kleinen Mouk“ findet sich der Bär auf jeder Doppelseite in einem anderen Land wieder – und in Wimmelbildern alter Bilderbuchschule voller landestypischer Details, dazu werden mittels Sprechblasen Informationen von Begrüßungsfloskeln bis Nationalgerichten präsentiert.


Esel, Zwergbären. Von solchen (Vor-)Lesebüchern reicht die Schulalter-Palette zu Comics für Fortgeschrittenere. Etwa „Kiste“ von den Deutschen Patrick Wirbeleit und Uwe Heidschötter über eine sprechende Pappschachtel, die einem Buben Abenteuer mit Zauberei und schrägem Humor beschert. Oder „Ariol“ von „Mouk“-Zeichner Boutavant und Emmanuel Guibert über die absurd-süßen, dabei alltagsnahen Erlebnisse eines „kleinen Esels wie du und ich“. Vergleichbar gute Kindercomics gibt es nicht erst seit der Reprodukt-Offensive: Im reichhaltigen Angebot von Carlsen fanden sich immer Perlen. Zuletzt setzte man auch dort stärker auf Kindercomics-Vermittlung, etwa mit der Reihe „Die sieben Zwergbären“ vom Franzosen Émile Bravo, der eine überdrehte Märchenwelt voller ironischer Anspielungen entwirft, oder „Ferdinand“, dem welterklärenden Reporterhund aus dem Kindermagazin des „Spiegel.“

Müssen im Zeitalter der erwachsenen Comics die Kindercomics auch erwachsen werden? Eine rhetorische Frage, denn die besten Comics bestachen immer schon durch eine Magie, die keine Altersbeschränkung kennt. Das hat Tradition: Man denke an Märchen oder Meisterwerke der angeblichen Kinderliteratur wie „Pu der Bär“, die eine alterslose Weisheit besitzen. Neuauflagen von Klassikern wie Tove Janssons „Mumins“ erinnern daran, dass sich früher die meisten populären Kulturgüter an alle wandten – im Promotion-Zeitalter des in alle Nischen drängenden und immer unübersichtlicheren Markts hat man dies nun in die Phrase „All Ages“ gepackt. Der Star unter diesem neuen Signet weiß tatsächlich generationenübergreifenden Zauber zu verbreiten: Der junge Brite Luke Pearson hat mit seiner „Hilda“-Reihe einen Instant-Klassiker geschaffen. Vielleicht, weil er weiß, wie es ist, ohne Altersbeschränkung zu denken – eines seiner Hauptvorbilder sind schließlich die „Mumins“.

comics

Kindercomics mit Niveau werden seit einigen Jahren als eigene Marktnische entdeckt. Der (englischsprachige) Vorreiter ist Toon Books, 2008 von Françoise Mouly, Art Spiegelmans Frau, gegründet. Auf der Webseite www.toon-books.com werden nicht nur die Bücher verkauft, es gibt auch zahlreiche Hintergrundinformationen und pädagogische Anleitungen für den Umgang mit Comics als „Einstiegsdroge zur Lesefähigkeit“ (Spiegelman).

Deutsche Variante.2012 hat der Berliner Verlag Reprodukt seine Kindercomic-Schiene gestartet, ebenfalls mit einer eigenen Webseite (www.kindercomics.info), auf der das aktuelle Angebot in einer Broschüre vorgestellt wird.

Highlights. Neben Luke Pearsons „Hilda“-Serie und den klassischen „Mumins“ von Tove Jansson (erhältlich als dicke Schwarz-Weiß-Alben um je 24 Euro und als dünne, kleine, Querformat-Ausgaben in Farbe um je zehn Euro) sind bei Reprodukt folgende Serien erhältlich: „Kleiner Strubbel“ (sieben Bände, je zehn Euro) und „Pelle und Bruno“ (zwei Bücher je zehn Euro), beide als wortlose 32-Seiten-Bildgeschichten für das Vorschulalter; ab sechs Jahren empfohlen sind die dickeren Bände über die sprechende Pappschachtel „Kiste“ (zwei Bücher je 14 Euro) oder den kleinen Esel „Ariol“ (derzeit drei Alben, je 14 Euro). Auch andere deutsche Verlage setzen verstärkt auf qualitativ hochwertige Kindercomics: „Die sieben Zwergbären“ von Émile Bravo (je zehn Euro), Carlsen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2015)

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