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Terrence Malicks Kinohimmel über Berlin

GERMANY BERLIN FILM FESTIVAL 2015
(c) APA/EPA/MELINDA SUE GORDON / HAN (MELINDA SUE GORDON / HANDOUT)
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„Knight of Cups“, das siebente Bildgedicht des Meisters, ist schön bis zur Unerträglichkeit. Weniger überzeugten Werner Herzogs arabisches Opus „Queen of the Desert“ und „Every Thing Will Be Fine“ von Wim Wenders.

Wo in aller Welt steckt Terrence Malick? Das fragt sich so mancher Journalist auf der heurigen Berlinale: Angeblich soll sich der medienscheue Filmkünstler bereits am Festivalgelände befinden, vielleicht ist er auch schon wieder abgereist. Bei der Pressekonferenz zur Premiere von „Knight of Cups“, dem jüngsten, siebenten Bildgedicht des 71-jährigen Regisseurs, brach jedenfalls Gelächter aus, als ein Reporter in scheinbarer Unkenntnis der Abwesenheit Malicks eine Frage an ihn richtete, kurze Zeit später wiederholte sich das Spiel zur großen Erheiterung des Saals. „Ihr braucht alle Brillen!“, merkte die Moderatorin an.

Orientierungslose Odyssee

Vielleicht muss man die vergeblichen Anrufungen als Gebete an einen schweigenden Kinogott verstehen, in der Hoffnung auf ein himmlisches Zeichen, mit dem sich seine Werke deuten lassen – denn mit jeder neuen Arbeit wirkt Malicks Schaffen mehr wie ein episches metaphysisches Unterfangen, bei dem es in jeder Einstellung um nichts weniger geht als um Sein, Zeit und die Conditio humana in all ihrer Tragik und Unergründlichkeit. Daran ändert sich auch mit „Knight of Cups“ nichts: Der Film schließt nahtlos an seine Vorgänger „Tree of Life“ und „To the Wonder“ an, verfeinert deren Form des philosophischen Freiflugs weiter.

Am Anfang der Reise (die eigentlich längst begonnen hat, als der Zuschauer einsteigt) hört man Ben Kingsley Passagen aus dem religiösen Entwicklungsroman „The Pilgrim's Progress“ rezitieren, dessen Held im Original Christian heißt. Bei Malick ist es Christian Bale, der sich als melancholischer Schlafwandler auf der Suche nach innerem Frieden vom Strom des süßen Lebens mitreißen lässt. Mit klassischem Erzählkino hat diese orientierungslose Odyssee wenig zu tun, obwohl sich Handlung und Figuren theoretisch extrahieren ließen: Der Drehbuchautor Rick taumelt durch das Hollywood-Babylon von Los Angeles, von Party zu Party, von Frau zu Frau, von Weltanschauung zu Weltanschauung. Die Erleuchtung bleibt aus, die Liebeserfüllung auch – fast verwunderlich, denn seine Herzensdamen werden immerhin von Natalie Portman, Cate Blanchett, Freida Pinto, Isabel Lucas und Imogen Poots gespielt. Malick präsentiert diese Zyklen von Begehren und Enttäuschung wie gewohnt als atemlosen, musikalisch rhythmisierten Montagefluss mit monologischen Flüsterton-Reflexionen im Off. Neu ist allerdings das Setting: Emmanuel Lubezkis Kameraauge gleitet durch pulsierende Nachtclubs, hochklassige Galerien und luxuriöse Penthouses – besonders in Erinnerung bleibt eine irrwitzige Riesenfete mit Antonio Banderas als hedonistischem Zeremonienmeister.

Von Moral oder Zynismus fehlt aber jede Spur. Malick filmt Sodom und Gomorrha mit derselben Ehrfurcht wie Naturspektakel oder die digitalen Dinosaurier aus „Tree of Life“. Sieht man in ihm einen Regie-Priester, ist die Welt sein Tempel und das Kino seine Kirche: Selbst das Hässliche, Leere und Falsche erstrahlt in elysischem Glanz, jede Geste kommt einem Wunder gleich. Irgendwann wird diese Schönheit unerträglich, man zerbricht förmlich unter der Last der Überwältigungsbilder, doch der Effekt ist intendiert: In der Diskrepanz zwischen Schöpfungsschock und existenzieller Not liegt der Kern des Films – sein innerer Antrieb, der wie das Streben des Protagonisten nie zum Stillstand kommt.

Ob „Knight of Cups“ Chancen auf den Goldenen Bären hat, ist fraglich. Einen hat der Regisseur schon für „Der schmale Grat“ bekommen, sein aktueller Film polarisiert Presse und Publikum und der Wow-Effekt von „Tree of Life“ hat sich inzwischen für viele abgenutzt. Doch Malick vorzuwerfen, seine Arbeiten seien kitschig oder esoterisch, ist wie Mozart dafür zu schelten, seine Musik habe gewaltig viele Noten: An der Erhabenheit des Handwerks ändert es nichts.

 

Missglückte Hommage an Hollywood

Malick dreht oft mit Stars, castet sie gern für Rollen, die vage an ihre persönlichen Erfahrungen angelehnt sind. Als Kinoexzentriker mit prominenter Besetzung ist er im Berlinale-Wettbewerb nicht allein, stellt seine Konkurrenz aber in den Schatten. Werner Herzogs arabisches Epos „Queen of the Desert“ über die britische Forscherin, Agentin und Diplomatin Gertrude Bell überzeugte nur bedingt: Für Fans der deutschen Regielegende gab es genügend ästhetische Appetithäppchen in Form befremdlicher Tieraufnahmen – darunter der glanzvolle Gastauftritt eines glupschäugigen Geiers. Die schwerfällige Mischung aus Melodram und politischer Parabel geht aber bei allem Respekt vor dem aufwendigen Dreh in Nordafrika kaum auf und ist mit James Franco und Robert Pattinson in Gentleman- und Dandy-Rollen fehlbesetzt, obwohl Nicole Kidman sich als resolute Wüstenkönigin gut hält. Am besten funktioniert diese missglückte Hommage ans klassische Hollywoodkino noch als Emanzipationsgeschichte, immerhin ein Herzog-Novum.

Außer Konkurrenz zeigt die Hauptsektion auch das 3-D-Drama „Every Thing Will Be Fine“ von Wim Wenders, dem das Festival überdies eine kleine Hommage widmet. An die Kapitalwerke aus dessen Blütezeit kommt der neue Film nicht heran, wirklich interessant ist daran eigentlich nur der relativ subtile Einsatz stereoskopischer Effekte: Schneefall, Spiegelungen in Fenstern und schleichende Überblendungen erhalten dadurch traumwandlerische Qualitäten. Ins Traumland lädt leider auch die elliptische Story um einen Autor, der von einer schweren Schuld geplagt wird und allmählich damit umzugehen lernt – wenigstens passt James Francos Kifferblick hier besser zu seiner Figur als bei Herzog. Als der Film nach vielen langatmigen Dialogszenen endlich sein Tempo findet und sich eine gewisse emotionale Komplexität einzustellen scheint, opfert er diese abrupt einer Spontanversöhnung: Hauptsache, alles ist in Ordnung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2015)