Ausgesteuert in Amerika

Grippeschutzimpfung
Grippeschutzimpfung(c) APA/dpa/Fredrik von Erichsen (Fredrik von Erichsen)
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Die heurige Grippewelle pflügt sich seit Wochen ungebremst durch die USA, doch ist H3N2, die Kurzbezeichnung für den rabiatesten Virenstrang, nicht die einzige Chiffre, die die Amerikaner derzeit zum Schwitzen bringt.

Es ist nicht nur „Flu season“, sondern auch „Tax filing season“, so plagt man sich mit den Formblättern 1099-TLC, 1099-SA und deren Sippschaft. Bis zum 15. April muss sich jeder gegenüber dem US-Fiskus erklären, der auf den poetischen Namen Internal Revenue Service hört, was sich auch als Titel für eine TV-Serie über eine klandestine Geheimdienstorganisation aus den frühen 1980er-Jahren geeignet hätte, mit Lorenzo Lamas und Farah Fawcett in den Hauptrollen.

In Vorbereitung auf diesen Stichtag arbeitet man sich durch meterlange Fragenkataloge, mit denen der Steuerberater den Pfad durch den Urwald des amerikanischen Fiskalwesens auszuloten versuchen. Auch mein Obolus trägt, seit ich vor zwei Jahren nach Washington gezogen bin, zum Erhalt dieser Republik bei (am Zustand der Straßen kann ich ihn allerdings nicht ablesen).

Die Fragen, die auf dem Weg zur ordnungsgemäßen Feststellung der Steuerschuld zu beantworten sind, greifen mit kalter Hand auf den Grund der Seele. „Haben Sie oder Ihre Ehepartnerin die Anstellung wegen der Konkurrenz aus Übersee verloren und zahlen für die eigene Krankenversicherung?“ Gott mög' abhüten! „Haben Sie oder Ihre Ehepartnerin größere Anschaffungen getätigt, wie zum Beispiel Kraftfahrzeuge oder Boote?“ Schön wär's. „Sind die gesamten Hypotheken auf Ihren Erst- und/oder Zweitwohnsitz größer als 1.000.000 Dollar?“ Wir sind doch nicht die Rockefellers!

Der Besuch beim Steuerberater setzt dann ähnliche Gefühle frei wie jener beim Zahnarzt: Man weiß, dass es notwendig und im besten eigenen Interesse ist, dennoch graut einem davor, wenn er jene Stellen anrührt, an die man das ganze Jahr nicht gedacht hat. Sieht man dann die Vorschreibung, schwarz auf weiß, mit einer Adresse irgendwo in Indiana, an die man quartalsweise die Schecks mit der zu bezahlenden Steuer zu schicken hat, fühlt man sich irgendwie – ausgesteuert.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2015)

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