Verjagt die Ideologen

(c) AP (Klaus Jedlicka)
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Die schwere Wirtschaftskrise verschafft jetzt einer seltsamen Spezies Hochkonjunktur: den Ideologen.

Die diskutieren intensiv darüber, ob vielleicht der frühere „Presse“-Korrespondent Karl Marx (1818–1883) mit seiner Idee einer Vollvergesellschaftung der Wirtschaft recht gehabt hat. Ob man vielleicht doch mehr auf die Ideen des Friedrich August von Hayek (1899– 1992) zu einem Totalrückzug des Staates hören hätte sollen. Oder ob gar zu wenig Deficit Spending nach den Vorstellungen des von Sozialdemokraten hoch verehrten liberalen britischen Barons John Maynard Keynes (1883–1946) betrieben worden ist.

Fällt Ihnen da etwas auf? Wir diskutieren in der ersten schweren Krise des 21.Jahrhunderts darüber, ob ihr besser mit Ideen aus dem frühen vorigen oder solchen aus dem späten vorvorigen Jahrhundert beizukommen wäre?

Noch dazu mit solchen, die bei aller wissenschaftlicher Brillanz ihrer „Erfinder“ in der Praxis allesamt schon einmal gescheitert sind. Zu wissen, dass Planwirtschaft nicht funktioniert, hätte es nicht Dutzender zerstörter Volkswirtschaften bedurft. Das hat selbst der Kommunist Bert Brecht schon in den Zwanzigerjahren erkannt, als er für die Dreigroschenoper sein „Ja, mach nur einen Plan“ reimte. Man hätte später im Ostblock auf ihn hören sollen (und es den europäischen Agrarpolitikern weitersagen sollen, die heute noch dem Dogma anhängen, Märkte seien per Intervention „machbar“).

Der Gegenpol, die totale staatliche Absenz, hat allerdings ebenfalls schon mehr als ein Jahrzehnt vor dem Erscheinen von Hayeks Schlüsselwerk („The Road to Serfdom“) aus der Weltwirtschaftskrise der frühen Dreißiger eine echte Katastrophe gemacht. Und die Form, in der die prinzipiell nicht so unschlüssigen Keynes-Ideen probiert wurden: Na ja.

Die Krise ist aus einem giftigen Mix aus undurchdachter staatlicher Intervention („Jedem Amerikaner sein Haus“) und der völligen Absenz staatlicher Regeln in Teilen der Finanzwirtschaft entstanden. Mit herkömmlichen ideologischen Rezepten ist ihr nicht beizukommen. Man kann sich, solange die Wirtschaftswissenschaft keine Antworten auf die Fragen des 21.Jahrhunderts hat, die Krisenbewältigungsstrategie ruhig pragmatisch aus Versatzstücken aus den Regalen der „alten“ Wirtschaftsdenker zusammensuchen. Doch die Zeit eindimensionaler Antworten auf vielschichtige Probleme – die ist vorbei.


josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2009)

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