Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Peter Weibel: Stirb, System – lebe, Bibliothek!

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
  • Drucken

Die Krise hat Peter Weibel wieder motiviert, selber Kunst zu machen. Dafür tunte er inhaltlich die Kunst seiner Kollegen auf – und testete die neueste 3-D-Technik.

"Die moderne Finanzarchitektur" steht strahlend weiß auf dem Wellblechdach einer Slum-Baracke, gezimmert aus den Abfällen der Reichen, aus Champagner- und Umsiedelungskartons. Und mittendrin in diesem wackeligen Gerüst, auf dem Schreibtisch natürlich, sitzt Peter Weibel, umtriebige Wiener Avantgarde-Ikone, Künstler, Theoretiker und Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe. Selber schuld, er hat sich diesen Sitzplatz selbst ausgedacht, als Sinnbild der Krise, die sich durch den ersten Teil seiner Einzelausstellung in der Galerie Grita Insam zieht, seine erste seit rund zehn Jahren übrigens.

Ein wenig plakativ, ist man versucht einzuwenden, steht man vor dem Slum und überlegt mit, ob jetzt doch noch Bücher an die löchrigen Wände gepinnt werden sollen oder nicht. Aber seit wir die Schuld am galoppierenden Untergang auf ominöse Finanzprodukte schieben können, ist Offensichtlichkeit wohl auch in der Kunst nicht mehr unbedingt als Schimpfwort zu verstehen, vor allem nicht im Zusammenhang mit Wirtschaft.

Peter Weibel redet unglaublich schnell, undeutlich und gescheit, sein absolutes, alle Aufmerksamkeit forderndes Markenzeichen. Er erklärt die Hintergründe der derzeitigen Wirtschaftslage, wie er es auch auf einer Art Pinnwand-Collage voll Karikaturen, Fachliteratur, die den Crash immer schon voraussagte, und gesprayten Slogans tut – „Der Kritiker des Steuerstaates sitzt im Keller und fürchtet um sein Leben“, heißt es hier. Er selbst sitzt vor Furcht aber noch nicht im Keller, betont er, verdammen tue er den Steuerstaat und das aktuelle Wirtschaftssystem trotzdem. Vor allem ärgert ihn, dass die Wirtschaft auch in guten Zeiten hoch subventioniert wird und gleichzeitig der Kultur in jeder Lage ihre vergleichsweise viel zu geringen Subventionen vorgehalten werden. In Zukunft müsse hier umgedacht werden, meint er. Doch eine große Lösung, ein alternatives Wirtschaftssystem, das hat er – zumindest in dieser Ausstellung – noch nicht anzubieten.

 

Steuersäcke und Immobilien-Eisberg

Dafür umso mehr kritische Bilder, Objekte und Installationen: Neben der dominierenden Luxus-Favela schwimmen in Aquarien Menschenpüppchen, von schweren Steuersäcken unters Wasser gezogen, und eine Luxusimmobilie mit Palmen, die auf der Unterseite von einem Schrotthaufen Einfamilienhäuser getragen wird, sozusagen die elegante Spitze des Eisbergs, das große Elend liegt darunter. Weibel versucht hier den Anachronismus eines aktuellen Historienbilds zu schaffen, mit dem inhärenten Risiko, dass man sich irrt, so Aug in Aug mit der Geschichte. Jedenfalls versucht er, Bilder für die aktuelle Situation zu finden, und zwar in allen Medien und Stilen, was den durchaus intendierten Eindruck einer Gruppenausstellung bedingt. Und zwar mit Pappkonstruktionen von Thomas Hirschhorn, einem Schattenobjekt von Markus Wilfling und Wassertanks von Damien Hirst.

Weibel bedient sich ungeniert bereits vorhandener künstlerischer Lösungen, was er auch zugibt, aber er verbessert sie eben um das, was ihn daran bisher störte, vor allem lädt er sie mit wirtschaftskritischen Überlegungen auf. „Der Reichtum der formalen Mittel war schon da, aber nicht die Inhalte.“ So hat Weibel das inszenierte Foto eines G8-Gipfels umgedeutet: Am Konferenztisch sitzen nicht mehr Bush, Chirac, Putin etc., die Ex-Regierungschefs schauen von Fotos dahinter zu, wie ihre „Opfer“ (Weibel) tagen, zum Teil barfuß, mit Verbänden, relativ unbeteiligt jedenfalls, was auch keine groben Hoffnungen auf eine bessere Welt weckt.

„Kinder an die Macht“, sang Herbert Grönemeyer, „Opfer an die Macht“, proklamiert ähnlich naiv Peter Weibel. Da möchte man aus Verzweiflung am liebsten gleich die „Line of Crime“ schnupfen, die Weibel aus weißem Pulver in einem Glaskasten gelegt hat, der Linie eines Aktienkurses folgend. Der zusammengerollte 100-Euro-Schein wäre auch schon bereit – „das wirkliche Rauschgift ist virtuelles Geld“, heißt es dazu.

Und das bestimmt immer stärker auch die Kunst, der globale Künstler von Welt sozusagen geht mit seinen Arbeiten gleich in die Auktionen, so Weibel, wie Hirst es getan hat. Im Vergleich dazu sei er mit seiner Galerieausstellung hier eigentlich ziemlich altmodisch. Der wahre globale Künstler aber schreibt Vorhandenes um, wie er es hier im Kleinen versucht habe, etwa beim G8-Gipfel: „Ich nehme einen existierenden Code und schreibe ihn um, das ist globale Kunst.“ Ein größeres Beispiel für diese Umschreibung ist für Weibel Abu Dhabi: „Die arabische Kultur ist bereit, sich umschreiben zu lassen, sie laden westliche Museen ein, sich niederzulassen. Im Gegensatz Berlin, dort baut man im Zentrum ein altes Schloss wieder auf. Wir müssen uns öffnen für andere Kulturen.“

 

3-D-Film ohne lästige Brille

2011 plant er eine große Ausstellung im ZKM Karlsruhe über die zunehmende Dynamisierung der Globalisierung. Um diese zu erkunden, bereist er zurzeit Afrika und Indien, veranstaltet Symposien. An Rast und Ruhe denkt der Anfang März 65 gewordene Nomade jedenfalls noch lange nicht. Eher an die Optimierung seines Arbeitsumfeldes, seiner Wohnung. Im zweiten Teil der Ausstellung präsentiert er seine Version von der Aufgabe, die er in Zürich bereits Architekturstudenten Gregor Eichingers gestellt hat: „Bewohnbare Bibliotheken“. Denn mehr als ein Bett, einen Schreibtisch mit Sessel und tausende Bücher braucht Weibel ja nicht. Also hat er Modelle seines idealen Heims gebaut, von der Form her an einen Hybriden von Hochhausblock und Bücherregal erinnernd. Im Inneren des Turms, so Weibels Lieblingsmodell, fährt dann eine offene Aufzugsebene mit Bett und Tisch von einer Buchreihe zur nächsten, rauf und runter, die Nasszellen sind im Keller, gegessen wird auswärts. Im innovativsten Turm kehrt Weibel sein Innerstes nach außen – ein Bildschirm soll an der Fassade übertragen, welches Buch er gerade nimmt und liest. Und zwar am besten auch in 3-D, wie es Weibel auf einem Extrabildschirm vorführt – und zwar, Achtung Revolution, erstmals ohne blöde Brille!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2009)