Villa in Not

In Oberalm bei Salzburg wurde 2011 ein Haus als Sommerfrischeresidenz von Paul Wittgenstein identifiziert. Dort vollendete sein Neffe Ludwig Wittgenstein 1918 seinen „Tractatus“. Der geplante Abriss der Villa schien verhindert – die Besitzerin zeigt sich jedoch wankelmütig.

Das Interesse in der internationalen Fachwelt ist ungebrochen groß: Ende Jänner kontaktierte Ray Monk („Ludwig Wittgenstein: The Duty of Genius“, 1990) die Initiative Villa Wittgenstein Oberalm: Der renommierte Wittgensteinexperte will die philosophiegeschichtlich bedeutende Villa Wittgenstein für seinen im Entstehen befindlichen Wittgenstein-Film besichtigen. Nach bisherigem Forschungsstand war sie im benachbarten Hallein vermutet worden. Gründungsmitglieder der Initiative wiesen hingegen nach, dass es sich dabei um die Fischer-Villa in Oberalm handelt, die in ihrer Substanz – zwar stark vernachlässigt und unsensibel verändert – noch erhalten ist.

In diesem Haus hatte der weltbekannte österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein im Sommer 1918 – auf Fronturlaub bei seinem Onkel Paul Wittgenstein – seiner epochalen „Logisch-philosophischen Abhandlung“, besser bekannt als „Tractatus logico-philosophicus“, die endgültige Fassung verliehen. Das ist wissenschaftlich mehrfach belegt, allerdings mit der falschen Ortsbezeichnung Hallein. Die Voraussetzungen für Wittgensteins Arbeit waren sehr gut, das Verhältnis der beiden Wittgensteins war innig. Ludwigs Schwester Hermine schrieb in ihren Familienerinnerungen, dass Paul seinem Neffen Ludwig, „während dieser an seinem ersten philosophischen Buch schrieb, die schönste Gastfreundschaft, die kongenialste Atmosphäre geboten hatte, und das wurde vom Empfänger dankbar genossen“.

„Alle Philosophie ist ,Sprachkritik?‘“, lautet einer der Kernsätze im „Tractatus“. Die Bedeutung der einzigen erhaltenen Sommerfrische-Villa in Oberalm, die Paul Wittgenstein (1842 bis 1928) zwischen 1889 bis zu seinem Tod bewohnt und 1894 erweitert hat, enthält allerdings noch andere Facetten. Paul war nicht nur ein Industrieller, sondern auch „Romantiker“ und äußerst begabte „Künstlernatur“ (Hermine Wittgenstein) sowie einer der ersten Förderer des berühmten Architekten Josef Hoffmann in der bekannten Industriellenfamilie. Ohne deren großzügiges Mäzenatentum hätte sich der künstlerische Aufbruch Wiens um 1900 weniger eindrucksvoll manifestiert. Der einarmige Pianist Paul Wittgenstein (1887 bis 1961) war Ludwigs Bruder.

Wichtige Dokumente zur komplexen Entstehungsgeschichte von Wittgensteins „Tractatus“ befinden sich heute in der Österreichischen Nationalbibliothek, beispielsweise das „Gmunden Typoskript“ (Ts 204) und der Briefverkehr zwischen Onkel Paul und Neffen Ludwig.

Mit Hilfe von Faksimiles ließe sich eine interessante Dokumentation dazu gestalten, meint Dr. Alfred Schmidt (ÖNB). Auch Frau Dr. Dorothea Salzer, die Urenkelin von Paul Wittgenstein, trägt die Initiative vollinhaltlich mit und betont in diesem Sinne, dass eine Verwendung des Namens Wittgenstein nur mit einer sensiblen Weiterentwicklung des Hauses einhergehen kann. Sie ist bereit, Leihgaben aus Familienbesitz (darunter auch Zeichnungen von Paul Wittgenstein) zur Verfügung zu stellen.


Philosopher in residence

Die Villa Wittgenstein besäße nach einer respektvollen Restaurierung und zeitgemäßen Adaptierung viele Potenziale. Im Obergeschoß stand für Ludwigs Besuche ein eigenes Zimmer bereit, das einen Weitblick ins Salzachtal ermöglicht. So könnte hier ein philosopher in residence – an Wittgensteins Sprachkritik anschließend – an der gesellschaftspolitisch hochrelevanten Thematik „Sprache, Macht und Manipulation“ arbeiten. Denkbar wären ebenso eine Dauerausstellung über die Wittgensteins mit Schwerpunkt Paul und Ludwig, eine philosophische Bibliothek, ein philosophisches Café, Symposien und Vorträge zu allen relevanten Themen zur Zeit-, Philosophie- und Kulturgeschichte, kammermusikalische Projekte, Preisverleihungen, Kooperationen mit den Salzburger Festspielen, der Sommerakademie der bildenden Künste, dem Musikfestival Palmklang, den Wittgenstein-Gesellschaften, dem Fachbereich Philosophie der Universität Salzburg, der Pernerinsel-Initiative und anderes. Es gilt, auch die örtlichen Kulturinitiativen einzubinden. Das Haus soll den Bewohnern der Region dienen, wissenschaftliche, auch internationale Gäste anziehende, Aktivitäten mit touristischem Mehrwert sollen ermöglicht werden.

Nicht immer waren Rettung und Erhaltung eines besonderen Ortes der Familie Wittgenstein so schwierig wie bei der berühmten Villa Wittgenstein in Wien-Kundmanngasse, die Ludwig für seine Schwester gemeinsam mit Paul Engelmann 1926/1927 plante. Gmunden hingegen ist ein positives Beispiel für das Engagement der öffentlichen Hand. 1978 erwarb das Land Oberösterreich von der Familie Stonborough-Wittgenstein die Schlossvilla Toscana, die Stadt Gmunden später die Kleine Villa Toscana. Letztere beherbergt – 2001 restauriert – das Thomas-Bernhard-Archiv. Aber auch die 500-Einwohner-Gemeinde Trattenbach agierte vorbildlich: Dort entstand ein Wittgenstein-Museum im Nebengebäude des Gasthauses Zum braunen Hirschen: Dort „bewohnte der weltberühmte österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein eine Kammer während der ersten Zeit seiner Tätigkeit als Volksschullehrer an der Schule“, so begründete das Bundesdenkmalamt 1984 die Unterschutzstellung. Trattenbach finanzierte Hausrenovierung und Ausstellung, gefördert vom Land Niederösterreich.

Die Villa in Oberalm besitzt hingegen eine unvergleichbar größere philosophiegeschichtliche Dimension – der unter Verschluss gehaltene, abschlägige Bescheid des Denkmalamtes im Sommer 2014 ist nicht nachvollziehbar. Ebenso unverständlich ist die Defensivität, wenn nicht gar ablehnende, jedenfalls nicht konstruktive Haltung des Bürgermeisters von Oberalm, einer prosperierenden, mit seinem architektonisch zeitgemäßen Gemeindeamt, weltoffen wirkenden Gemeinde im Zentralraum Salzburgs. Ein vom Rektor der Universität Salzburg – Heinrich Schmidinger ist ein Unterstützer der ersten Stunde und seit 2011 Vorsitzender der Österreichischen Universitätenkonferenz – für den Sommer 2014 angeregter Roundtable mit allen Beteiligten wurde vom Bürgermeister zugesagt, aber von ihm nie einberufen.

Die in Oberalm maßgeblich weiterentwickelte „Tractatus“-Fassung schließt mit den Worten: „Meinem Onkel Herrn Paul Wittgenstein und meinem Freund Herrn Bertrand Russell danke ich für die liebevolle Aufmunterung, die sie mir hatten zuteil werden lassen!“ Gleich davor findet sich Wittgensteins berühmter Satz „Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben“ im aufschlussreich sinnerweiterten Kontext, wonach ihm „die Wahrheit der hier mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv“ erscheine: „Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht nun der Wert dieser Arbeit zweitens darin, dass sie zeigt, wie wenig damit getan ist, dass diese Probleme gelöst sind.“

In Oberalm sind noch nicht alle Probleme gelöst. Die Initiative Villa Wittgenstein Oberalm hat sich seit Herbst 2014 um weitere Gesprächstermine mit Spitzenpolitikern des Bundes, des Landes Salzburg sowie erneut mit jenen der Gemeinde Oberalm bemüht mit der Bitte, sich für das Wittgenstein-Projekt einzusetzen. Im Jänner 2015 erhielt die Initiative einige demotivierende Antworten aus dem Bundeskanzleramt, vom Wissenschaftsminister und dem Landeshauptmann. Der wesentliche Grund für deren Zaudern liegt bei der Besitzerin Frau Dr. Michaela Boeckl. Im Herbst 2014 hatte sie der Initiative noch erklärt, im Rahmen einer Verbauung und Revitalisierung einen Teil, Teile oder das ganze Haus zum Kauf anzubieten. Sogar noch am 7. Jänner 2015 erfuhr die Initiative vom Architekten der Besitzerin, dass nach einer behördlichen Genehmigung eine Kostenschätzung und entsprechende Preisvorstellungen vorlägen. Dem Landeshauptmann hingegen hatte die Eigentümerin im Dezember 2014 geschrieben, dass „ein Verkauf für sie nicht in Frage kommt“.


Einsargung des Projekts

Bei den ersten Studien des Architekten für eine frei finanzierte Wohnanlage sollte die Villa komplett abgerissen werden. Nach Interventionen der Initiative entwickelte sich das Projekt erfreulich Richtung Erhaltung und Revitalisierung der Villa. Jetzt jedoch scheint die Besitzerin den positiven Prozess prinzipiell stoppen zu wollen.

Frau Dr. Boeckl zeigte sich bei einer ersten Kontaktaufnahme nach der Entdeckung ihrer Villa als Wittgenstein-Ort im Sommer 2011 überrascht, aber sehr interessiert. Daher ist es schwer nachvollziehbar, warum sie ihre frühere Sensibilität nun negiert. Sie scheint den Sinn für das kulturpolitisch außergewöhnliche und überaus attraktive Anliegen, die Wittgenstein-Villa Oberalm im Interesse des Landes Salzburg und der Republik zukünftig als „Europäischen Erinnerungsort für lebendige Kultur“ zu nutzen, verloren zu haben.

Aber ist das letzte Wort wirklich gesprochen? Soll auf diese Weise ein historisches Zeitfenster wirklich verschlossen werden? Die Initiative ist von der zukunftsweisenden kulturellen Bedeutung des Ortes, der mit dem Namen Ludwig Wittgenstein und seiner Familie verbunden ist, überzeugt. Wittgenstein steht für philosophische, kulturelle Modernität und ist – gleichrangig mit Wolfgang Amadeus Mozart, Christian Doppler, Leopold Kohr und Stefan Zweig – für Salzburg eine Chance, sich in attraktivster Weise positionieren und profilieren zu können. Zu den über 300 Unterstützern der Initiative gehören nicht nur namhafte Wissenschaftler mit internationalem Ansehen und herausragende Künstler, auch Menschen aus der Region haben die Bedeutung des Ortes erkannt und melden sich zu Wort.

Sollte sich herausstellen, dass Frau Dr. Boeckls Gesinnungswandel der bisher zaudernden Politik nur recht kommen würde, so wäre dies fatal für das Projekt Villa Wittgenstein Oberalm und ein Armutszeugnis für die bei jeder Gelegenheit beschworene „Kulturnation und das Salzburger Land“. Einige Lokalpolitiker betreiben offensichtlich mit der Besitzerin die Einsargung des Projekts. Es liegt in der Verantwortung der österreichischen und insbesondere Salzburger Kulturpolitik, die detailliert vorliegenden Rettungsvorschläge zu realisieren. ■