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Albertina: Die Eintönigkeit der Pop-Art

(c) FABRY Clemens
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Mit dem Werk von Elaine Sturtevant werden die neuen Tietze Galleries für Grafik eingeweiht. Aber gerade dieser Künstlerin nähert man sich besser über die Malerei.

Lang trat sie nur unter ihrem Nachnamen auf: Sturtevant. Denn die 1924 geborene US-amerikanische Künstlerin startete in den 1960er-Jahren eine gewagte Strategie: Sie kopierte die Bilder ihrer männlichen Kollegen – „Wiederholungen“ nannte sie das. Es waren nicht irgendwelche Bilder, sondern „Meisterwerke“, wie sie immer betonte. Bis heute gilt, dass sie gezielt die markantesten Motive der damals jungen Pop-Art auswählte: den Burger von Claes Oldenburg, die Zahlen von Jasper Johns, die Frauen von Roy Lichtenstein. Auch Sujets von Marcel Duchamp und bereits 1971 Zeichnungen von Joseph Beuys nahm sie in ihr Repertoire auf – alle ihre „Wiederholungen“ beweisen ein ausgeprägtes Gespür für Qualität.

Allerdings waren ihre Kollegen und vor allem die Kritiker damals nicht ganz so überzeugt davon. 1974 gab Elaine Sturtevant auf und zog sich komplett aus der Kunst zurück. Sie habe nur noch Tennis gespielt, erzählte sie immer – in Anlehnung an Duchamp, der behauptete, einige Jahrzehnte nur noch Schach gespielt zu haben. 1985 kam sie zurück – im Jahrzehnt der Appropriation Art. Appropriation war eine hübsche Umschreibung für jenes Konzept, für das Sturtevant plötzlich als Vorreiterin galt: „Aneignung“ als gezielter Angriff auf Autorenschaft, Originalität und Authentizität. Zudem erstarkte der Kunstmarkt in dem Jahrzehnt massiv, und Sturtevants „Wiederholungen“ gefielen den Sammlern gerade wegen der Verwechslungsgefahr: ein Warhol für den Bruchteil des Preises.

Jetzt zeigt die Albertina knapp 100 Zeichnungen der 2014 verstorbenen Künstlerin aus den Jahren 1964 bis 2004. Die Schau war bereits im Frankfurter Museum für Moderne Kunst zu sehen und wandert anschließend in den Berliner Hamburger Bahnhof.

 

Immer wieder Zahlen von Jasper Johns

In Wien nutzt Direktor Klaus Albrecht Schröder diese Konzentration auf Papierarbeiten gleich zu einer räumlichen Neuerung. Denn mit Sturtevant werden die Tietze Galleries for Prints and Drawings eingeweiht. Hans Tietze (1880–1954) war ein österreichischer Kunsthistoriker, der die Albertina-Sammlung zwei mal vor dem Verkauf ins Ausland rettete und der als Ministerialbeamter 1919 die Wiener Museen reorganisierte. Dieser neue Trakt mit 450 Quadratmetern im zweiten Stockwerk gehörte ursprünglich zu den Kahn Galleries, die aber als ermüdend langer Rundgang nicht funktionierten. Hier also hängen jetzt Sturtevants Zeichnungen, darunter die frühen Kombinationsbilder, in denen sie Motive und damit auch Techniken verschiedener Künstler zusammenbrachte, Oldenburgs locker skizzierten Burger und Jasper Johns' schraffierte Zahlen etwa. Immer wieder sehen wir diese Zahlen, immer wieder Johns' Flagge. Sie habe sich für die „innere Bewegung sowie die Wiederholung als Differenz“ interessiert, sagte sie einmal, für die „innere Struktur eines Werkes“ – weswegen sie in den 1980ern auch gar nicht glücklich war über die Vereinnahmung durch die Appropriation Art. Schließlich wollte sie unsere „gegenwärtigen Vorstellung von Ästhetik erweitern und entwickeln, Originalität erforschen und Raum für neues Denken eröffnen“.

Das ist ein spannendes Konzept. In der Praxis allerdings bedeutet das, dass man in hundert Zeichnungen durchgehend Bekanntem begegnet. Da die Vorbilder nicht daneben hängen, kann das „Überprüfen des Vertrauten“, wie der Frankfurter Kurator Mario Kramer es vorschlägt, kaum stattfinden. Sturtevants Prinzip funktioniert im Medium der Malerei weitaus besser als in den vielen kleinen Zeichnungen und Skizzen – schade, dass hier eine solche mediale Eingrenzung stattfindet. In der Frankfurter Präsentation wechselten rote mit grauen Wänden ab, was einen visuellen Rhythmus erzeugte. In Wien sind die Blätter mit einem grellroten Farbstreifen unterlegt. Das verschärft die Eintönigkeit. Sturtevant hinterfragte mit ihren Werken die Vorherrschaft des Visuellen, sie wollte über „die Struktur von Ästhetik als Idee“ reflektieren – darum durfte es für sie keine Formerfindungen geben. In dieser zugleich überinszenierten und visuell zu wenig komplexen Aneinanderreihung ist der hohe Anspruch aber leider kaum nachzuvollziehen.

Albertina, bis 10. Mai 2015.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2015)