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Putins geheimnisvoller Sparverein

Der viertgrößte russische Ölkonzern Surgutneftegaz gilt als intransparent, aber sehr liquide.

MOSKAU. Als das russische Wirtschaftsmagazin „Smart Money“ im Oktober unter Experten vorfühlte, wer denn als Gewinner aus der Finanzkrise hervorgehen würde, wurde häufig der Ölkonzern Surgutneftegaz genannt. Niemand sonst nämlich habe freie Mittel von fast 20 Mrd. Dollar (15,1 Mrd. Euro), hieß es. Gewiss, die für ihre konservative Strategie berühmte Ölfirma ließ nichts von Zukaufsplänen durchsickern. Stattdessen wurde ihr von Analysten eine Fusion mit dem hochverschuldeten staatlichen Branchenleader Rosneftvorhergesagt.

Surgutneftegaz selbst indes setzte bis zuletzt auf Sparen. Im dritten Quartal 2008 brach sie alle russischen Rekorde: Binnen neun Monaten steigerte sie die liquiden Aktiva um 62,2 Mrd. Rubel auf 383,2 Mrd. Rubel (15,7 Mrd. Dollar). Inklusive langfristiger Investitionen betrugen die Reserven 560,2 Mrd. Rubel (22,9 Mrd. Dollar). Das Geld würde es dem viertgrößten russischen Ölkonzern ermöglichen, etwa ein Drittel am Branchenleader Rosneft oder fast die Hälfte am Branchenzweiten Lukoil zu erwerben.

Erstaunlicherweise wuchs der Umsatz nur um sechs Prozent auf 475 Mrd. Rubel, obwohl der Exportpreis um 47 Prozent über dem des Vorjahres lag und 79 Prozent des Surgut-Öls ins Ausland fließen. Weil Surgutneftegaz den Gewinn dennoch auf 120 Mrd. Rubel mehr als verdoppelte, fragen sich Analysten, was mit dem Umsatz passiert ist: Laut Bericht wurde sehr wohl um 36 Prozent mehr verkauft. Aber rätselhafte Einnahmen, die immer berücksichtigt, aber nicht näher genannt werden, brachen ein. Worum es sich bei ihnen jedoch handeln könnte, bleibt ungewiss.

 

Wem gehört der Ölriese?

Surgutneftegaz unterscheide sich eben durch Anomalien, heißt es in der Branche. Neben der Schuldenfreiheit sticht Surgutneftegaz auch „durch ein niedriges Niveau an Corporate Governance, durch Intransparenz und durch ein feindseliges Verhältnis gegenüber Minderheitsaktionären hervor“, so schreibt die „RB.ru“.

In der Tat gilt Surgutneftegaz als eines der verschlossensten Ölunternehmen. Internationale Standards für Finanzberichte werden verweigert. Informationen, wem der Laden eigentlich gehört, zurückgehalten. Laut „Vedomosti“ besaßen im Vorjahr 23 juristische Personen unter der Leitung der Konzernmanager Finanzinvestitionen, die einem Aktienanteil von ganzen 73 Prozent entsprechen. Rein formal besitzt auch Generaldirektor Wladimir Bogdanow nur zwei Prozent.

Analysten gehen aber davon aus, dass es ein Vielfaches ist und dass er den Konzern kontrolliert. 2,9 Mrd. Dollar soll er laut „Forbes“ 2008 besessen haben, das Magazin „Finance“ zählt heuer bescheidene 90 Mio. Dollar. Seit fast drei Jahrzehnten ist er mit dem Konzern, der in der westsibirischen Ölstadt Surgut beheimatet ist, verbunden. Bogdanow, angeblich die Bescheidenheit in Person, scheut das Licht der Öffentlichkeit.

 

Probleme mit Kleinaktionären

Nicht vermeiden konnte er das Aufeinandertreffen mit Kleinaktionären im Mai. Dort beschwerte sich ein Aktionär nicht nur über die niedrige Dividende, sondern auch über die Geheimniskrämerei rund um die Hauptbesitzer. Es bestehe – wie in Medien kolportiert – der Verdacht, dass der Schweizer Öltrader Gunvor ein Viertel an Surgutneftegaz halte. Gunvor-Gesellschafter ist der russischstämmige Multimilliardär Gennadi Timtschenko, der zur innersten Clique um Premier Wladimir Putin zählt. Einer von Russlands Skandalpolitologen, Stanislav Belkovski, gab gegenüber Medien gar an, dass Putin selbst 37 Prozent an Surgutneftegaz kontrolliere. Beweise legte er nicht vor. Und Gunvor selbst dementiert eine Beteiligung an Surgutneftegaz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2009)

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