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Schweres Gepäck, leichte Reise

Transit Buddy
Transit BuddyNikolaus Korab
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Mobilität. Der Transit Buddy ist ein Trolley-Prototyp, der mit Gepäck beladen den kürzesten Weg zum Taxi oder Bahnsteig sucht. Dann klappt er sich zusammen und fährt zum nächsten Auftrag.

Wer im öffentlichen Verkehr unterwegs ist, dem stellen sich viele Fragen: Welcher ist mein Zug, wann fährt er ab? Wo kann ich mein Ticket kaufen? Wie komme ich zur U-Bahn oder ins Hotel? Hinzu kommen häufig große Distanzen zwischen Verkehrsknotenpunkten, die mit schwerem, sperrigem Gepäck und unter Zeitdruck zurückgelegt werden müssen. „Das stellt eine Barriere für die gesamte Reise dar und schränkt den Mobilitätsradius ein“, sagt Stefan Seer vom Department Mobility am Austrian Institute of Technology (AIT).

Um die Reise mit schwerem Gepäck zu erleichtern, hat das AIT 2012 gemeinsam mit Partnern wie der ÖBB Infrastruktur, DS Automotion und der TU Wien das Forschungsprojekt Transit Buddy gestartet. Förderung kam von der Forschungsförderungsgesellschaft FFG und vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT). „Dabei handelt es sich um ein autonomes Fahrzeug, das Personen den sicheren, bequemen Transfer und die Wegesuche erleichtert sowie zahlreiche Services bietet“, erklärt Projektleiter Seer.

 

Platz für bis zu drei Koffer

Der Fahrgast kann via Smartphone seinen Transit Buddy anfordern. Dieser ortet seinen Nutzer mittels Positionsbestimmung und steht für die Beladung mit bis zu drei großen Koffern bereit. Nachdem das Fahrziel wie Bahnsteig oder Straßenbahnhaltestelle eingegeben wurde, leitet der Transit Buddy die Person zum gewünschten Ziel – oder folgt ihr dorthin.

Neu ist, dass der Trolley nicht entlang vorgegebener Wege fährt, wie es für selbstgesteuerte Fahrzeuge üblich ist, sondern sich den Platz mit den Passanten teilt. Quasi eine Begegnungszone zwischen Mensch und Roboter.

Dabei werden sogar automatisch Umleitungen durch ausgefallene Liftanlagen, Wartungsarbeiten an Bahnsteigen und hohes Personenaufkommen berücksichtigt. Am Wunschort angelangt, meldet man sich ab. Das Gerät fährt zu einem weiteren Auftrag oder zur nächsten Ladestation.

Hinter der autonomen Fahrweise stecken modernste Robotertechnologie und ausgeklügelte Informations- und Navigationssysteme: Laser und Kameras erfassen die lokale Umgebung. Ein spezielles Indoor-Routingverfahren namens Slam misst das Bewegungsverhalten von Fußgängerströmen in Echtzeit und verhindert Kollisionen.

 

Das Gefährt im Test

In verschiedenen Anwendungsszenarien haben die Forscher getestet, wie mehrere Transit Buddys mit Personen und der Umgebung interagieren. „Dadurch konnten wir auf wichtige Bedürfnisse wie Sicherheit und Nutzerakzeptanz eingehen. So wurde ein Gesamtsystem in ansprechendem Design mit hoher Benutzerfreundlichkeit geschaffen“, sagt einer der Designer, Hans Stefan Moritsch, Geschäftsführer der BKM Design Working Group.

„Ein wesentlicher Gedanke war, dass die Menschen das Gefährt annehmen, es intuitiv verstehen. Wir haben uns die Frage gestellt, wie so ein Objekt auftreten kann. Wie kommuniziert es mit der Umgebung? Und wie reagiert der Mensch darauf?“, so Moritsch.

Daraus hat sich ein System ergeben, dem die Forscher zwei Zustände verliehen haben: Zusammengeklappt befindet sich das Gerät im selbst balancierenden und autonomen Zustand. Es beansprucht wenig Raum und ist sehr mobil. Im ausgeklappten Zustand wird das System vom Benutzer kontrolliert. Zugleich signalisiert es, dass es sich gerade im Einsatz befindet. Über Lichtleisten und akustische Signale teilt sich das Gerät dem Nutzer mit: Grün heißt aktiv, Rot heißt unter anderem Achtung und zeigt an, dass die Ladeklappen zu oder aufgeklappt werden.

 

Vorsichtig und freundlich

„Wichtig für die Akzeptanz ist, dem Objekt einen Charakter zu verleihen“, so Moritsch, der den Transit Buddy als vorsichtig, passiv und freundlich beschreibt. Nabenlose Räder und ein eigener Hebe- und Senkmechanismus lassen das System buchstäblich aufstehen oder sich setzen – etwa im Lift oder bei einem Hindernis. Da der Transit Buddy seine Geschwindigkeit individuell der Situation anpasst, wirkt er zudem verlässlich und unaufdringlich.

Wann der Transit Buddy herkömmliche Gepäckwägen an Bahnhöfen oder Flughäfen ablösen wird, wollen die Experten noch nicht beantworten. „Durch das Projekt haben wir wertvolle Erkenntnisse auf dem jungen Gebiet der Transfermobilität gewonnen. Wir wollen eine Vision entwickeln, wie Menschen in absehbarer Zeit mit autonomen Systemen im Alltag interagieren könnten“, sagt Seer. Er hält eine Marktreife des Transit Buddys in fünf bis zehn Jahren für realistisch. Mehrere große Player aus Wirtschaft und Transportwesen haben bereits ihr Interesse an der Technologie bekundet.

 

Barrierefrei unterwegs

Allen voran der Projektpartner ÖBB, der im Transit Buddy eine Antwort auf drängende Fragen sieht. Jährlich befördern die ÖBB 440 Millionen Menschen – mit steigender Tendenz. Zudem sind laut aktuellen demografischen Zahlen derzeit ein Viertel der Menschen in Österreich über 65 Jahre alt.

Mobilitätseingeschränkte Personen bilden derzeit etwa 30Prozent der europäischen Bevölkerung. Für diese Personengruppe gestaltet die ÖBB bereits heute im Zuge des „Etappenplan Verkehr“ gemäß Paragraf19 des Bundes-Behindertengleichstellungsgesetzes alle Bahnhöfe, die täglich von mehr als 2000 Reisenden genutzt werden, barrierefrei.

 

Auch Personen befördern

Bei diesen Entwicklungen stellt sich freilich die Frage, ob es sich nicht anböte, auch Personen mit dem Transit Buddy zu befördern? „Befragungen und Erhebungen zeigen, dass die Menschen das System zum Gepäcktransport, nicht aber als Vehikel nutzen wollen. Außerdem „tun sich hier dann viele rechtliche Fragen auf“, antwortet Seer, der aber unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten weiterhin für möglich hält.

LEXIKON

SLAM, Simultanious Localisation and Mapping, ist eine Lokalisierungsmethode, mit der ein mobiler Roboter mithilfe von Ultraschall und Laserstrahlen eine Karte seiner Umgebung erstellt und seine eigene Position innerhalb dieser Karte bestimmt.

Transfermobilität umfasst die Bewegung von Personen und Gütern im physischen, baulichen oder geografischen Raum für den Wechsel zwischen einzelnen Verkehrsmitteln. Eine besondere Bedeutung kommt der Gestaltung barrierefreier Wege für den Fußverkehr zu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2015)