Doping: Alle Warnungen wurden überhört

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Ex-ÖSV-Trainer Gattermann hatte 2002 von „Humanplasma“ gehört; ÖSV-Ermittler „wurde ausgelacht“.

WIEN. „Der Leistungssport ist ein Spiegel unserer Gesellschaft“, sagt Langlaufexperte Franz Gattermann. In diesen Tagen vermag der einstige Rennsportleiter der Skifirma Fischer und ehemalige ÖSV-Langlauftrainer nicht mehr, in diesen zu blicken. Denn die Ermittlungen in der Dopingaffäre rund um das Wiener Labor „Humanplasma“ hätten nicht erst im Februar 2008 beginnen dürfen, sondern bereits nach Olympia 2002 in Salt Lake City. „Damals hatte ich zum ersten Mal von ausländischen Journalisten und Sportlern davon gehört. Sie sagten mir, dass in Wien und Oberösterreich etwas Großes laufen soll.“ Seine Erkenntnisse hatte der international anerkannte Loipenexperte weitergegeben, doch weder Justiz noch Verband reagierten. Es fehlte an rechtlichen Möglichkeiten und schlichtweg an Interesse.

Wirklich hören wollte ihn damals niemand, sagt Franz Gattermann heute. 2007 waren seine diesbezüglichen Anstrengungen auch nicht mehr erwünscht. Sein Vertrag als ÖSV-Cheftrainer lief nach einer Saison aus. Er war den Sportlern als Betreuer zu unangenehm.

„Noch alle Tassen im Schrank?“

Dass nun durch die Aussagen des Radprofis Bernhard Kohl („War Kunde von Humanplasma“) neue Bewegung in diese Causa gekommen ist, erfreut Gattermann. Vor allem erhofft er sich Klarheit über dessen Manager, Stefan Matschiner, der am Dienstag nach seiner Rückkehr aus den USA verhaftet worden ist. „Ich kannte ihn als Leichtathleten und ja, er ist mir 2006 in Turin über den Weg gelaufen. Aber in Bereichen, in denen du ohne Akkreditierung nicht hineinkommst!“ Er hatte keine, weder vom IOC noch vom ÖOC. Aber als „Gast“ des damals ungebetenen Olympia-Besuchers Walter Mayer hatte er anscheinend überall Zugang – sogar ins Österreich-Haus. Mittlerweile ist neben Matschiner auch Mayer verhaftet worden.

Mit Matschiner Bekanntschaft machte in Turin auch Markus Gandler, der 2006 im ÖSV noch für Langlauf und Biathlon zuständig war. „Ihn habe ich aber erst am letzten Tag gesehen“, will Gandler dabei betont wissen. Auch habe seines Wissens nach keiner der Athleten während der Spiele Kontakt mit Matschiner gehabt. „Danach sah ich ihn erst kurz vor der ÖSV-Disziplinarkommission wieder.“

Dass Walter Mayer oder gar die Sportstars Georg Totschnig und Christian Hoffmann mit Matschiner unter einer Dopingdecke stecken sollen, wie es einige Medien kolportiert haben, will Gandler nicht glauben. „Es wäre erschütternd, wenn es nach Turin – nach so einer Watsch'n – noch etwas gegeben hätte. Hoffmann wollte nur einen Sponsor über Matschiner finden. Aber ich habe ihm zur Vorsicht geraten!“

Immer wieder Zentrifugen

Persönliche Genugtuung empfindet Anwalt Arnold Riebenbauer, der Vorsitzende der ÖSV-Kommission. Er ging dem Vorwurf des „organisierten Dopings in Österreich“ nach und förderte interessante Tatsachen ans Tageslicht. „Meiner Vermutung nach müssen jetzt noch weitere Herrschaften auffliegen. Ich nenne aber jetzt bewusst keine Namen.“

Matschiner war Riebenbauer schon bei den ersten Befragungen ein Dorn im Auge. Auf die Spur zu Humanplasma war der ÖSV-Ermittler bereits 2007 gestoßen, „weil man dort über die notwendigen medizinischen Geräte verfügt.“ Seine Vermutung deckt sich mit Kohls Aussagen: Matschiner soll die zur Bluttransfusion tauglichen Geräte eben bei dieser Firma angekauft haben.

„Wir gehen der Sache intern nach und prüfen sämtliche Vorwürfe“, erklärte am Mittwoch eine Sprecherin von Humanplasma gegenüber der „Presse“.

Apropos Blutzentrifuge: Wegen so einer Maschine, die bei einer WADA-Kontrolle im Jänner 2006 in Mayers Pension in der Ramsau gesehen worden sein soll, wurde die Razzia in Turin „vorangetrieben“. Nun erwägt die Staatsanwaltschaft Wien wegen einer Zentrifuge, die bereits Ende März eingestellten Ermittlungen gegen Humanplasma wieder aufzunehmen. Die Ermittlungen drehen sich also weiter.

Über Dopingpraktiken bei Humanplasma wüsste Riebenbauer so einiges, „aber mich hat man ja nur ausgelacht. Man wollte mich mit Klagen zum Schweigen bringen.“

ZUR PERSON

Franz Gattermann
gilt als Loipenexperte und betreute für „Fischer“ Stars wie Björn Dählie. Schon 2002 hörte der Ex-ÖSV-Trainer, „dass in Wien und Oberösterreich im Doping etwas laufen soll“. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2009)

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