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Wenn Belohnung zur Sucht wird

THEMENBILD: DROGEN - KOKAIN -
(c) APA
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Die libanesische Neurobiologin Rana El Rawas erforscht an der Medizinischen Universität Innsbruck den Effekt von Kokain auf bestimmte Teile des Gehirns.

Ein Gespräch mit Rana El Rawas führt man am besten auf drei oder vier Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch oder sogar Arabisch, so man es beherrscht. Die 32-jährige Neurobiologin forscht an der Abteilung für experimentelle Psychiatrie der Med-Uni Innsbruck über die Auswirkung von Drogenkonsum in den Molekülen und Zellen mancher Gehirnbereiche. Wenn sie über ihre Versuche und Erkenntnisse erzählt, dann sprudeln die Fachbegriffe nur so aus ihr heraus. Aber eben mindestens dreisprachig.

Ein Team von Wissenschaftlern der Med-Uni Innsbruck um Alois Saria und Gerald Zernig konnte schon in früheren Experimenten bei Ratten feststellen, dass diese unter bestimmten Umständen die Gesellschaft eines gleichgeschlechtlichen und gleich großen Partnertieres dem Konsum von Kokain vorzogen. Seit 2009 bringt El Rawas in diese Forschung ihre Expertise aus der Neurobiologie mit ein. Sie untersucht, gewissermaßen eine Stufe tiefer gehend, was in bestimmten Gehirnbereichen mit Zellen und Molekülen beim Drogenkonsum passiert.

 

Kokain als Testsuchtmittel

Warum können wir zum Beispiel immer wieder Nahrung zu uns nehmen, ohne dass das schädlich wäre? Warum geht das bei Kokain nicht? Gibt es beim Drogenkonsum, ähnlich wie bei Krebspatienten, bestimmte Marker? Und warum ist bei Patienten auf Entzug die Rückfallwahrscheinlichkeit geringer, wenn sie mit anderen Personen positiv interagieren? Getestet wird all dies an Ratten, die „Droge der Wahl“ ist Kokain, „weil es sehr stark ist und sich große Unterschiede ergeben, die sich besser darstellen lassen“, erläutert El Rawas.

Ihre Erkenntnisse könnten zur Entwicklung neuer Medikamente führen, aber auch Einfluss auf psychiatrische Therapieformen haben. Rana El Rawas stammt aus dem Libanon, wo sie Biologie studierte. Da der Libanon ein frankophones Land ist, lag es für sie danach nahe, nach Frankreich zu gehen und dort ihr Studium mit einem Doktorat fortzusetzen. An der Universität von Poitiers kam sie 2004 mit ihrem aktuellen Forschungsfeld „Drogenkonsum“ erstmalig in Berührung.

Doch zur Wissenschaft kam noch die Liebe. Die Jungforscherin heiratete. Ihr Mann, ebenfalls Neurobiologe, erhielt eine Stelle in Innsbruck. Bei der Frage, wie es weitergehen sollte, führte der Zufall Regie: „Auf einer Konferenz in Genf hatte ich dann das Glück, Professor Saria zu treffen. Dabei stellte ich fest, dass hier in Innsbruck auf einem ganz ähnlichen Feld geforscht wird wie in Poitiers, und so konnte ich hier an meine Arbeit in Frankreich anschließen.“

El Rawas ergänzt mit ihren Ansätzen die Innsbrucker Forschungen zur Suchtprävention ideal. Während dort vorher von außen das Verhalten von süchtigen, entwöhnten und nicht abhängigen Ratten beobachtet wurde, warf El Rawas erstmals auch einen Blick in das Gehirn der Tiere. Sie stellte dabei fest, dass Drogenbelohnung lang anhaltende Veränderungen und Schäden in jenen Teilen des Gehirns verursacht, die für das Belohnungsverhalten zuständig sind. Soziale Interaktionsbelohnung kann diese Veränderungen jedoch rückgängig machen. „Wir verstehen so den positiven Effekt von sozialer Interaktion auf den Abhängigkeitseffekt von Kokainkonsumenten viel besser“, sagt sie.

Den ersten Teil ihrer Forschungen bestritt El Rawas über das Lise-Meitner-Forschungsförderungsprogramm des Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF). Mit der Unterstützung aus dem Daniel-Swarovski-Förderungsfonds, die die zweifache Mutter inzwischen erhalten hat, will sie ihre Arbeit weiterführen. Danach möchte sie gern in Innsbruck bleiben, sich möglicherweise habilitieren und lehren: „Aber ich hoffe, dass ich zuvor noch ein Projekt bekomme, weil ich wirklich mag, was ich hier mache.“

ZUR PERSON

Rana El Rawas wurde 1983 im Libanon geboren. Dort studierte sie von 2000 bis 2004 an der Universität in Tripoli Biologie. Zwischen 2004 und 2008 absolvierte sie ein PhD-Studium an der Universität von Poitiers in Frankreich. Dort kam sie mit ihrem aktuellen Betätigungsfeld, der Suchtforschung, in Verbindung, das sie nun in Innsbruck weiter verfolgt. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von eineinhalb und dreieinhalb Jahren.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2015)