Brückenschlag zur Gerechtigkeit

Stephen Somerstein talks about a photo he took during the famous 1965 Selma to Montgomery, Alabama march, at the New-York Historical Society
Stephen Somerstein talks about a photo he took during the famous 1965 Selma to Montgomery, Alabama march, at the New-York Historical SocietyREUTERS
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Der blutig niedergeschlagene erste Marsch von Selma war ein Schlüsselmoment im Kampf der amerikanischen Schwarzen um ihre Rechte. Am 7. März 1965 riskierten mutige Menschen ihre Leben für die Gleichberechtigung.

Die Edmund Pettus Bridge im amerikanischen Bundesstaat Alabama ist 380 Meter lang. Sie wurde im Jahr 1940 eingeweiht, überspannt in der Kleinstadt Selma den Alabama River und trägt den Namen des letzten US-Senators, der ein führendes Mitglied der rassistischen Terrororganisation Ku-Klux-Klan gewesen ist.

Brücken wie diese gibt es viele in den USA. Doch dass diese Brücke heute einen entscheidenden Moment im Kampf der schwarzen Bürger der Vereinigten Staaten um ihre verfassungsmäßig garantierten Rechte markiert, liegt an dem, was hier an einem Sonntag vor 50 Jahren geschah.

„Kannst du schwimmen?“, fragte Hosea Williams mit einem Blick über das Brückengeländer in die trüben Fluten des Alabama River. „Nein“, antwortete John Lewis. Williams und Lewis waren führende Köpfe der Bürgerrechtsbewegung, ihre Lebensgeschichten spiegelten den brutalen Rassenhass der amerikanischen Gesellschaft zur damaligen Zeit wieder.

Williams, Vollwaise und im Zweiten Weltkrieg nach einer schweren Verwundung mit dem Purple Heart ausgezeichnet, wurde nach seiner Rückkehr in die USA von einer Gruppe weißer Männer halb tot geschlagen. Sein Vergehen: Er hatte von einem Wasserhahn getrunken, der für Weiße reserviert war. Erst im Leichenwagen kam er wieder zu sich. Auch Lewis hatte einen rassistischen Angriff nur mit Glück überlebt. Vier Jahre zuvor, da war er gerade 21, hatte er im Rahmen der „Freedom Rides“ mit Studentenaktivisten versucht, die Rassentrennung in Buslinien aufzuheben. An einer Busstation in South Carolina wurde er übel zusammengeschlagen. Darauf folgten weitere Prügel und ein Brandanschlag des Ku-Klux-Klans auf seinen Bus.

Williams und Lewis hatten also allen Grund dazu, sich an diesem 7. März 1965 mögliche Fluchtwege zu überlegen. Denn ihr Ziel war für das rassistische weiße Establishment in Alabama eine reine Provokation: Gemeinsam mit 600 weiteren Aktivisten wollten sie die rund 87 Kilometer von Selma in die Hauptstadt Montgomery marschieren, um Gouverneur George C. Wallace zur Abschaffung der Schikanen gegen Schwarze bei der Registrierung in die Wählerlisten zu bewegen.

Denn obwohl die Schwarzen fast auf den Tag genau 95 Jahre zuvor mit dem 15. Zusatz zur US-Verfassung das Wahlrecht erhalten hatten, waren sie im „Tiefen Süden“ politisch rechtlos. Mit schikanösen Intelligenztests, bürokratischen Hürden und, wenn das nichts half, mit roher Gewalt hielten dort die Weißen ihre schwarzen Mitbürger vom Wählen ab. An der Präsidentenwahl 1964 etwa nahmen in Alabama nur etwa 111.000 schwarze Bürger teil; 79,6 Prozent der wahlberechtigten Schwarzen hatten es nicht in die Wählerverzeichnisse geschafft. Dagegen hatten rund 946.000 Weiße ihre Stimmen abgegeben, was einer Wahlbeteiligung von 70 Prozent entsprach.


Der Märtyrer Jimmie Lee Jackson. Besonders krass war die Diskriminierung der Schwarzen in Selma. Sie stellten die Mehrheit der Bürger der Stadt – doch nur 383 von rund 15.000 standen 1965 im Wählerverzeichnis. „Das ist Selma, Alabama. Es sind hier mehr Schwarze mit mir im Gefängnis als auf den Wählerlisten“, hatte Martin Luther King jr. erst Anfang Februar in einem in der „New York Times“ veröffentlichten Brief aus seiner Zelle geklagt, als er wieder wegen angeblicher Ruhestörung festgesetzt worden war.

Die Bürgerrechtsaktivisten hatten Selma aber auch aus einem anderen Grund als Ausgangspunkt ihres Protestmarsches gewählt: Am 18. Februar, nur drei Wochen vorher, hatte ein Polizist den Aktivisten Jimmie Lee Jackson mit zwei Bauchschüssen getötet, als dieser im Zuge der gewaltsamen Auflösung einer Demonstration seine Mutter vor den Schlagstöcken der Uniformierten zu schützen versucht hatte. Die Sicherheitsbehörden verweigerten dem Schwerverletzten Arzt und Ambulanz; Jackson wurde in einem Leichenwagen ins fast 45 Kilometer entfernte Krankenhaus von Selma transportiert, wo er nach acht Tagen starb.

Auch Jackson war Armeeveteran, und er hatte fünfmal vergeblich versucht, sich in die Wählerliste eintragen zu lassen. James Bevel, ein führender Bürgerrechtskämpfer, machte Jackson in aufwühlenden Reden zum Märtyrer der Wahlrechtsoperation. Er verwies auf jene alttestamentarische Geschichte, in der Mordechai Esther zur (letztlich erfolgreichen) Fürbitte für das Volk Israel beim König der Perser bewegt.

So kam es, dass sich Williams, Lewis und 600 andere Unerschrockene am Nachmittag des 7. März 1965 auf der Edmund Pettus Bridge einfanden. Ihr Marsch aber endete bald: Auf der anderen Seite der Brücke warteten Dutzende Polizisten in Helmen und mit Knüppeln, flankiert von berittenen Trupps und rund 100 bewaffneten Zivilisten, die ihre Mitgliedschaft im Ku-Klux-Klan kaum verbargen. Gouverneur Wallace hatte seinen Unmut klar ausgedrückt: „Solange ich Gouverneur bin, werde ich nicht einen Haufen Nigger den Highway entlang marschieren lassen.“

Rasch griff die Polizei an. Auf Fernsehaufnahmen sieht man, wie sie wahllos auf die friedlichen Demonstranten einprügeln. John Lewis erlitt eine Schädelfraktur. Dann legten die Polizisten Gasmasken an und feuerten mindestens 40 Tränengaskanister in die panisch fliehende Menge. Mehr als 90 Menschen wurden verletzt; es war ein Wunder, dass niemand starb.


Pyrrhussieg der Rassisten. Doch es war für Wallace ein Pyrrhussieg. Denn am Abend unterbrach der Fernsehsender ABC sein Programm, um einen 15-minütigen Bericht aus Selma zu senden. 48 Millionen Amerikaner sahen zu – auch jener, der im Weißen Haus amtierte: Präsident Lyndon B. Johnson. Lewis erklomm noch selben Abend mit gebrochenem Schädel und blutigem Regenmantel eine Kirchenkanzel und rief: „Ich weiß nicht, wie Präsident Johnson Truppen nach Vietnam schicken kann. Ich habe keine Ahnung, wie er Truppen in den Kongo schicken kann. Ich sehe nicht ein, wie er Truppen nach Afrika schicken kann, aber nicht nach Selma, Alabama!“

Die Dinge kamen ins Rollen. Am 9. März führte Martin Luther King jr. knapp 2000 Menschen von Selma an die Stelle, wo zwei Tage zuvor die Gewalt eskaliert war. Die Demonstranten knieten nieder, beteten kurz und kehrten unbehelligt um. Eine Woche darauf hielt Johnson im US-Kongress seine wohl beste Rede: „Was in Selma passiert ist, ist Teil einer größeren Bewegung, die jeden Teil und jeden Staat Amerikas erreicht. Es ist das Bemühen der amerikanischen Schwarzen, für sich die vollen Segnungen des amerikanischen Lebens zu sichern. Ihr Anliegen muss auch unseres sein, denn nicht nur die Schwarzen, wir alle müssen das lähmende Erbe des Fanatismus und der Ungerechtigkeit überwinden. Und wir werden es überwinden.“

So klar hatte sich vor ihm noch kein US-Präsident für volle politische Rechte für die Schwarzen ausgesprochen. Johnson legte dem Kongress ein Wahlrechtsgesetz vor, das sämtliche Diskriminierungen bei der Ausübung des Wahlrechts abschaffen sollte. Mit glatten Mehrheiten ging dieser Voting Rights Act durch beide Kammern. Unterdessen war der dritte Marsch von Selma, beschützt von 3000 US-Soldaten, unbeschadet in Montgomery angekommen, wo 25.000 Menschen einer Rede von King jr. auf der Treppe des Staatskapitols lauschten – an jener Stelle, wo 1861 Jefferson Davis als Präsident der „Konföderierten Staaten von Amerika“ angelobt worden war.

Am 6. August 1965 wurde der Voting Rights Act mit Johnsons Unterschrift in Kraft gesetzt. Zwei Wochen später ließ sich Cager Lee, der 82-jährige Großvater des ermordeten Jimmie Lee Jackson, ins Wahlverzeichnis eintragen. Sein Vater war einst auf einem Sklavenmarkt verkauft worden.

Chronik

18. Februar 1965: Die Polizei in der Kleinstadt Marion im US-Bundesstaat Alabama löst eine friedliche Demonstration von Bürgerrechtsaktivisten mit Gewalt auf. Eine Beamter erschießt den schwarzen Armeeveteranen Jimmie Lee Jackson; acht Tage später stirbt er im Spital von Selma.

7. März 1965. Erster Marsch von Selma. Das Ziel, die Hauptstadt Montgomery, erreichen die Demonstranten nicht. Sie werden noch in Selma von der Polizei verprügelt und mit Tränengas angegriffen. Rund 90 Marschierer werden verletzt.

9. März 1965: Zweiter Marsch von Selma. Unter der Führung von Martin Luther King jr. marschieren rund 2000 an die Stelle der Polizeiattacke vom 7. März, um zu beten.

24. März 1965: Der dritte Marsch kommt von Selma unbeschadet in Montgomery an.

6. August 1965: Der Voting Rights Act tritt in Kraft und beendet die meisten Formen der Diskriminierung von Wählern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2015)

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