Poker, Feigling, Schwarzer Peter: Was wird gespielt?

Greek Finance Minister Yanis Varoufakis Attends News Conference With Germany´s Finance Minister Wolfgang Schaeuble
Greek Finance Minister Yanis Varoufakis Attends News Conference With Germany´s Finance Minister Wolfgang Schaeuble(c) Bloomberg (Krisztian Bocsi)
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Finanzminister Varoufakis ist ein Experte für Spieltheorie. Das nährt den Verdacht, hinter seinem irritierenden Verhalten als Verhandler stecke eine raffinierte Taktik. Fragt sich nur welche.

Wien. Zwei Autos rasen auf eine Klippe zu, auf den sicheren Tod. Die Mutprobe von zwei Halbstarken: Wer als Erster klein beigibt und aus dem Wagen springt, ist das „chicken“, der Feigling. Sie wussten nicht, was sie tun, James Dean als Jim und sein Herausforderer Buzz, die Rebellen einer verlorenen Generation im Kino der 1950er-Jahre. Spieltheoretiker von heute aber wissen genau, wie ein solches „chicken game“ als rationales Entscheidungsmodell funktioniert. Ihr Szenario ist nur leicht abgewandelt: Zwei Sportwagen steuern mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zu. Eine Situation wie zwischen Griechenland und seinen Gläubigern. Der große Crash, ein Griechen-Bankrott samt unkontrolliertem Euro-Austritt, wird wahrscheinlicher. Provoziert hat das gefährliche Patt Yanis Varoufakis. Der griechische Finanzminister will sich auf das gut geübte europäische Spiel der Verträge, Regeln und Kompromisse nicht einlassen und den Kontinent im Alleingang zu einer neuen Agenda bewegen. Das wirkt naiv, und die Euro-Schatzmeister reagieren erwartungsgemäß: Nicht mit uns.

Aber Varoufakis ist nicht nur ein von Visionen getriebener linker Politiker, sondern auch Professor für Wirtschaftsmathematik und Experte für Spieltheorie. Mehrere Lehrbücher hat er über das mit Zahlen modellierte Entscheidungsverhalten in sozialen Konfliktsituationen geschrieben. Viele argwöhnen daher, der Rebell mit Anliegen spiele ein raffiniertes Spiel und sei seinen ratlosen Kontrahenten mehrere Züge voraus.

List wäre „reiner Wahnsinn“

Spricht man Varoufakis darauf an, ist die Reaktion wie meist bei diesem Mann: widersprüchlich. „Handeln ist ein großes Spiel“, lässt er einmal fallen. Oder er doziert düster: „Wir stecken mitten im Gefangenendilemma.“ Bei diesem bekanntesten Problem der Spieltheorie gäbe es eine kooperative Lösung zum Nutzen aller – aus Syriza-Sicht ein Paradigmenwechsel in der europäischen Politik.

Aber dann beteuert er wieder, auf das Feiglingsspiel anspielend: „Die Frage ist nicht, wer zuerst abbiegt.“ Und in einem Gastbeitrag für die „New York Times“ weist Varoufakis alle Spekulationen über seinen Spieltrieb, über List und Tücke zurück: „Nichts könnte der Wahrheit ferner sein“, das wäre ja „der reine Wahnsinn“. Die Spieltheorie habe den Fehler, dass sie die Motive der Spieler für fix gegeben hält. Dabei gehe es doch darum, „neue Motive zu schmieden“, dem „Zynismus“ der Sparpolitik und einer „Tyrannei der Konsequenzen“ zu entkommen.

Freilich fügt sich auch das idealistische Pathos zwanglos in die Logik des Feiglingsspiels: Wenn ein Mitspieler sich in seiner Haltung einbetoniert, macht er die Ankündigung glaubwürdig, auf jeden Fall weiterzufahren, weil das seine „dominante Strategie“ ist. Das kann den Gegner zum „feigen“ Abbiegen bewegen. Oder der Provokateur erweckt glaubhaft den Eindruck, er handle irrational, es sei ihm also alles zuzutrauen – was zum wirren Hin und Her der Akteure in Athen passt. Mit dieser Variante beschäftigt sich übrigens die „Madman Theory“.

Sieht man aber genauer hin, geht es weniger um den Gemüts- und Geisteszustand der Fahrer, sondern um die Autos. Hellas fährt einen schrottreifen Kübel, ist de facto pleite und hat in diesem Sinne nicht mehr viel zu verlieren. Die Eurozone hingehen fährt einen großen, starken Vorführwagen. Sie kann den kleinen Duellgegner zwar problemlos niederwalzen. Aber wenn ihr Auto dabei selbst gröberen Schaden nimmt, will es niemand mehr haben – die große Idee des Euro wäre diskreditiert. Gut möglich, dass Athen damit spekuliert. Und dass gerade darin der Irrtum liegt: Die Eurozone ist – dank massiver EZB-Schützenhilfe und dem Aufschwung in den Reformstaaten Spanien, Portugal und Irland – heute eher in der Lage, einen Ausfall Griechenlands ohne Ansteckung zu verkraften.

Nun muss ein Theoretiker wie Varoufakis nicht selbst ein ausgefuchster Spieler sein – so wie ein Ethikprofessor selten ein Heiliger ist. In den üblichen Pokerbegriffen gesprochen, hat er sich bisher schlicht verzockt. Von seiner Werbetour durch Europa kam er mit leeren Händen zurück. Vor allem aber zeigte er viel zu schnell sein Blatt und verzichtete auf seinen Trumpf – den Schuldenschnitt. Hätte Athen damit weiter gepokert, dann hätten die Gläubiger ein griechisches Einlenken in letzter Minute schon als Erfolg verkaufen und eine Lockerung des Sparkurses ohne großen Protest erlauben können. Dann hätte jeder sein Gesicht gewahrt und die eigene rote Linie nicht überschritten: Merkel, indem sie einen offensichtlichen Schuldenerlass verhindert, und Tsipras, indem er jene Wahlversprechen einhält, die für die Griechen wirklich wichtig sind.

Stattdessen hat Athen provoziert und alle Brücken abgebrochen: das Hilfsprogramm aufgekündigt, keine Alternative präsentiert, die Troika verjagt – und damit die EZB gezwungen, ihre direkten Liquiditätshilfen einzustellen. Varoufakis hält sich die Pistole an den Kopf und droht damit abzudrücken, wie es der Ökonom Anatole Kaletsky formuliert. Aber womöglich liegt gerade darin eine Strategie: Athen stellt sich selbst an den Abgrund, die Europartner brauchen nur zu stoßen – und haben dann den Schwarzen Peter. Der große Spieltheoretiker Thomas Schelling hat diesen „Zwang durch Schwäche“ analysiert: Der Schwache bringt sich in eine ausweglose Lage und erhöht damit den moralischen Druck auf den einzig möglichen Retter. Das wäre mehr als eine Mitleidsmasche. Die USA könnten sich einmischen und Europa zur Hilfe drängen – Obama hat sich schon auf die Seite Athens gestellt. Und die Euro-Phalanx könnte vor der letzten Konsequenz zurückschrecken, weil sie bei einem – wenn auch unwahrscheinlichen – Scheitern der Einheitswährung nach einem Hellas-Crash als die einzig Schuldige dasteht. „Das werden sie nicht wagen“, hat Varoufakis schon einmal, in Sachen EZB und Stopp der Notkredite, getwittert. Vielleicht weiß der Herr der Spiele ja doch recht gut, was er tut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2015)

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