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Fotomuseum Westlicht: Das moderne Auge der Mode

(C) 1928 Condé Nast Publications
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Der teuerste Modefotograf im New York der Zwanziger, zugleich ein Pionier der Kunstfotografie: Eine Ausstellung zeigt das Werk von Edward Steichen.

New York in den 1920er-Jahren war ein Dorado für Modebegeisterte. Während in Europa die Folgen des Ersten Weltkriegs die Modeindustrie lähmten, steigerten die Modezeitschriften in den USA ihre Auflagenzahlen – und konnten sich hohe Gagen für Fotografen leisten. Der bestbezahlte war Edward Steichen, 1879 in Luxemburg geboren. Er war von 1923 bis 1937 Cheffotograf bei Condé Montrose Nast, dem Verleger der Modezeitschriften „Vanity Fair“ und „Vogue,“ sein Jahresgehalt würde heute einer Million US-Dollar entsprechen, schätzt William Ewing. Er ist Ko-Kurator der Ausstellung „Edward Steichen – High in Fashion“, die seit 2008 durch die Welt tourt und jetzt in Wien im Westlicht stationiert ist. Sie zeigt 190 Originalabzüge und 17 Originalmagazine, eine konzentrierte Auswahl aus dem Fundus von 2000 Fotografien, die man vor wenigen Jahren in dem New Yorker Verlagsarchiv fand.

 

Muster wie Matisse, Posen wie Rodin

Anfangs fotografierte Steichen noch im piktorialistischen Stil, einer Übergangsform auf dem Weg von der reinen Abbildung zur Kunstfotografie, mit verringerter Konturenschärfe, Vorliebe für Nachtszenen, zerstreuter Lichtführung, sorgsamen Ausschnitten. Schon damals nahm Steichen Anleihen in der Kunstgeschichte: Die gewagt kombinierten Muster von Teppich, Sofa, Vorhängen und dem Gewand seiner Modelle erinnern an den Henri Matisse, manche Posen an den Bildhauer Auguste Rodin. Stoffe drapiert er wie in der Malerei der Alten Meister, einige Hintergründe sehen aus wie Ausschnitte aus einem Kandinsky-Bild. Alsbald entwickelte Streichen seinen ganz eigenen Stil, ein „modern eye“, wie es Ewing nennt: Scharfe Kontraste, Diagonalen, Geometrie, Untersicht und Vogelperspektive, Kulissendesign und vor allem aufwendige Licht- und Schatteneffekte – Steichen arbeitete mit einem ausgefeilten Lampensystem – prägten seinen Stil, in den er oft auch einen Schuss Art-déco einfließen ließ. Großartig die „Abendschuhe von Vida Moore“, die in einem Spiel aus Linien und Spiegelungen ein Eigenleben entwickeln. Oder die Aufnahme der Schauspielerin Loretta Young, die auf einer von verwirrenden Schattenspielen umgebenen Treppe sitzt. Modeaufnahme oder Prominentenporträt? Diese Grenze wurde zunehmend unscharf: Steicher arbeitete gern mit jungen Schauspielerinnen und setzte seine Modelle wie Stars in Szene, „to be steichenized“ nannte man das.

In der Ausstellung werden die faszinierenden Aufnahmen als Kunstfotografien präsentiert. Zwar geben die in Vitrinen präsentierten Originalzeitschriften einen kleinen Eindruck des ursprünglichen Kontextes. Aber es ist trotzdem kaum nachzuvollziehen, wie bewusst die Bildkompositionen damals überhaupt wahrgenommen werden konnten. In der Fotografie nachfolgender Generationen jedenfalls ist der Einfluss dieses Meisters wirksam, bis heute gilt Steicher als der Modefotograf schlechthin. Er selbst verabschiedete sich 1937 von diesem Metier. Im Zweiten Weltkrieg leitete er die Fotografie-Abteilung der US-Marine, von 1947 bis 1962 die Fotoabteilung im Moma New York. Dort kuratierte er 1955 die wegweisende Ausstellung „Family of Man“: ein Porträt der Menschheit mit 503 Fotografien von 273 Fotografen aus 68 Ländern, die auf seinen Wunsch hin heute permanent in Luxemburg zu sehen ist.

Westlicht, Wien 7, Westbahnstraße 40, bis 19.April.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2015)