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Nein, das ist nicht linksradikal oder dumm. Es ist bloß vernünftig

Nur wer wieder auf die Beine kommt, kann seine Schulden zurückzahlen. Das gilt für jede überschuldete Familie. Warum nicht auch für Griechenland?

Familie G. hat ein Problem. Sie ist so gut wie bankrott. Daran ist sie – wie sie zugibt – großteils selbst schuld. Jahrzehntelang hat sie schlecht gewirtschaftet. Vielleicht hatte der Familienbetrieb ein von Anfang an verfehltes Konzept, vielleicht war man nicht konkurrenzfähig, vielleicht holte man sich zu viel heraus. Einige Familienmitglieder bemühten sich zwar tapfer, den Laden zusammenzuhalten, die meisten jedoch steckten lieber den Kopf in den Sand.

Rechnungen, die mit der Post kamen, blieben ungeöffnet, irgendwie, so hoffte man, würden sich alle Probleme von selbst lösen. Richtig skrupellose Familienmitglieder gab es ebenfalls: Die schafften Geld auf Privatkonten ins Ausland, verteilten es an ihre Freunde, verprassten es, kauften sich schicke Jachten.

Viele Jahre lang ging das gut. Wenn kein Geld mehr in der Haushaltskasse war, ging Familie G. einfach auf die Bank oder zum Geldverleiher und machte neue Schulden. Nein, dort war niemand, der Familie G. gewarnt hätte. Im Gegenteil, man ermunterte sie sogar: hier noch ein Kredit! Hier eine neue Kreditkarte! War ja ein gutes Geschäft für die Verleiher. Brachte ja gute Zinsen. War ja nicht ihr Problem, wie es mit Familie G. langfristig weiterging.

Ja, und nun steht Familie G. vor dem Scherbenhaufen – und die Gläubiger rütteln an der Tür. Die verantwortungslosen Onkeln und Tanten haben sich auf ihre Jachten davongestohlen, jene, die hiergeblieben sind, baden das Schlamassel aus. Die meisten Wertsachen haben sie schon versetzt, um die Zinsen zu zahlen, aber das reicht nicht. „Schnallt den Gürtel noch enger!“, rufen die Gläubiger. Esst weniger, verzichtet auf eure Medikamente! Fahrt nicht mehr zur Arbeit, dann spart ihr das Busticket; sperrt die Schulen zu; verlasst die Wohnung und schlaft unter der Brücke, dann spart ihr die Miete! Und hier, nehmt noch mehr Kredite auf, damit ihr die Raten bedienen könnt!

Spätestens in diesem Moment würde man die Familie G. zu einer Schuldnerberatung zerren. Dort würde man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und „Stopp!“ rufen: Hört sofort auf, immer neue Schulden zu machen! Stattdessen, so würde der Rat lauten: Schaut, dass ihr Arbeit und Wohnung behaltet und gesund werdet – wer krank und obdachlos ist, kann nicht produktiv sein.

Nehmt eure Hallodri-Verwandten in die Pflicht, die müssen ihren fairen Beitrag leisten. Dann braucht ihr ein seriöses Geschäftsmodell für euren Betrieb. Kleine Investitionen, mehr einnehmen als ausgeben, jedes Jahr etwas auf die Seite legen, wieder investieren: So kommt ihr auf die Beine. Mit diesem Plan geht ihr dann zu den Gläubigern und ersucht sie, die Raten eine Zeitlang auszusetzen und einen realistischen Rückzahlungsplan auszuarbeiten. Sie werden euch zuhören. Es ist schließlich in deren Interesse, wenn ihr euch aufrappelt. Denn nur dann kriegen sie mittelfristig etwas von ihrem Geld zurück.

Genau das ist der Plan, für den die neue griechische Regierung derzeit in den europäischen Hauptstädten wirbt. Sie will kein neues Geld geliehen, das in einem schwarzen Loch verschwindet („Die Deutschen haben schon viel zu viel gegeben“).

Stattdessen will sie Steuern eintreiben, Korruption bekämpfen, im laufenden Budget mehr einnehmen als ausgeben; sie will den Ausverkauf der Infrastruktur stoppen und investieren, damit es mehr Jobs gibt. Sie will eine Schuldenkonferenz. Sie will, dass das Land wieder auf die Beine kommt, um mittelfristig den eigenen Verpflichtungen nachkommen zu können.

Nun kann man vieles einwenden gegen die Syriza-Leute: Man kann sie anmaßend finden, arrogant, populistisch, man kann ihnen aus den verschiedensten Gründen keinen Erfolg gönnen. Ebenso kann man sich Dutzende Faktoren vorstellen, an denen ihr Plan scheitert.

Bloß eines kann man nicht tun: Einen Plan, wie ihn jede seriöse Schuldnerberatung tagtäglich tausendfach Hilfesuchenden empfiehlt, unvernünftig nennen. Oder dumm. Oder gar linksradikal.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin

in Wien.
Ihre Website:

www.sibyllehamann.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2015)