Luc Sante: „Im urbanen Leben ist meist alles Zufall“

(c) Die Presse (Norbert Mayer)
  • Drucken

Der Autor Luc Sante, auf Kurzbesuch beim „Genre noir“ in der Kunsthalle Wien, über die dunklen Seiten New Yorks und seine Vorliebe fürs Verlaufen.

Die Presse: Herr Sante, hier in der Kunsthalle Wien werden die dunklen Seiten der USA gezeigt. Haben Sie sich in New York einmal verlaufen? Wenn ja, hatten Sie dabei Angst?

Luc Sante: In Manhattan kann man sich nur sehr schwer verlaufen, aber im Stadtteil Brooklyn ist mir das schon einmal passiert. Angst hatte ich dabei nicht. Ich liebe es sogar, in die Irre zu gehen. Das mache ich in einer fremden Stadt mit Absicht.

Waren Sie schon einmal versucht, eine Waffe auf jemanden zu richten?

Sante: Ich habe noch nie auf einen Menschen mit einer Waffe gezielt. Aber als einmal bei mir eingebrochen worden war, hätte ich gerne auf diesen Typen geschossen, vor allem deshalb, weil ich ihn kannte und sogar wusste, wo er wohnte.

Sie haben ein Buch über das wilde New York des 19. Jahrhunderts geschrieben, „Low Life“, (1991) und später Martin Scorsese für den Film „Gangs of New York“ (2002) beraten. Sie lebten fast 30 Jahre dort. Welche Zeit war die wildeste in dieser Metropole?

Luc Sante: Keine Frage, es waren die Siebzigerjahre. In den Sechzigerjahren war New York noch ein sehr zivilisierter Ort. Eine Kombination aus soziologischen und finanziellen Aspekten, die Kapitalflucht, der Zusammenbruch der Sozialleistungen und der Infrastruktur schienen dann die Stadt führerlos dahintreiben zu lassen. Massenhafte Freilassungen aus psychiatrischen Anstalten waren nur eines der Phänomene dieser Zeit. Die Verrücktheit zog sich von den frühen Siebzigerjahren bis zirka 1983 – diesen Abschnitt mochte ich übrigens am liebsten.

Damals waren Sie ein junger Mann.

Sante: Ich habe die Sechzigerjahre der City noch an der Highschool bis zu einem gewissen Grad erlebt. Danach besuchte ich die Columbia University bis 1976 – und blieb. Ich schenkte New York die besten Jahre meines Lebens. Literarisch war das wahrscheinlich die interessanteste Ära.

Damals lebten noch viele Künstler in Hotels. Das war vor 40 Jahren eine relativ billige Art des Wohnens. Haben Sie das jemals gemacht?

Sante: Freunde schon, ich nicht. Als ich in meinen Zwanzigern war, ist diese Zeit bereits vorbei gewesen. Aber viele Musiker und Schriftsteller lebten dort, sie mussten sich somit nicht um den Haushalt kümmern. Heutzutage findet man in Manhattan nur noch Luxushotels.

Was bedeutet für Sie der Schock der Terroranschläge vom 11. September 2001? Wie gehen Sie mit diesem Erlebnis um?

Sante: Ich bin im Jahr zuvor in den Norden von New York, nach Kingston, gezogen. Ich besitze kein TV-Gerät, und an diesem Morgen habe ich das Radio nicht aufgedreht. Ich ging mit meinem Sohn in die Bücherei. Es lag eine eigenartige Stimmung in der Luft. Als wir nach Hause kamen, sagte meine Frau, dass der Cousin meiner Mutter aus Belgien angerufen habe, weil er wissen wollte, ob es uns allen gut gehe. So fand ich es heraus. Die ersten Wochen hatte ich ein Gefühl, als ob jemand in meine Stadt eingedrungen wäre und ich nicht da war, um zu helfen. Aber ausgehend von dem Schock spürte man eine starke Solidarität, ein wunderbares Gefühl der Zusammengehörigkeit. Es tut mir leid, dass ich das verpasst habe.


Sie haben in „The New York Review of Books“ gearbeitet, einer intellektuellen Hochburg der USA. Wie ist diese Festung der Liberalität?

Sante: Manchmal kam es mir schon wie eine Festung vor. Es hat die Fahnen der linksliberalen Einstellung hochgehalten und tut es immer noch, auch in sehr schwierigen Zeiten. Ich habe dort in den Achtzigerjahren alles, was ich über das Schreiben weiß, von Barbara Epstein gelernt. Die Zeitschrift war auch fast wie eine kleine Universität mit all ihren großartigen Persönlichkeiten, die auf eine Art die Klasse unterrichteten: ein Edmund Wilson, W. H. Auden, Robert Lowell, der einer der Gründer war. Wenn man ein Buch für die „Review“ rezensiert, reicht es nicht, nur das eine Werk zu lesen. Es wird von einem erwartet, alles zu kennen, was der Autor jemals geschrieben hat. Somit brauchte ich für eine Buchrezension normalerweise fünf Monate. Es entwickelte sich zu einer gesamten Studie, einer Analyse.


Sie sind auch Krimi-Autor, was zu New York passt. Oder wollen Sie dem gängigen Klischee der Stadt des Verbrechens widersprechen?

Sante: Ich kenne tatsächlich nur sehr wenige Menschen, die Opfer eines Verbrechens geworden sind. Bei mir wurde einmal, wie gesagt, eingebrochen, und einmal wurde ich ausgeraubt, aber ich hatte nie große Angst. Das wirklich Interessante am Verbrechen ist die Willkür. Es ist meist alles Zufall, das ist Bestandteil des urbanen Lebens. Leere Gehsteige und Straßenecken, die zufällig zu Tatorten werden.

AUF EINEN BLICK

Luc Sante (*1954), Literat aus New York, war in der Kunsthalle Wien anlässlich der Schau „Fahrstuhl zum Schafott“ zu Gast.

Kunsthallen-Direktor Gerald Matt führt am 18. April ab 16 Uhr durch einen „Nachmittag noir“, mit Musik, Vortrag und Film. Gäste: Franz Koglmann, Franz Schuh und der Kunstwissenschaftler Norbert Schmitz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2009)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.