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Spitalsärzte: Weniger Ärzte bis 2018 „unrealistisch“

(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
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Der Wiener KAV will 382 Ärztestellen kürzen. Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer hält das für unrealistisch. Selbst, wenn es zu weitgehenden Reformen kommt.

Wien. Das neue geplante Arbeitszeitgesetz für Spitalsärzte hat nicht nur Auswirkungen auf die Gehälter und Dienstzeiten von Wiens Spitalsärzten. Bis 2018 sollen auch – ohne Kündigungen, so der KAV – 382 Stellen gekürzt werden – das entspricht mehr als zehn Prozent der KAV-Spitalsärzte. Die Ärztekammer will diese Kürzung nicht akzeptieren, eine Personalreduktion sei derzeit „völlig absurd“. Hält die Stadt daran fest, könne der Pakt zwischen Ärztekammer, Stadt, KAV und Gewerkschaft, mit dem die EU-Richtlinien in Sachen Maximalarbeitszeit für Spitalsärzte umgesetzt werden sollen, wieder platzen.

1. Der KAV will kürzen, die Ärzte sagen: unmöglich. Wer hat recht?

Hier müsse man, so Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer, von zwei Szenarien ausgehen: Gelingen tief greifende Reformen, sei eine Kürzung um 382 Stellen realistisch. Ohne Reformen sei das „absurd“. Reformen, das heißt für Pichlbauer vor allem, die Zahl der stationär aufgenommenen Patienten zu reduzieren. „In Österreich haben wir 70 Prozent mehr Spitalsaufnahmen – also Patienten, die länger als 24Stunden bleiben – als im EU-Schnitt.“ Kann man Patienten ambulant versorgen, in Tageskliniken oder durch niedergelassene Ärzte, könne sich die Reduktion ausgehen. Dafür müssten die Aufnahmen aber laut Pichlbauer um 20 bis 30Prozent reduziert werden.

2. Selbst mit Reformen – ist eine Umsetzung bis 2018 realistisch?

Kaum. „Wir müssen Patienten, die tagelang wegen nichts im Spital liegen und dort nichts verloren haben, rauskriegen“, sagt Pichlbauer. Das aber sei ein langer Prozess. Sinnvoll wären etwa eigene Aufnahmestationen, in denen Patienten bis zu 24Stunden untergebracht werden, und von denen aus sie dann auf die Station kommen oder entlassen werden. „Es gibt so ein Modell im Krankenhaus Horn, das hat die Zahl der Aufnahmen um 20 bis 30 Prozent reduziert. Aber bis dieser Effekt erreicht wurde, sind fünf Jahre vergangen, von denen erst zwei Jahre nur diskutiert worden sei, sagt Pichlbauer. Eine Umsetzung einer solchen Reform in allen KAV-Spitälern, inklusive parallelen Personalabbaus bis 2018? Da sieht er „keine Chance“. Auch eine Entlastung durch niedergelassene Ärzte sei in so kurzer Zeit nicht realistisch. Ein geeigneter Weg, um Abläufe effizienter zu gestalten, sei hingegen, Primare als Manager zu stärken: Nicht der fachlich beste Arzt solle Primar werden, sondern jener mit den höchsten Managementqualitäten. „Das braucht einen Kulturwandel und Change Management, das geht nicht in zwei Jahren.“

3. Wie viel kann allein durch neue Dienstmodelle gespart werden?

Wie berichtet plant der KAV, die Dienste neu zu organisieren: Bisher begann der Ärzte-Nachtdienst um 13 Uhr. Jeder Nachmittagsposten musste auch nachts besetzt sein. Diese nächtliche Überbesetzung will der KAV reduzieren, indem die Tagesarbeitszeit künftig von sieben bis 19 Uhr dauern soll. Die Arbeit in den Tag zu verlegen sei ein „hoch notwendiger Schritt“, so Pichlbauer. Zudem könne das die Zahl der Aufnahmen reduzieren, mussten doch bisher Patienten, die vormittags in die Ambulanz kamen, oft bis zum nächsten Tag auf weiterführende Diagnostik warten, da Untersuchungen nur bis 13Uhr durchgeführt wurden. „Für Ärzte heißt das, statt 24 Stunden nur vier Stunden für Diagnosen Zeit zu haben – das führt zu Angst vor Arbeitsverdichtung. Diese Angst ist berechtigt, aber die Verdichtung wird stattfinden.“ Die Primarärzte gehen indes nicht nur von Verdichtung aus, sondern fürchten um die Versorgung: Unter diesen Rahmenbedingungen – dem angekündigten Abbau – sei es „völlig unmöglich“, die Leistungserbringung aufrechtzuerhalten, heißt es in einem offenen Brief, den Primarärzte aus KAV-Spitälern laut „Kurier“ an Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) gerichtet haben.

4. Welchen Ausweg kann es nun aus dieser Pattstellung geben?

Derzeit sieht es nicht nach einer schnellen Lösung aus. Die Ärztekammer führt in den ersten zwei Märzwochen eine Urabstimmung unter den KAV-Ärzten durch, bei der die Arbeitszeitreform noch abgelehnt werden kann. Dass diese Reform Personalabbau beinhalte, sei nie Gegenstand der Verhandlungen gewesen, heißt es aus der Ärztekammer, die sich „strikt“ gegen eine Reduktion ausspricht und sich dagegen wehren will. Hält der KAV an dem Plan fest, könne die Einigung auf eine Arbeitszeitreform platzen.

Bürgermeister Michael Häupl verteidigt indes den Stellenabbau. Dieser sei Teil der Verhandlungen gewesen, deren Ergebnis die Kammer zugestimmt habe. Und er verteidigt sich gegen den Vorwurf des Sparens: Das Paket koste die Stadt 20 Mio. Euro pro Jahr. Die Drohung der Ärztekammer, den Pakt im Notfall aufzukündigen, könne er nicht nachvollziehen. Er mahnt Vertragstreue ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2015)