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Die Ahnfrau, exhumiert

Mit Grillparzer in die neue Zeit: Gerhard Hammerschmieds komplexer Beziehungsroman.

Der 1955 in Judenburg geborene Gerhard Hammerschmied hat viel hineingepackt in seinen ersten Roman. Nicht alles mag in gleicher Weise geglückt sein, aber vieles davon hat mit seinen Lebensinteressen zu tun. Er unterrichtet Religion und Französisch, lehrt daneben Philosophie an der Universität Klagenfurt und hat seit Jahrzehnten ein Naheverhältnis zu Nicaragua. Für die Übersetzung eines Gedichtbandes der nicaraguanischen Autorin Michèle Najlis erhielt er 2007 die Übersetzerprämie des Kulturministeriums.

In seinem Debüt packt er nun die großen Themen der Literatur frontal an: Es geht um Liebe und Tod. Grillparzers „Ahnfrau“ eröffnet den Diskurs über Tod und Untote – was auf religiöser, philosophischer wie esoterischer Ebene durchgespielt wird. In einem österreichischen Dorf wird der angeblich unversehrt erhaltene Leichnam einer Frau im Beisein des Bischofs und von „allerlei gelehrtem Gesindel“ exhumiert, ein von Liebesverwicklungen geschüttelter Therapeut beginnt Geister zu sehen und zu hören, und an der Küste Nicaraguas werden westlichen Touristen die billigen Verschnitte indigener Traditionen teuer als Zauberkuren verkauft.

Der Titel des Romans, „Nichts über Grillparzer“, spießt den typischen Ehekonflikt auf: Irgendwann wollte die Gattin des nunmehr alten Grillparzerforschers Georg einfach nichts mehr von seinem Lebensthema hören. Doch so einfach lagen die Dinge nicht, als die Ehe zerbrach. Es war auch eine andere Frau mit im Spiel, und die lebenslängliche Eifersucht ist noch bei Georgs – dann doch nicht letal endendem – Zusammenbruch keineswegs überwunden.


Dreiecksstruktur als Gerüst

Die komplexen Beziehungsgeschichten, alle in Form einer Dreiecksstruktur, sind das eigentliche Gerüst des Romans. Vater Georg zwischen zwei Frauen, Tochter Maria zwischen zwei Männern, die noch dazu miteinander befreundet sind, während die Frau von Sohn Clemens mit ihrem Schwiegervater zumindest zwischenzeitlich nicht nur die Leidenschaft für Grillparzer zu teilen scheint. Dass es trotzdem nicht primär um die konkreten Beziehungsprobleme geht, macht Hammerschmied mit einer verrätselnden Erzählweise deutlich, die mitunter ein wenig überstrapaziert wirkt. Man tut sich schwer, die Figuren und Konflikte auseinanderzuhalten oder auch nur, sich dafür en detail zu interessieren.

Was der Roman eigentlich thematisiert, sind die Folgekosten des gesellschaftspolitisch ungestümen Aufbruchs von einst. Georg und seine Frau Annahatten neue Ufer gesucht – unter anderem in einem Solidaritätsdorf in Nicaragua. Neue Formen des Zusammenlebens und des eigenen Selbstverständnisses implizieren eine Loslösung von Traditionen und überkommenen Werten. In die dadurch entstandenen Leerstellen sieht der Autor allerlei Dämonen und irreale Ängste einsickern. Mit der Beziehungsebene ist diese Generation jedenfalls so wenig fertig geworden wie ihre Kinder, die unter den gelockerten Strukturen im (Zusammen)Leben der Eltern auch gelitten haben. Aber schließlich ist schon Grillparzer am Leben mit Frauen gescheitert.

„Clemens, der als Sohn des Herrn Professors Rätselworte liebte“, heißt es einmal, und das gilt auch für den Autor selbst. Er ist zweifellos ein belesenerMann, gute Literaturkenntnisse erhöhen die Zahl der wiedererkennbaren indirekten Anspielungen, die sichtbar in den Text eingebauten Zitate von Grillparzer und anderen sind im Anhang verzeichnet. ■

Gerhard Hammerschmied

Nichts über Grillparzer

Roman. 184 S., geb., €21,80 (Drava Verlag, Klagenfurt)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2015)