Von historischen Schokoladensuppen über das kirchliche Verbot des Verzehrs warmblütiger Tiere bis zum Tourismus – alles rund ums Fasten.
• Alkohol: Das berühmte „flüssige Brot“ der Mönche, also das Bockbier, hat seinen Ursprung nicht nur in dem Grundsatz, dass Flüssiges das Fasten nicht bricht. Bier wurde auch während der Fastenzeit vor allem deshalb getrunken, weil es im Gegensatz zu Wasser nicht verunreinigt war.
• Biber: Biber galten einst – ebenso wie Fischotter, Schildkröten, Frösche, Fischreiher, Schwäne, Enten und Gänse – als Fische oder zumindest als Wassertiere. Der Bezug zum Wasser reichte da schon aus. Und wenn nicht, wurden die Objekte der Begierde – etwa Schweine oder Kühe – einfach ins Wasser getrieben und dort geschlachtet.
• Chocoladensuppe: „280 Gramm zerriebene gute Chocolade lässt man mit 21/10 Liter guter Milch, 280 Gramm Zucker und einem halben Stängelchen Vanille nebst einer Prise Salz eine halbe Stunde kochen und nimmt während dieser Zeit die Haut öfters ab. Beim Anrichten wird sie mit einer Liaison von fünf Eigelb legiert und über mit Zucker glacierten Brodkrusten angerichtet.“ Dieses historische Rezept von 1860 führt Ulrike Borovnyak in ihrem Buch „Fasten für Genießer“ als Beispiel an, dass zumindest flüssige Schokolade eine gängige Fastenspeise war. Zu verdanken war das Papst Pius V., der 1569 erklärte: „Dieses Getränk bricht das Fasten nicht.“ Es schmeckte ihm nicht.
• Danach: Nach dem Fasten sollte man langsam beginnen, wieder normal zu essen. Also mit halben Portionen starten und diese dann vergrößern.
• Entschlacken: Auch wenn sich damit viele Ratgeber verkaufen, Entschlacken zählt viel mehr zu den Mythen rund ums Fasten. Denn Abbauprodukte, die der Körper nicht verwerten kann, werden über die Nieren und den Darm von ganz allein ausgeschieden.
• Fastenwandern hat sich zu einem touristischen Geschäftszweig entwickelt. 1954 hat der Schwede Lennart Edrén die erste medial begleitete Fastenwanderung gemacht. Auf der 500 km langen Strecke trank er nur Wasser.
• Gregor der Große: Papst Gregor der Große hat 590 die kirchlichen Fastengebote eingeführt, wonach während der 40 Tage zwischen Aschermittwoch und Ostern der Genuss von warmblütigen Tieren verboten ist.
• Heringsschmaus: Er macht deutlich, wie wir mit dem Fasten umgehen: begonnen wird gleich einmal mit einem üppigen Fisch-Mayonnaise-Salat.
• Internet: Worauf man in der Fastenzeit verzichtet, bleibt jedem selbst überlassen. Selbst im Stift Herzogenburg wird Facebook-gefastet.
• Jüdisches Fasten: Im Judentum gibt es mehrere Fasttage, an denen 24 oder 25 Stunden lang nichts gegessen wird.
• Karpfen: Fisch hat in der Fastenzeit eine lange Tradition, allen voran der Karpfen. Karl der Große hat um 800 auf den Höfen angeordnet, Karpfenteiche anzulegen. Im Mittelalter spezialisiertem sich viele Klöster auf die Karpfenzucht. In einem offenbar derart großen Ausmaß, dass Ende des 16. Jahrhunderts Rudolf II. die Neuauflage von Karpfenteichen verboten hat, weil man das Land für den Ackerbau brauchte.
• Lichtfasten hat nicht das Geringste mit der Fastenzeit zu tun, sondern viel mehr mit esoterischem Humbug.
• Milch: Milch, Butter und Käse waren ebenso im Fastengebot von Gregor dem Großen verboten. Nach und nach wurde es gelockert. Im Biedermeier war etwa Schmalz wieder erlaubt.
• Nein sagen: In der Fastenzeit geht es auch um die Standhaftigkeit.
• Ostern: Mit dem Osterfest endet der Verzicht, und es kann guten Gewissens wieder gevöllert werden.
• Politik: Fasten hat auch eine politische Komponente, etwa als Hungerstreik. Mahatma Gandhis gewaltfreier Kampf gegen die englische Herrschaft ist das berühmteste Beispiel.
• Quacksalber gibt es bei den Themen Fasten, Ernährung und Gesundheit zuhauf. Sich lieber an Ärzte und Ernährungswissenschaftler wenden. •Ramadan: Der Fastenmonat der Muslime findet im neunten Monat des muslimischen Mondkalenders statt – heuer zwischen 18. Juni und 16. Juli.
• Sondergenehmigung: Im 19. Jahrhundert gab es eine gesetzliche Verordnung, die Gastwirte dazu verpflichtete, Fastenspeisen anzubieten. Nur in Ausnahmefällen war es ihnen erlaubt, in einem Extrazimmer Fleisch zu servieren. Wer sich nicht daran hielt, dem drohte eine Gewerbesperre. Der Butterbrief erlaubte allerdings den Privilegierten den Genuss von Fleisch und Butter.
• Typen: Ralf Moll gilt als Erfinder des Typfastens, der Säfte-, Früchte- und Suppenfasten unterscheidet. Säfte empfiehlt er stärkeren bis übergewichtigen Personen, Moll nennt sie Ernährungsnaturell. Die Obstvariante ist für sportlichere Typen gedacht (Bewegungsnaturell), die Suppe für Zierliche und Ältere (Empfindungsnaturell).
• Urlaub: Fasten ist heute ein gutes Geschäft. Das beginnt bei Büchern zum Thema, geht über eigene Produkte wie Instantfastensuppen bis hin zu Urlaubsangeboten in Klöstern und Hotels – inklusive Massage und Wellness.
• Verzicht: Worauf man verzichtet, bleibt heute jedem selbst überlassen. Die Frage ist eher, wie man danach damit umgeht.
• Wüste: Rückzug ist auch heute noch Thema. Früher hat man das strenger genommen. Jesus soll sich 40 Tage lang in die Wüste zurückgezogen haben, Mohammed zog die Berge vor.
• X-fach: Früher beinhaltete das Fastengebot nur eine Mahlzeit pro Tag. Es dauerte nicht lang, bis daraus ein mehrgängiges Menü wurde.
• Yoga: Beim Fasten spielt auch Bewegung eine Rolle, allerdings keine Extremsportarten, sondern vielmehr moderate Bewegung wie Spazieren, Wandern, Schwimmen, Radfahren oder eben Yoga.
• Ziel: Aus religiöser Sicht wird gefastet, um sich auf das Wesentliche zu besinnen, die Seele zu reinigen und dem Bösen zu widerstehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2015)